Armenien: Im Schatten von Bergkarabach

von | 02.07.2026

Fast drei Jahre nach der Vertreibung der Armenier aus der Region Bergkarabach prägen die Folgen des Konflikts weiterhin den Süden Armeniens. Eine Reise in die Grenzregion Sjunik.

Der Turm einer schlichten orthodoxen Kirche, im Vordergrund sind Leinen gespannt, auf denen einige Wäschestücke hängen. Im Hintergrund eine saftig-grüne Hügelgruppe.

Das dörfliche Idyll trügt: Die Bevölkerung der Kleinstadt Goris im Südosten Armeniens schwoll nach der Vertreibung der Armenier*innen aus Bergkarabach zeitweise auf das bis zu Sechsfache an. (Foto: Maik Bierwirth)

Der Worotan-Pass auf dem Weg von Eriwan nach Goris – eine Kleinstadt im Südosten Armeniens nahe der Grenze zu Aserbaidschan – liegt 2.344 Meter über dem Meeresspiegel. Auch im Mai sind hier die Hänge und Wiesen neben der Straße noch schneebedeckt. Die Aussicht über das armenische Hochland im Kleinen Kaukasus ist bezaubernd, man sieht zerklüftete rote Felsen und Steppenlandschaft, so weit das Auge reicht. Sogar der Gipfel des Großen Ararat schimmert im Westen jenseits der türkischen Grenze am Horizont. Bisweilen verdeckt plötzlich aufkommender Nebel die Sicht – oder hat sich einfach eine Wolke über die Bergstraße geschoben? Gelegentlich geraten Kuh- und Schafherden ins Blickfeld, ein paar Mal überqueren sie sogar die Fahrbahn; der Bus muss kurz anhalten oder sich zwischen ihnen hindurchschlängeln. Einmal taucht aus der Gegenrichtung eine Kolonne von vier iranischen Tanklastern auf – die geographische und politische Lage von Armenien ist kompliziert.

Mit dem politisch illiberaler werdenden Georgien im Norden und dem Iran im Süden gibt es solide Wirtschaftsbeziehungen. Doch das kleine Land im Kaukasus mit seinen drei Millionen Einwohner*innen liegt auch zwischen der Türkei im Westen und Aserbaidschan im Osten, mit beiden Ländern ist es aus unterschiedlichen historischen Gründen schon lange verfeindet. Ministerpräsident Nikol Paschinjan, dessen Partei die Parlamentswahl Anfang Juni mit knapp 50 Prozent der Stimmen klar für sich entschied, arbeitet zwar daran, dass sich das ändert, doch gerade diese Bemühungen um Diplomatie und Frieden mit all den Zugeständnissen, die sie erfordern, sorgen bei einem Teil der Staatsbürger*innen für Unmut. Denn erst 2023 wurde die armenische Bevölkerung aus der Enklave Bergkarabach – auf Armenisch: Arzach – vertrieben („Mehrere Niederlagen“; woxx 1754). In der Region leben seit der Antike ethnische Armenier, seit Langem machten sie dort die Mehrheit aus. Doch sie gehörte seit 1918 zu Aserbaidschan, wenn auch in der Sowjetunion bis 1991 als autonomer Oblast. Im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien in den frühen Neunzigern konnte sich Bergkarabach schließlich als de facto unabhängiger Staat etablieren.

Russland galt traditionell als Schutzmacht Armeniens, während Aserbaidschan von der Türkei unterstützt wird. Nach einer weiteren kriegerischen Auseinandersetzung 2020 vermittelte Russland den Waffenstillstand und stationierte Friedenstruppen in Bergkarabach („Unter russischer Aufsicht“; woxx 1607). Doch dann verhinderte es weder einen weiteren Konflikt im Jahr 2022 noch die vollständige Eroberung der Enklave durch Aserbaidschan im September 2023.

Mehr als 100.000 Menschen flohen damals aus Bergkarabach. Der Weg über die armenische Grenze führte den Flüchtlingstreck nach Goris mit seinen rund 20.000 Einwohnern, wo von einem Tag auf den anderen Zehntausende Menschen gestrandet waren. Da auch die Straßen aus Goris heraus in der südlichen Provinz Sjunik zunächst nicht sicher waren, schwoll die Bevölkerungszahl der Stadt kurzzeitig auf mehr als das Sechsfache an.

Die 250 Kilometer lange Strecke auf der Fernstraße aus der armenischen Hauptstadt nach Goris führt auch entlang der Grenze zur aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan, die sich südwestlich an Armenien anschließt. Hier sind mancherorts deichartige Wälle neben der Straße aufgeschüttet, die verhindern sollen, dass die Straße beschossen wird; sie sind nach früheren Vorfällen errichtet worden. Die Schutzwälle sind in mattem Grün mit Büschen, Gras und Gestrüpp überwachsen, was erahnen lässt, wie lange der Konflikt schon dauert – 1988 eskalierte er erstmals blutig.

Eine zu schaffende Transitverbindung zwischen Aserbaidschan und Nachitschewan quer durch Armenien bildet eine der zentralen aserbaidschanischen Forderungen für den Friedensprozess zwischen den beiden Ländern und steht auch in dem Abkommen, das sie mit US-Präsident Donald Trump am 8. August 2025 unterzeichneten. Doch wie genau dieser Sangesur-Korridor auf armenischem Gebiet letztlich gesichert werden soll und vor allem von wem, ist bislang unklar – sicher ist nur, dass ein US-geführtes Konsortium exklusive Entwicklungs- und Managementrechte erhalten soll, die den Export von Energie und anderen Ressourcen erleichtern sollen, während die Route formal unter armenischer Hoheit verbleibt.

Ein weißer Geländewagen der Unicef steht vor einem Gebäude. Im Hintergrund sind weitere Fahrzeuge zu sehen.

Ein Innovationszentrum in Goris wird zur Drehscheibe für die Unterstützung der Vertriebenen: Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen kümmert sich um geflüchtete Kinder und Jugendliche. (Foto: Maik Bierwirth)

Als 2023 die Flüchtlinge kamen

Als damals die Flüchtlinge nach Goris kamen, sei die Situation fürchterlich gewesen, aber die Solidarität groß, berichteten mehrere Einheimische der woxx. Raisa Aghabekjan und Rusan Nadanjan arbeiten beim Innovationszentrum „Impact Hub Syunik“, dem lokalen Ableger eines weltweiten Netzwerks, das sogenannte soziale Unternehmer*innen, Start-ups und zivilgesellschaftliche Initiativen fördert und von Wien aus koordiniert wird. Die Coworking-Räumlichkeiten des Impact Hub dienten im Herbst 2023 als Arbeitsort für zahlreiche Journalist*innen der internationalen Presse, die aus Goris über Krieg, Vertreibung und die Bewältigung dieser Krise berichteten.

Nadanjan, die neben ihrem Studium vor allem in den Jugendprogrammen des Impact Hub tätig ist, erzählt, wie sie damals in langen Tag- und Nachtschichten dabei half, die Geflüchteten aus Bergkarabach zu registrieren. Die Studierenden der Staatlichen Universität Goris hätten damals eine große Stadtreinigung organisiert, weil der Ort als Folge des Ausnahmezustands und der Überbelegung stark vermüllt gewesen war. Dennoch habe es zunächst keine Spannungen zwischen den Alteingesessenen und den Neuankömmlingen gegeben. Es habe Solidarität mit den Vertriebenen geherrscht, die letztlich als Landsleute angesehen worden seien.

Inzwischen stehen vor dem Gebäude des Impact Hub, in dem sich auch ein Hotel befindet, schwere Geländewagen der Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) und der EU. Die Unicef unterstützt die Versorgung der geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Die „European Union Mission in Armenia“ (EUMA) soll auf der armenischen Seite der Grenze von sechs Stützpunkten aus durch ihre bloße Präsenz den fragilen Frieden sichern und Provokationen verhindern.

Beim Europatag am 9. Mai in Eriwan erzählte am Infostand der EUMA ein österreichischer Mitarbeiter der Mission der woxx, wie sinnvoll ihm diese friedenssichernde Tätigkeit erscheine. Sein Eindruck sei, dass vor allem die Menschen an der Grenze froh über die Mission seien. 166 unbewaffnete internationale Einsatzkräfte aus EU-Mitgliedstaaten und Kanada sowie 59 lokale Mitarbeitende sind an ihr beteiligt.

Putin droht

„Das Land ist eingeklemmt zwischen feindlichen Nachbarn – der Türkei und Aserbaidschan“, erläuterte die deutsche Armenologin Tessa Hofmann kürzlich in einem Interview mit dem Magazin „Loyal“, das vom Reservistenverband der deutschen Bundeswehr herausgegeben wird. Die Menschen sähen deshalb „in Paschinjan und seiner Politik von allen Übeln das geringste“, denn er blicke „zumindest in die Zukunft und versucht, eine Perspektive für das Land zu entwickeln“. Gleichzeitig sei die Abhängigkeit von Russland immens und die Stärke der EU sehr begrenzt: Paschinjan halte „sich auf jeden Fall mit Russland eine Option offen“. Es sei „zumindest eine historisch bewährte Vorgehensweise, multipolar zu agieren, gesprächsbereit zu sein und in den regionalen Hegemonialmächten Mediatoren zu sehen“.

Das primäre Interesse der EU an Armenien bestehe in der „Zurückdrängung des russischen und iranischen Einflusses im Südkaukasus“, diagnostizierte Hofmann. Die EU hat deshalb vor den Wahlen sehr deutlich Paschinjan unterstützt. Im Mai reisten für einen Gipfel mit Armenien unter anderem die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der französische Präsident Emanuel Macron in die Hauptstadt Eriwan, um ein Partnerschaftsabkommen zu unterzeichnen. Paschinjan sprach sogar davon, dass er langfristig einen EU-Beitritt anstrebe.

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin drohte unterdessen kurz vor der Wahl, die „Krise in der Ukraine“ habe ebenfalls mit einer Annäherung an die EU begonnen. Er wollte damit offenbar die Armenier dazu bringen, für die Konkurrenz von Paschinjans Partei „Zivilvertrag“ zu stimmen, jene war größtenteils für eine Annäherung an Russland eingetreten. Dass „Zivilvertrag“ mit 49,9 Prozent der Stimmen eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze erhielt, bedeutet wohl, dass er seinen bisherigen Kurs fortsetzen kann.

Frontalaufnahme einer Hängebrücke, bestehend aus Metallgittern am Boden und an den Seiten, die über eine Schlucht zu einer grünbewachsenen Hügellandschaft führt, in welche Hohlen eingelassen sind.

Wer die Wohnungen des verlassenen Höhlendorfs Chndsoresk besichtigen will, sollte schwindelfrei sein: Nur über eine 160 Meter lange Hängebrücke gelangt man an das gewünschte Ziel. (Foto: Maik Bierwirth)

Besuch im Höhlendorf

Aghabekjan, die Leiterin des Impact Hub Syunik, erzählt in Goris der woxx, wie sie und ihre Kolleginnen alten und neuen Bewohnern der Stadt und der Provinz dabei helfen, Geschäftsideen zu verfolgen. Das Ergebnis sei zum Beispiel eine Bäckerei mit traditionellen Spezialitäten aus der Region Arzach gewesen. Workshops zu Medien- und Digitalkompetenz sowie Projektmanagement und Coaching gehören ebenfalls zu den Angeboten. Dafür ist die Organisation allerdings auch auf finanzielle Förderung aus dem Ausland angewiesen, insbesondere von den UN und aus Europa. Die Partner für einzelne Programme am Impact Hub werden auf der Homepage transparent aufgelistet, die von der US-Regierung unter Donald Trump inzwischen weitgehend abgewickelte Agentur für Entwicklungsunterstützung „USAID“ gehörte ebenfalls dazu.

Anstatt mit dem Reisebus geht es in geländetauglichen Kleintransportern über die Hauptstraße M12 aus Goris heraus und ins Sangesur-Gebirge hinauf, dann durch ein Labyrinth aus Schotterwegen mit jeder Menge Schlaglöchern in hügeligem Gelände nach Chndsoresk, genauer gesagt zum der heutigen Ortschaft gegenüberliegenden Bergkamm des alten, verlassenen Höhlendorfs Chndsoresk. Bereits ab dem 5. Jahrhundert lebten armenische Christen hier in Höhlen, die sich schwer zugänglich im felsigen Hang befanden, oberhalb einer tiefen Schlucht namens Chor Dsor („tiefer Abgrund“), woraus sich der Ortsname entwickelte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Chndsoresk über 8.000 Einwohner*innen, die in den rund 1.800 Höhlen und wenigen freistehenden Gebäuden lebten. In den 1950er-Jahren wurde schließlich in der Nähe ein neues Dorf gleichen Namens für die Bewohner*innen gebaut. Es liegt nur sieben Kilometer Luftlinie von der aserbaidschanischen Grenze entfernt. Einige Familien der „Alt-Chndsoresker“ hielten noch Jahrzehnte an den Höhlenwohnungen fest. Während des Kriegs um Bergkarabach zwischen 1992 und 1994 flüchtete die Dorfbevölkerung aus „Neu-Chndsoresk“ wiederholt vor Artilleriebeschuss in die Höhlen, sie dienten nunmehr behelfsmäßig als bunkerartige Schutzräume. Mittlerweile ist das Höhlendorf vor allem eine touristische Attraktion.

Das Panorama über die Schlucht auf den gegenüberliegenden Hang mit seinen unzähligen ehemaligen Wohnhöhlen ist atemberaubend. Nervenaufreibend ist indes allein schon der Blick auf die schwingende Hängebrücke von 160 Meter Länge, die überquert werden muss, um zu den Höhlen zu gelangen. Zunächst geht es jedoch eine steile Treppe den Hang hinab, unten stehen sogar ein paar unverwüstliche Taxis bereit, um die Gäste bei Bedarf über einen kurvigen Serpentinenweg wieder auf den Bergkamm zurückzubringen.

Für Tourist*innen, die nicht schwindelfrei sind, geht der Ausflug hier nicht weiter, zumal die Hängebrücke unter den Schritten der anderen, überwiegend russischen Reisenden bemerkenswert schaukelt und schwankt. Und nicht nur seitlich, sondern auch durch die Bodengitter kann und muss man den Blick in die grün bewaldete Schlucht genießen. Zumindest wirkt das Gebilde halbwegs sicher konstruiert und in gutem Zustand. Dass man auf solchen Brücken nicht im Gleichschritt gehen soll, um starke Schwingungen zu vermeiden, ist offenbar nicht allen der Entgegenkommenden bekannt.

In Armenien lächelt Jesus am Kreuz

Auf der gegenüberliegenden Seite angelangt, führt ein Feldweg am Berghang zwischen Höhlen und Ruinen bis zur ehemaligen Kirche des Dorfs, deren Mauern in einer Ecke einzustürzen beginnen. Die Sankt-Hripsime-Kirche wurde 1665 als dreischiffige Basilika errichtet, ihr Name erinnert an eine Heilige der armenisch-apostolischen Kirche aus dem 4. Jahrhundert. In Armenien wurde das Christentum im Jahr 301 zur Staatsreligion erklärt; man ist dort stolz darauf, das erste christliche Land überhaupt gewesen zu sein, noch vor dem Römischen Reich. Das armenische Christentum ist als altorientalische Konfession enger verwandt mit dem ägyptischen Koptentum und der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, deren Patriarch seinen Sitz in Damaskus hat, als mit der östlichen Orthodoxie, im Unterschied etwa zur Georgisch-Orthodoxen Kirche.

In der Hripsime-Kirche steht ein Mann vor dem Altar und singt. Die Akustik des Raums ist trotz seines etwas desolaten Zustands eindrucksvoll, und der Gläubige hat eine ausnehmend gute Stimme, der feierlich-ätherische Gesang dient ihm offenbar als Andacht. Er ist in Begleitung eines Paars mit Baby, vielleicht handelt es sich nicht um Touristen, sondern um Bewohner*innen von Neu-Chndsoresk. Im Seitenflügel zum Altar steht ein rechteckiges Metallbecken, das mit Sand gefüllt ist. Darin stellen die beiden Gläubigen dünne gelbe Kerzen auf – im Armenischen „Mom“ genannt –, jede entzündete Kerze steht für ein persönliches Gebet. Als sie die Kirche verlassen, drehen sie sich um und schreiten rückwärts durch das Kirchentor. Das ist gängige Praxis gläubiger Armenier*innen, beim Verlassen der Gebetshäuser soll dem Altar nicht der Rücken zugewandt werden. Den westlichen Besucher könnte außerdem das sanfte Lächeln Jesus’ am Kreuz irritieren, das sich bei den Darstellungen in den armenisch-apostolischen Kirchen, ob an Kruzifixen oder auf Abbildungen, erkennen lässt. Manche armenische Geistliche deuten dies als Betonung der Freude der Auferstehung. Das Leiden Christi wird in ihrer Theologie weniger betont, Gottes Sohn überwand direkt und unvermittelt den Tod in einem Triumph des Lebens.

Inzwischen ist dichter Nebel im Khor-Dsor-Tal aufgezogen, der gegenüberliegende Berghang ist kaum noch zu erkennen. Zurück an der Hängebrücke kann man nun keine 50 Meter weit sehen, der Weg über den Abgrund führt ins Nirgendwo. Der Wetterumschwung verleiht dem Ort einen surrealen Charakter. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Bauart der Hängebrücke als beeindruckend: Sogar die Stahlseile, die die Brücke halten, sind zum Teil wie um eine Säule herum aufgespannt, also durch zwei Eingänge einer Höhle hindurch um deren Außenwand festgezogen. Die Befestigung wurde nicht ins Gestein getrieben, sondern der Berg stützt mit seinem Gewicht und seiner Struktur die Konstruktion. Was für eine Kombination aus schroffer Natur und rationaler Ingenieurskunst! So kann der Besucher in vollem Vertrauen über die Gitterplatten der Hängebrücke in den Nebel wandeln.

Vor der Tür des gemütlich-rustikalen Restaurants „At Vazo“ in Goris begrüßt die Gäste ein großer altmodischer Grill, auf dem das Barbecue bereitet wird, für das der Familienbetrieb bekannt ist. Vegetarierinnen und Vegetariern müssen auf diesen kulinarischen Genuss leider verzichten, doch auch sie kommen auf ihre Kosten. Zur armenischen Küche gehören üppige Vorspeisen: Neben den zahlreichen unterschiedlich angemachten Salaten sowie Ziegenkäse und Fladenbrot findet sich stets auch ein Teller mit diversem Grünzeug auf dem Tisch, doch ohne jegliches Dressing. Es handelt sich um verschiedenste frische Kräuter, die dazu gedacht sind, sie je nach Geschmack zu den anderen Speisen zu essen – Koriander, Petersilie, Estragon, Dill, Minze, Basilikum, Sauerampfer. Nicht wenige Armenier*innen vor allem auf dem Land sammeln auch wild wachsende Kräuter und verkaufen sie neben selbstangebautem Gemüse an kleinen Ständen an den Durchfahrtsstraßen.

Als Hauptgericht kommen die warmen Speisen hinzu: Gefüllte Kohl- und Weinblätter (Tolma), geschmorte Auberginen, Linsen- und Bohnengerichte, eine Buchweizenpfanne oder dicke Bratkartoffeln – um nur ein paar vegetarische Optionen zu nennen. Das Highlight des Abends stellt jedoch die Verkostung von armenischem Maulbeerschnaps dar; das Destillat dürfte die 40-Prozent-Marke beim Alkoholgehalt übertreffen. Im Juni beginnt die regionale Maulbeerernte, die in Goris mit einem jährlichen Festival ihren Höhepunkt finden wird.

Bei Nacht erscheint die Stadt wieder in tiefen Nebel getaucht. Die Straßenlichter schimmern betörend und mysteriös, das Ambiente wirkt unheimlich und weltentrückt. Die großen Filmregisseure des „uncanny“ wie David Lynch oder John Carpenter hätten sicherlich ihre Freude daran. Erneut ist es, als habe sich ein Schleier über die wahrnehmbare Umgebung ausgebreitet. Der Blick reicht nicht weiter als bis zur nächsten Verkehrskreuzung. Das vernebelte Ambiente erinnert unwillkürlich an die komplizierte Lage und ungewisse Zukunft des Landes.

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