Games-Empfehlung: Thousand Threads

Kann das Leben als Briefträger*in auf dem Land Inhalt eines packenden Spiels sein? „Thousand Threads“ zeigt, dass das geht.

Nach einer langen Wanderung ist eine Rast am See genau das Richtige. Doch wie werden die Menschen reagieren, wenn wir uns zu ihnen setzen? (Foto: Seamount Games)

„Ich kenne diese Person nicht, aber ich weiß, dass sie nicht in dieser Gegend wohnt.“ Mit solchen Aussagen beginnen die meisten Aufgaben in Thousand Threads. Als Spieler*in wacht man in einer pittoresken Welt auf, in der die meisten Menschen in kleinen Holzhütten oder Zelten wohnen. Doch bereits nach ein paar Schritten wird klar, dass nicht alles so friedlich ist, wie es scheint: Der Postbote liegt tot auf einem Weg. Wer ihn umgebracht hat, ist unklar, aber nachdem wir seine Tasche am nächsten Postamt abgeben, haben wir eine neue Aufgabe: Die Post austragen. Dazu muss man aber erst einmal herausfinden, wo die Adressat*innen überhaupt wohnen – wozu wiederum Gespräche mit vielen verschiedenen Charakteren nötig sind. Manchmal enden diese wie im Beispiel oben ohne viel Informationsgehalt, manchmal erfährt man den genauen Wohnort der Person, oft nur einen Hinweis.

So geht man von Person zu Person, erkundet neue Gegenden, nimmt Aufgaben an und verteilt hoffentlich nebenbei die Post. Schnell merken die Spieler*innen: Die Personen, denen man begegnet, sind miteinander verknüpft. Auch wenn einige sich untereinander nicht kennen, so sind doch viele miteinander verwandt, befreundet oder auch verfeindet. Das gilt auch für ihren Umgang mit dem*der Spieler*in: Hilft man einer Person, wird sie später dankbar sein, und auch ihre Freund*innen und Verwandte werden einem wohlgesonnen sein. Raubt man hingegen jemanden aus, werden alle, die das mitkriegen, einen Groll gegen einen hegen.

Der Begriff „Walking Simulator“, also „Gehsimulator“, wurde anfangs als abwertende Bezeichnung für Spiele benutzt, in denen Spieler*innen außer Gehen nicht viele Aktionen durchführen können. Was anfangs als weiteres Werkzeug im Arsenal von selbsternannten „echten“ Gamer*innen zur elitären Abgrenzung benutzt wurde, ist mittlerweile zu einer Genre-Bezeichnung geworden. Thousand Threads mag kein klassischer „Walking Simulator“ sein, da es sich nicht auf eine von Autor*innen geschriebene Geschichte konzentriert. Es fällt jedoch schwer, ein Spiel, in dem Gehen die zentrale Mechanik ist, anders zu bezeichnen, denn den größten Teil der Spielzeit in Thousand Threads verbringt man mit Wandern.

Die Geschichten, die Thousand Threads erzählt, werden zufällig generiert. Startet man ein neues Spiel, wird das Beziehungsgeflecht zwischen den Charakteren neu gestaltet. Auch die Aufgaben, die sie einem stellen, sind zufällig: Meistens wollen sie eine gewisse Anzahl an bestimmten Gegenständen wie zum Beispiel Pilze, die man in der Umgebung sammeln kann. Manchmal ist die Aufgabe jedoch komplexer: Jemand wurde überfallen und bittet, den*die Übeltäter*in zur Rechenschaft zu ziehen. Damit das gelingt, muss man erst einmal Zeug*innen suchen, um die Identität der*des Täter*in herauszufinden.

Damit man sich nicht jedes Detail merken oder aufschreiben muss, hat Thousand Threads eine großartige Datenbank, die sich jede Aufgabe und jede zwischenmenschliche Beziehung merkt. So kann man spielend leicht nachschauen, wen man gerade vor sich hat, wem man das Stück Seife bringen muss und wohin der Brief soll. Damit man sich in der Welt wiederfindet, lässt sich ein virtueller Kompass einblenden, der anzeigt, in welche Richtung man gehen muss. Die Grafik ist zwar schlicht, bietet aber dennoch wunderschöne Landschaftsbilder. Wenn man bedenkt, dass das Spiel lediglich von einer Person – dem Produktentwickler Brett Johnson – gemacht wurde, wirkt das Endergebnis noch einmal beeindruckender.

Die Magie von Thousand Threads liegt einerseits in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die es generiert, und den Geschichten, die sich daraus ergeben. Andererseits gibt es wenige Spiele, die solch ein Gefühl von Freiheit und Ungezwungenheit vermitteln. Man wandert durch Landschaften, spricht mit Menschen, muss vor Wölfen fliehen, erfüllt Aufgaben – und hat dabei nie das Gefühl, gehetzt zu sein. Die Landschaften, die man in Thousand Threads erkunden kann, bleiben zwar stets gleich, aber dennoch fühlt sich jeder Streifzug neu an.

Für Windows und Mac, auf Steam 
und itch.io

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