GRIECHENLAND: Der Sieg des Pyrrhus

von | 22.06.2012

Das Linksbündnis Syriza hat die Wahlen in Griechenland knapp verloren. Nicht wenige in der griechischen Linken sind erleichtert. In der Opposition wird die Partei mehr gegen die Sparpolitik tun können.

Der richtige Ort fĂĽr die Linke ist die Opposition: Militante von Syriza, nicht auf dem Marsch durch die Institutionen.

„Wir sind tote Menschen“, sagt Giorgos F. Der 60-Jährige sitzt erschöpft auf einer Bank im Stadtteil Pangrati und hält in seinen Händen die Stromrechnungen der letzten vier Monate. Giorgos hat am Sonntag fĂĽr das LinksbĂĽndnis Syriza gestimmt, das mit 26,89 Prozent der Wählerstimmen zur zweitstärksten Kraft wurde. Giorgos‘ fĂĽnfköpfige Familie hat seit mehr als einem Monat keinen Strom, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte: „Ich muss unbedingt 400 Euro auftreiben, damit wieder Licht in die Wohnung kommt“, sagt er resigniert. Er und seine Frau sind seit mehr als zwei Jahren arbeitslos. Sie mĂĽssen mit Gelegenheitsjobs oder Hilfe von der Kirche und Bekannten auskommen. UnterstĂĽtzung vom Staat gibt es keine. Der Wahlsieg der konservativen Nea Dimokratia von Antonis Samaras, der ein RegierungsbĂĽndnis mit den Sozialisten der Pasok und der Demokratischen Linken (Dimar) sucht und wohl auch bekommen wird, wie bei den Verhandlungen am Dienstag sichtbar wurde, bedeute fĂĽr Giorgos und seine Familie nichts anderes als die Fortsetzung der korrupten Politik, die Griechenland in die heutige Lage gebracht hat, meint er. „Keiner von den Politikern, die wiedergewählt worden sind, wird bestraft werden fĂĽr die Skandale und Fehler, die Griechenland kaputt gemacht haben“, sagt er empört, „meine einzige Hoffnung ist, dass Syriza eine starke Opposition machen und nicht zulassen wird, dass noch härtere SparmaĂźnahen auf uns zukommen.“

Diese Hoffnung teilen in Griechenland viele, denn die Euro-Finanzminister erwarten von der neuen Regierung vor allem eines: die Umsetzung des Spar- und Reformprogramms. Höchstens bei den Fristen fĂĽr die Umsetzung besteht etwas Spielraum. Insgesamt ist der knappe Wahlsieg der Konservativen als Votum fĂĽr einen Reformkurs gewertet worden. „Das gemeinsam mit Griechenland erarbeitete und vereinbarte Programm hat nur einen Zweck: Griechenland zurĂĽck auf den Weg wirtschaftlicher Prosperität und Stabilität zu fĂĽhren“, sagte etwa Deutschlands Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Während ganz Europa auf die „Schicksalswahl“ schaute, haben sich fast 40 Prozent der Griechen von den Wahlurnen ferngehalten.

Der Wunsch, ein Teil Europas zu bleiben, sei trotz des groĂźen Unmuts ĂĽber die Sparpolitik bei der Parlamentswahl entscheidend gewesen, betonen auch politische Beobachter in Griechenland. „Die Wähler haben den sogenannten Systemkräften noch eine Chance und ein wenig mehr Zeit gewährt“, schreibt etwa die linksliberale Online-Zeitung To Vima, „sie möchten ihren Kontakt zu Europa und seinen Institutionen nicht verlieren. Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben diesen Wunsch des griechischen Volkes unterschätzt (?) Dieser Wunsch aber hat das Wahlverhalten bestimmt.“

Faih, eine 21-jährige Psychologiestudentin, versucht mit einem unsicheren Lächeln zu erklären, warum sie fĂĽr die Nea Dimokratia gestimmt hat: „Ich habe einer pro-europäischen Partei meine Stimme gegeben“, sagt sie, „wir mĂĽssen ein Teil Europas bleiben, weil wir viel geben und viel davon nehmen können.“ Neben ihr sitzt Nikos, ein 35-jähriger Bankangestellter, der nervös mit seinen Fingern spielt. Er hat mitbekommen, wie in den vergangenen Tagen aus Angst vor dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der RĂĽckkehr zur Drachme eine riesige Kapitalflucht stattgefunden hat, und ist sehr besorgt: „Ich habe Syriza gewählt, obwohl ich nicht ganz von deren Thesen ĂĽber Auswege aus der Krise ĂĽberzeugt bin“, gibt er zu. „Es gab aber keine Partei, die mir das GefĂĽhl gab, dass sie eine richtige Lösung hat.“

Während ganz Europa auf die „Schicksalswahl“ schaute, haben sich fast 40 Prozent der Griechen von den Wahlurnen ferngehalten. So wie Alexandra, eine 47-jährige Privatangestellte, die es vorzog, den Wahltag am Strand zu genieĂźen: „Es ist egal, wer regiert. Wir werden so oder so sehr schlimme Tage erleben“, sagt sie. Noch am 6. Mai hatte sie fĂĽr Syriza gestimmt.

Besonders schlecht fielen die Ergebnisse fĂĽr die Kommunisten der KKE aus, die rund 4,5 Prozent der Stimmen bekamen und auf Platz sieben landeten, noch hinter der Neonazi-Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte), die mit fast sieben Prozent zum zweiten Mal seit der Wahl im Mai ins Parlament gewählt worden ist. Die Faschisten sind zur fĂĽnften Kraft geworden und haben sich somit in der politischen Landschaft Griechenlands etabliert. Ihre rechtsradikalen Parolen finden im krisengebeutelten Land immer mehr Gehör. Vor allem die rassistische Propaganda kam während des Wahlkampfs gut an: Ein Kandidat von Chrysi Avgi versprach etwa, nach den Wahlen ausländische Kinder aus Griechenlands Kindergärten zu vertreiben. Auch aus Krankenhäusern sollen die Einwanderer ausgeschlossen werden.

Mittlerweile sind auch Linke zu Angriffszielen der Neonazis geworden. Am 7. Juni attackierte der Pressesprecher von Chrysi Avgi, Ilias Kassidiaris, während einer Talkshow eine Abgeordnete der Kommunistischen Partei vor laufender Kamera mit Faustschlägen. Der Vorsitzende der Partei, Nikolaos Michaloliakos, sagte vorige Woche, Griechenland habe nur während der Diktatur gute Zeiten erlebt. „Chrysi Avgi ist das kommende Griechenland“ – mit diesen Sätzen kommentierte er am Sonntagabend den Erfolg seiner Partei, während die EU und die Märkte erleichtert den knappen Sieg der BefĂĽrworter des Sparkurses in Griechenland begrĂĽĂźten.

Am Montag verkĂĽndete Alexis Tsipras, Syriza werde sich nicht an einer Koalitionsregierung beteiligen. „Wir werden in der Opposition sein“, sagte er nach einem Treffen mit Wahlsieger Samaras. Syriza stehe nicht fĂĽr eine Koalition mit den BefĂĽrwortern des Sparkurses zur VerfĂĽgung. Das LinksbĂĽndnis werde weiter gegen das mit den internationalen Geldgebern vereinbarte Sparprogramm kämpfen.

Griechenland bleibt ein politisch gespaltenes Land. Wer auf einen Sieg von Syriza gehofft hatte, und damit auch auf einen Wechsel in der griechischen und europäischen Wirtschaftspolitik, ist enttäuscht. Aber es gibt auch viele in der Linken, die erleichtert sind, denn nicht alle halten Syriza für geeignet, eine Regierung zu bilden.

Auf der Website „protagon.gr“ war zu lesen, dass eine neue Regierung von Nea Dimokratia kaum Ăśberlebenschancen habe und der wahre Wahlsieger Tsipras sei: „Tsipras ist der Einzige, der feiern kann. Nicht nur, weil er es geschafft hat, die prähistorische Kommunistische Partei an die Grenze des politischen Aussterbens zu bringen, sondern weil er den Super-Gau vermeiden konnte, nämlich, dass die Bombe des Bankrotts in seinen Händen (…) explodiert.“ Und so betrachten nicht wenige Linke in Griechenland das Wahlergebnis von Syriza als einen Sieg.

Chrissi Wilkens berichtet fĂĽr die woxx aus Athen.

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