Biografie über Hannah Arendt: Denken und Handeln, ungetrennt

Eine neue Biografie über die politische Philosophin Hannah Arendt schließt deren intellektuellen Werdegang aus der Perspektive ihres praktischen Handelns auf. Das fördert zum Teil erstaunliche Einblicke zutage.

Es war ein milder Frühlingstag, als die Guiné am 10. Mai 1941 in Lissabon aufbrach. An Bord des Frachtschiffs befanden sich neben Hanna Arendt und Heinrich Blücher 189 Passagiere, zumeist aus ganz Europa geflüchtete Jüdinnen und Juden. „Wer die Guiné betrat, durfte sich sicherer fühlen“, schreibt Thomas Meyer in seiner Biografie über Hannah Arendt. Diese hatte Blücher 1936 in Paris kennengelernt und ihn nach ihrer Scheidung von ihrem ersten Ehemann Günther Stern alias Günther Anders geheiratet.

Das Ehepaar war auf der Passagierliste der Guiné als Heinrich und Johanna Blücher eingetragen. Das Schiff erreichte am 22. Mai 1941 New York. Tags darauf schrieb Arendt Günther Stern, der bereits seit 1936 in den USA war, per Telegramm: „Sind gerettet wohnen 317 West 95.“ Die Flucht aus Deutschland und schließlich aus Europa sowie die ersten Jahre im Exil werden von Thomas Meyer ausführlich beschrieben. Der Philosoph, der an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität lehrt und auf Ideengeschichte, Kulturphilosophie und jüdische Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert ist, hat die Schriften Hannah Arendts in einer auf zwölf Bände angelegten Studienausgabe bei Piper herausgebracht. Im selben Verlag ist nun auch die von ihm verfasste Biografie erschienen.

Hannah Arendt (1906-1975) hat in den Bereichen politische Philosophie und politische Theorie längst einen Klassikerstatus erlangt und ist zur intellektuellen Ikone geworden. Ihr Werk reicht von philosophischen Werken wie dem posthum veröffentlichten „Vom Leben des Geistes“ und politischen Schriften wie „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ (englisch 1963; deutsch 1964) und „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (englisch 1951; deutsch 1955, umfassender noch einmal 1966) bis hin zu ihrer Korrespondenz unter anderem mit Walter Benjamin, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Uwe Johnson und Mary McCarthy. Letztere fungierte als Herausgeberin des zweibändigen „Vom Leben des Geistes“.

Bereits 1982 erschien eine umfangreiche Biografie von der US-Amerikanerin Elisabeth Young-Bruehl, die zum Standardwerk wurde und deren deutsche Übersetzung 1986 veröffentlicht wurde. Die nun vorliegende Biografie unterscheidet sich nach Meyers Worten „radikal von allen bisherigen Werken“. Er habe für seine neue Biografie Archivmaterial herangezogen, das in der bisherigen Forschung vernachlässigt worden sei. Auf dieser Grundlage will er Hannah Arendts Denken und ihr praktisches Handeln miteinander in Verbindung zu bringen – und „einige blinde Flecken in ihrer Biografie“ beleuchten.

Meyer stellt dabei deutlich das praktische Handeln der Theoretikerin in den Vordergrund, von ihm als politischer Aktivismus gedeutet. So setzte sich Arendt etwa mit der von ihr in Paris gegründeten Organisation „Jugend-Alijah“ dafür ein, dass jüdische Kinder und Jugendliche in das damalige Palästina gerettet wurden. Später in den USA setzte sie ihr Engagement im Rahmen der „Jewish Cultural Reconstruction“ fort. Ihre eigenen Erfahrungen als Flüchtende schilderte sie in ihrem Buch „Wir Flüchtlinge“.

Der Autor hebt besonders den Holocaust und die sich daraus ergebenden Konsequenzen hervor, der grundlegend war für Arendts Studien zu Antisemitismus und Totalitarismus. Er geht dabei weniger der Frage nach, ob die Philosophin angesichts der heutigen Krise der Demokratien und der Flüchtlingsnot weltweit sowie des Aufstiegs autoritärer Regierungen und rechtspopulistischer Bewegungen aktueller denn je sei, wie etwa der 2022 verstorbene Philosoph Richard J. Bernstein in seinem 2020 erschienenen Buch „Denkerin der Stunde“ (2020) meinte.

Der Autor konzentriert sich vor allem auf zwei Phasen ihres Lebens, über die bis heute relativ wenig bekannt war.

Meyer geht es nach eigenen Worten im Gegenteil darum, Arendts Leben und Werken „nahezu vollständig in ihrer Zeit darzustellen“. Geboren in Hannover-Linden, stammten ihre Vorfahren aus Königsberg, wohin sie im Alter von kaum drei Jahren zusammen mit ihren Eltern zog und wo sie auch aufwuchs. Ihr Vater starb früh, erzogen wurde sie von ihrer sozialdemokratisch eingestellten Mutter. Ihre Großeltern führten sie an das Reformjudentum heran. Bereits mit 14 Jahren las sie erstmals Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“.

Während die Geschichte ihrer Familie in Ostpreußen „neu zu schreiben gewesen“ sei, wie Meyer erklärt, richtet er sein Augenmerk weniger auf ihre Zeit in der Weimarer Republik. Der Autor konzentriert sich vor allem auf zwei Phasen ihres Lebens, über die bis heute relativ wenig bekannt war: Arendts Jahre in Paris nach der Flucht aus Deutschland sowie die ersten Jahre in New York bis Anfang der 1950er-Jahre, als „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ unter dem Originaltitel „The Origins of Totalitarianism“ erschien.

Die Setzung dieser Schwerpunkte führt allerdings dazu, dass andere Lebensphasen zu kurz behandelt werden. Darunter etwa Arendts Verhältnis zu den Philosophen Martin Heidegger und Karl Jaspers. In ihrem ersten Buch, der 1929 gedruckten Dissertation mit dem Titel „Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation“, verbindet die Philosophin Ansätze Heideggers mit denen von Jaspers. Arendt hatte bei Heidegger in Marburg studiert und eine Affäre mit ihm. Wenige Jahre später schwadronierte er in seiner 1933 in Freiburg gehaltenen Antrittsrede als Rektor an der Universität vom „studentischen Dasein als Wehrdienst“ und einer „Kampfgemeinschaft der Lehrer und Schüler“ im Geiste des Nationalsozialismus.

Wie sie die Person Heideggers von dessen völkischem Denken trennen konnte, bleibt selbst nach der Lektüre von Meyers Buch ein Rätsel. Immerhin fand der Autor einige Belege für Arendts Unbehagen gegenüber Heidegger. Auf dessen Drängen hin wechselte sie ihren Studienort und ging zu Edmund Husserl nach Freiburg und anschließend zu Jaspers nach Heidelberg, wo sie 1928 promovierte. Allgemein kann man Heidegger als die prägende Figur in Hannah Arendts Leben bezeichnen, von den Marburger und Freiburger Studienjahren über die Liebesbeziehung und die Krise aufgrund von Heideggers Nähe zum NS-Staat bis hin zur späteren Wiederannäherung.

Meyer beschreibt, wie Arendt sich in ihren Pariser Jahren von 1934 bis 1940 der Kinder und Jugendlichen unter den Flüchtlingen aus Deutschland annahm, deren Zahl bis 1935 auf 260.000 angestiegen war, und sie außer Landes nach Palästina zu bringen half. Diese Fluchthilfe Arendts war, wenn man Meyer folgt, bedeutender als bisher bekannt. „Der Kampf der überzeugten Zionistin für das Weiterleben ihres Volkes war ebenso durch ein unbedingtes Engagement wie durch eine tiefe Verzweiflung über die Mittel gekennzeichnet, die ihr und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern zur Verfügung standen, eine Verzweiflung, die sie aber keinen Moment von ihrer Aufgabe abhielt“, so der Autor.

Erfolgreich vermittelt die Biografie die wechselseitige Beeinflussung von Praxis und Theorie im Leben der Philosophin. Sie zeigt, wie Arendts Schriften nicht nur aus ihren Erfahrungen und Diskussionen heraus entstanden, sondern wiederum selbst Debatten auslösten. Arendts Denken war eines, das sich „aus dem Handeln ergab und das wiederum von ihr reflektiert wurde“. Meyer unterstreicht dies mit einem pointierten Zitat von ihr: „Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist. Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nach – denken.“ Das Zitat ist dem Buch vorangestellt und bildet den Leitfaden der Biografie.

Meyer gibt zu, dass sein Buch „in bewusster Einseitigkeit“ einen „Erfahrungsraum“ – der Begriff stammt von Arendts Frankfurter Lehrer Karl Mannheim – kartiere, dem zu jener Zeit jedweder „Erwartungshorizont“ genommen schien. Während Arendts 20 Jahre dauerndem Engagement im Dienste jüdischer Organisationen sei es um „Leben und Überleben“ gegangen.

Das Buch unterscheidet sich von den bisherigen biografischen Arbeiten über Arendt insofern, als diese die theoretische Auseinandersetzung in den Vordergrund gestellt hatten. Auf diese Differenz weist der Münchner Philosoph allzu häufig hin. Anzumerken ist zudem, dass sein Buch sprachlich wie stilistisch nicht durchgehend überzeugen kann. Einige Sätze sind unnötig lang und verschachtelt, gar hölzern bis schwer verständlich. Auch unterlaufen inhaltliche Fehler. So heißt es über Philippe Pétain, dass dieser „später an der Spitze der sogenannten Vichy-Regierung im von Deutschland besetzten Teil Frankreichs stehen würde“, während der mit den Deutschen kollaborierende État français unter Pétain ja gerade für den nicht besetzten und also nicht unter deutscher Militärverwaltung stehenden südlichen Teil des Landes steht.

Hannah Arendts Spätwerk streift Meyer nur kursorisch. Er vermag es jedoch, die Philosophin als erste große Medienintellektuelle darzustellen, der über die Jahre hinweg auch einige „blinde Flecken“ vorgeworfen worden sind. Ihre Schriften seien nicht frei von Rassismus, hieß es. Außerdem erntete sie Kritik von Feministinnen, weil sie der Frauenbewegung und dem Feminismus eher zurückhaltend gegenüberstand. Nach den Worten ihrer früheren Biografin Elisabeth Young-Bruehl war sie „skeptisch in der Frage, ob Frauen politische Führungsrollen spielen sollten, und sie opponierte standhaft gegen die sozialen Dimensionen der Frauenbewegung“.

In Israel polarisiert Arendt noch heute, fast 50 Jahre nach ihrem Tod. Das führte bis zu einer an Hass grenzenden Ablehnung und gilt vor allem für ihre Kritik am Zionismus. Bis in die 1930er-Jahre sah sie diesen als einen revolutionären Akt in der jüdischen Geschichte, als „eine Rückkehr in die Geschichte aus einer Lage der Weltlosigkeit“, wie es die israelische Historikerin Idith Zertal formulierte. Arendt habe aber schnell „den exklusiven, auf Ethnie aufgebauten Charakter des Zionismus und sein Gewaltpotenzial, die ihrer Idee eines zivilen Staats widersprach“, erkannt – als eine „Quelle zunehmender Isolierung und wachsenden Hasses in der Region“.

Nicht zuletzt dies hätte in Meyers Buch noch stärker herausgearbeitet werden können. Insgesamt ist Thomas Meyer jedoch eine Biografie gelungen, die neue Aspekte von Hannah Arendt – die Philosophin als „Macherin“ – als eine der wichtigsten intellektuellen Figuren des 20. Jahrhunderts enthüllt und damit eine Lücke schließt. Meyers Buch endet mit einem Bericht der „New York Times“ über die Trauerfeier nach Arendts Tod. „Hannah ist der einzige Mensch, den ich je habe denken sehen“, wird die Rede von Mary McCarthy zitiert. „Ich werde Ihnen sagen, wie sie es getan hat. (…) Sie lag, ohne sich zu bewegen, auf einem Sofa oder Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, aber gelegentlich geöffnet, um nach oben zu blicken.“

Thomas Meyer: Hannah Arendt. Piper 2023, 528 Seiten.

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