
(© Schöffling & Co.)
Das Langgedicht „Der Große Wagen“ von Nadja Küchenmeister ist durchdrungen von stilvoll gesetzten Impressionstupfern, die nicht nur ein ausgeprägtes Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen, sondern auch ein großes Formbewusstsein der Autorin erkennen lassen. Als komplexe Komposition setzt sich der Text aus 50 Einzelgedichten zusammen, die in sich geschlossen scheinen und doch fortwährend aufeinander verweisen. Damit wird jedes Element zu einer tragenden Säule, die den anderen in ihrem strengen, doch nie starr erscheinenden Aufbau aufs Genaueste gleicht. Gemeinsam tragen sie den inhaltlichen Überbau, den thematischen Bogen, an dessen beiden Enden gegensätzliche Begriffe stehen: das Sich-Vergegenwärtigen und das Vergessen, das Loslassen und das Bewahren. So paradieren quicklebendige Tote durch die Poeme, die Zeit dehnt sich und zieht sich im nächsten Moment zusammen, Jahreszeiten und persönliche Entwicklungsphasen wechseln sich ab. Was bleibt? In Worte kristallisierte Augenblicke, in denen sich ein ganzes Leben spiegelt.

