Der Autor Ta-Nehisi Coates: Die (Super-)Kraft der Erinnerung

Schon viel wurde über die Sklaverei in den Vereinigten Staaten geschrieben. Ta-Nehisi Coates legt in seinem Debütroman „Der Wassertänzer“ den Schwerpunkt auf die geschichtliche Aufarbeitung.

Wenn man ihn liest, gewinnt man vielleicht einen besseren Blick auf das, was Amerika heute zu zerreißen droht: der Autor Ta-Nehisi Coates. (Foto: Gabriella Demczuk)

Es ist die Geschichte von Hiram Walker. Der Ich-Erzähler des Romans von Ta-Nehisi Coates ist der Sohn des weißen Plantagenbesitzers Howell Walker und einer vergewaltigten Sklavin. „Der Wassertänzer“ spielt in den Jahren vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) auf der Tabakplantage Lockless in West Virginia. Dort hat es Hiram wegen einer außergewöhnlichen Fähigkeit, seines fotografischen Gedächtnisses nämlich, geschafft, von einem auf dem Feld schuftenden Sklaven zum Bediensteten im Haus des Plantagenbesitzers aufzusteigen. „Mit fünf Jahren konnte ich ein Arbeitslied, das ich nur einmal gehört hatte, nachschmettern, und zwar den gesamten Text des Wechselgesangs“, sagt er. Jedem Tier, das er sieht, gibt er einen Namen, der festhält, wann und wo er es gesehen hat, weshalb ein Reh „Gras im Frühling“ heißt. Und es ist unnötig, ihm eine Geschichte zweimal zu erzählen, denn er kann sie sich vom ersten Mal an genau merken.

Hiram wird der persönliche Diener seines Halbbruders Maynard. Dieser ist ein Spieler und Trinker – und offizieller Sohn von Howell Walker. Zwar ist Hiram gegenüber den anderen Sklaven, die in dem Roman „die Verpflichteten“ genannt werden, privilegiert. Er träumt sogar davon, eines Tages die Plantage zu erben. Doch spätestens als Maynard ein paar Sklaven zusammenruft, damit sie um die Wette laufen, wird Hiram bewusst, dass er für immer seinen festen Platz in der Hierarchie hat, obwohl er der schlauere und fleißigere der beiden Söhne ist. So muss er die Gäste der Familie unterhalten, indem er seine Gedächtniskunststücke vorführt. Ein Erlebnis, das ihn erniedrigt und demütigt. „Gelangweilte Weiße waren barbarische Weiße“, heißt es.

Die besagte Hierarchie in Lockless ist streng: Ganz oben steht der Plantagenbesitzer mit seiner Familie, gefolgt von den niedrigen Weißen, die sich als Sklavenjäger verdingen, danach kommen die wenigen freien Schwarzen und ganz unten die „Verpflichteten“. Der Roman beginnt mit einer Kutschfahrt von Hiram und Maynard. Die Kutsche kommt vom Weg ab und stürzt in einen Fluss. Maynard stirbt, Hiram überlebt. „Mein Leben lang war ich Opfer seiner Launen gewesen“, sagt er über den Ertrunkenen. „Ich würde gern behaupten, ich hätte um ihn getrauert (…) Tat ich aber nicht.“

Durch die Nahtoderfahrung bekommt Hiram eine übernatürliche Fähigkeit verliehen. Er kann sich fortan kraft der Erinnerung von einem Ort an einen anderen teleportieren, wofür jedoch die Nähe zum Wasser notwendig ist. Die ungewöhnlichen Kräfte der „Teleportation“ ermöglichen es ihm, große Entfernungen in Sekundenschnelle zu bewältigen. Er flieht und gelangt schließlich zur „Underground Railroad“, einem geheimen Schleusernetzwerk, das entflohenen Sklaven bei der Flucht hilft.

Das Erinnern ist gleichbedeutend mit dem Aufreißen alter Wunden und das zentrale Motive des Romans.

Der „Underground Railroad“ hat bereits Colson Whitehead einen 2017 auf Deutsch erschienen gleichnamigen Roman gewidmet. Im Gegensatz zu Whitehead, der das Netzwerk metaphorisch überhöht und als unterirdisches Eisenbahnnetz darstellt, bleibt Coates stärker der historischen Realität verpflichtet. Auch die Erzählweise und Struktur seines Romans sind konventioneller als bei Whitehead. „Der Wassertänzer“ orientiert sich zudem enger an den Biografien von einigen historisch realen Figuren wie den damaligen Fluchthelfern.

Umso mehr entwickelt jedoch seine Sprache, sein rhythmischer Stil, eine Sogwirkung. Das von Coates in der Originalausgabe verwendete „African American Vernicular English“ (AAVE) wurde von Bernhard Robben vorzüglich ins Deutsche übertragen. In einer Nachbemerkung betont Robben, dass es dafür keine standardisierte Form gibt. Als Übersetzer unzähliger Autoren, unter ihnen Hanif Kureishi und Ian MacEwan, Salman Rushdie und John Williams, stellt er klar: „AAVE ist kein Englisch voller Fehler; es ist eine eigene Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Vokabular – und mit oft vielfältigeren und nuancenreicheren Ausdrucksmöglichkeiten als Standardenglisch.“

Coates beschreibt Hirams erste Erfahrungen als freier Mensch, wie er durch die Straßen von Philadelphia spaziert. Im Kreise der „Underground Railroad“ lernt er Harriet Tubman kennen, jene historisch verbürgte Fluchthelferin (ca. 1820-1913), die Sklaven auf ihrem Weg aus den Südstaaten in die Nordstaaten unterstützte. Hiram tritt der Organisation bei. Er will seine große Liebe ebenso wie seine Ziehmutter von der Plantage retten. Durch seine Tätigkeit für das Schleusernetz lernt er, seine Begabung bewusst und gezielt einzusetzen. Die historische Harriet Tubman, deren Leben kürzlich verfilmt wurde, verhalf rund 70 Menschen zur Freiheit. Ihre Anweisungen soll sie in Spirituals versteckt haben, zum Beispiel in „Wade in the Water“ (Watet im Wasser): Darin werden die Flüchtenden daran erinnert, im Wasser von Bächen zu laufen, weil im Wasser die Fußspuren für die Sklavenjäger und deren Bluthunde nicht nachzuverfolgen sind. Seit jeher ist in der Literatur der Sklaverei Wasser meist mit Flucht verbunden. Im „Wassertänzer“ kommt noch die Rückbesinnung auf die Atlantiküberquerung versklavter Afrikaner hinzu.

Coates zeichnet zu Beginn ein detailliertes Bild von Virginia und seinen grünen Feldern. So genau die meisten seiner Beschreibungen sind, enthält er der Leserschaft zunächst die Hautfarbe als wichtiges Detail vor – ein Kniff, um das Willkürliche der Hautfarbe als Unterscheidungsmarkmal zu unterstreichen. Hiram nennt die Weißen unter den Schleusern „die fanatischsten Fluchthelfer“, die er je gesehen habe. Für sie war die Sklaverei eine Schande, eine Schmach, die es zu überwinden galt. Zugleich wird die Freiheit in dem Buch als höchst relativ gezeigt. Der Plantagenbesitzer Howell Walker zum Beispiel ist unfrei, weil er an seine Ländereien gefesselt ist, und selbst im Norden gibt es Dinge, „von denen man sich nicht befreien kann“.

Wegen seiner fantastischen Elemente ist der Roman bereits mit dem lateinamerikanischen Magischen Realismus von Autoren wie Gabriel García Márquez verglichen worden, verbunden auch mit Elementen der Superhelden-Comics. In der Tat hat Coates schon für den Comicverlag Marvel Geschichten verfasst. Der Sohn eines Black-Panther-Aktivisten schrieb mehrere Geschichten des schwarzen Superhelden „Black Panther“, eines Prinzen aus dem afrikanischen Reich Wakanda, das unsichtbar unter einer Glasglocke liegt und dem Rest der Welt technologisch weit voraus ist.

Zugleich steht „Der Wassertänzer“ in einer Tradition von literarischen Werken über die Sklaverei in den USA wie „Roots“ von Alex Haley aus dem Jahr 1976. Letzterer hat zu einem nicht geringen Teil zur Identitätsfindung der afro-amerikanischen Bevölkerung beigetragen, wurde in 37 Sprachen übersetzt und kurz nach Erscheinen als Fernsehserie verfilmt.

So wie Haley jahrelang in den Archiven recherchierte und sogar bis nach Afrika in das Dorf Juffure in Gambia reiste, um die Biografie seines Romanprotagonisten Kunta Kinte und seiner Nachkommen zu rekonstruieren, beschäftigt sich auch Coates mit der Erinnerungsarbeit. Das Erinnern ist gleichbedeutend mit dem Aufreißen alter Wunden und das zentrale Motive des Romans, der auch in der Tradition von Toni Morrisons „Menschenkind“ steht. Darin geht es um die Traumata der Sklaven als „rememory“, als „Wieder-Erinnerung“, um die psychologischen Folgen der Sklaverei. Auch in Morrisons Erzählung gibt es eine Verbindung von realistischen und fantastischen Elementen. Die im vergangenen Jahr verstorbene Schriftstellerin, die 1993 den Literaturnobelpreis erhielt, rief Ta-Nehisi Coates zum legitimen Nachfolger von James Baldwin (woxx 1562) aus.

Der 1975 in Baltimore geborene Ta-Nehisi Coates bringt die Erinnerungsarbeit, die Autoren wie Haley, Morrison und Whitehead und er selbst leisten müssen, eindrucksvoll auf den Punkt. Denn auch nach dem Ende der Abschaffung der Sklaverei 1865 ist die Geschichte des Rassismus noch längst nicht zu Ende. Es folgten die rassistischen Jim-Crow-Gesetze, die Segregation und die Lynchjustiz, selbst nach der Anerkennung der Bürgerrechte für die afroamerikanische Bevölkerung kann von einer Gleichberechtigung nicht die Rede sein. In einem Artikel unter dem Titel „The Case for Reparations“ verlangte Coates von den USA, Reparationen an ihre schwarzen Bürger zu bezahlen. Und vor fünf Jahren erklärte er in „Zwischen mir und der Welt“ in Form eines 150 Seiten langen Briefes eines Afroamerikaners an seinen Sohn den Rassismus zum zentralen konstituierenden Element der amerikanischen Gesellschaft, zum Geburtsfehler der US-Geschichte.

Obwohl Coates selbst fordert, dass sich die schwarze Kultur von den narrativen Konventionen des Weißen emanzipieren müsse, orientiert er sich in „Der Wassertänzer“ an der klassischen europäischen Romanform. Wenn er Hiram Superkräfte verleiht, sobald dieser in die Nähe von Wasser kommt, um sich und andere zu teleportieren, lässt er ihn zum Helden jener Schwarzen werden, die davon träumen, in den Norden zu fliehen, wo sie einmal als freie Bürger leben können. Als Autor von „Black Panther“-Comicgeschichten weiß Coates, dass die übernatürlichen Kräfte als Katalysator für die Unterdrückung dienen (woxx 1561).

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist notwendig, um die angestaute Wut vieler Afroamerikaner zu verstehen. Wenn man Ta-Nehisi Coates liest, gewinnt man vielleicht einen besseren Blick auf das, was Amerika heute zu zerreißen droht. Rassismus und Polizeigewalt gehören in den USA schon lange zusammen. Beide sind in der Gesellschaft tief verankert. Selten wurde ein Polizist für einen Übergriff gerichtlich belangt. Vor allem männliche Afroamerikaner leben in der Gefahr, Opfer der Polizeigewalt zu werden. Dies schrieb Coates in dem offenen Brief an seinen Sohn: „Spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören.“


Ta-Nehisi Coates: Der Wassertänzer. 
Ins Deutsche übertragen von 
Bernhard Robben. Karl Blessing Verlag, 
544 Seiten.

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