Geschichte: Alles verkehrt

Das Stadtmuseum Simeonstift in Trier hat eine Ausstellung über die närrische Zeit auf die Beine gestellt. Neben vielen Karnevalskostümen zum Betrachten, können die Besucher*innen auch etwas über die Ursprünge des Karnevals erfahren.

Es ist gleich wieder so weit: Nach dem Dreikönigstag geht in vielen deutschen Gemeinden – und auch grenzüberschreitend in Luxemburg – die Karnevalsaison los. Jecken und Funkenmariechen ziehen durch die Straßen, Karnevalssitzungen füllen die Hallen und zwischen den Tuschen wird so manches Bier und Schnäpslein die Kehle heruntergespült. Was heute für viele ein reines Konsumfest ist, hat aber an sich eine jahrtausendealte Tradition.

Diese zu erklären, hat sich das Trierer Stadtmuseum in seiner Ausstellung „Die Welt steht Kopf: Eine Kulturgeschichte des Karnevals“ vorgenommen. Und es ist auch durchaus gelungen. Angefangen mit den Saturnalien und den Bacchanalen der Antike, an denen sich die Menschen bereits verkleideten, um der Fruchtbarkeit von Erde, Mensch und Tier zu huldigen, erklärt die Ausstellung ausführlich wie verschiedene Elemente dieser maskierten Feste es bis ins Mittelalter schafften. In diesen Zeiten wurde das Fest, wie so viele heidnische Traditionen, von der Kirche umgedeutet und als Höhepunkt der vorösterlichen Fastenzeit bezeichnet. Dies schadete dem frohen Treiben aber kaum, denn es war im Mittelalter, in dem die Zünfte die heute noch geläufigen Bräuche etablierten und dem Karneval das politische, anarchistische Moment einhauchten, das immer noch zu Kontroversen führt. Die „Karnavalisierung“, wie sie der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin in seinem Werk „Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur“ definierte, bedeutet eine zeitlich begrenzte Umkehrung der Verhältnisse. Arme werden reich, mächtige Stadtfürsten müssen abtreten, Frauen schneiden Männern die Krawatten ab – all diese Brauchtümer sah Bachtin als Ventil der mittelalterlichen Gesellschaft, die so einmal im Jahr Druck ablassen konnte.

Mit der Reformation kamen dann aber auch die ersten Probleme. Martin Luther verstand eben keinen Spaß und äußerte sich in seinen Schriften auch gegen das Karnevalstreiben in den Städten. Er war aber nicht der Einzige: Besonders in Trier und Umgegend war unter der französischen Besatzung Ende des 18. Jahrhunderts auch Essig mit Karneval, denn Kritik an den Revolutionstruppen war ungern gesehen. Auch im Ersten Weltkrieg und danach, unter britischer Besatzung, mussten die Karnevalist*innen oft im Untergrund feiern – wie die Ausstellung eindrücklich anhand von Bildern und Dokumenten zeigt.

Erst 1925 war Karneval wieder erlaubt und wurde dann ab 1933 vom Nationalsozialismus vereinnahmt und durch die Kraft-durch-Freude-Bewegung instrumentalisiert. Auch in Trier gab es Karnevalsprinzen, die sich vor den Nazi-Karren spannen ließen: Adolf Hägin etwa, der 1939 als „Prinz Adolf von Häginien“ durch die Straßen zog. Der Warenhausinhaber, der kurz zuvor seine jüdischen Mitinhaber per „Arisierung“ aus dem Betrieb geschmissen hatte, war auch nach dem Krieg noch eine Persönlichkeit, dem als Sport- und Kulturmäzen das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Aber nicht nur Nazis prägten den Trierer Karneval in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch der in Luxemburg geborene, jüdische Kaufmann Louis Scheuer, stellte vier Jahrzehnte lang sein Schreibtalent in zahllosen Heimatrevuen und anderen lustigen Theaterstücken als Mitglied der Karnevalstruppe „KG Heuschreck“ unter Beweis. Er floh 1935 vor den Nazis und überlebte den Krieg in Frankfurt, wo er Ende der 1950er-Jahre verstarb.

Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich den heute präsenten Karnevals-vereinen, ihren Kostümen und Veranstaltungen – angereichert mit interaktiven Elementen, sodass der Besuch sich auch für die Kleineren lohnen sollte.

Bis zum 26. Februar im 
Stadtmuseum Simeonstift Trier.

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