Konflikt ums Baskenland: Chronologie des Stillstands

Fernando Aramburu hat mit „Patria“ einen Roman über die Folgen des Kampfes der baskischen Unabhängigkeitsbewegung Eta geschrieben. Er zeigt eindrucksvoll, wie der Terror der Separatisten die Gesellschaft im Norden Spaniens spaltete.

Die Angst herrscht in dem Dorf ohne Namen. Bis zum endgültigen Waffenstillstand ist es noch lange hin. Der Kampf der „Euskadi Ta Askatasuna“ (Eta), was für „Baskenland und Freiheit“ steht, ist für die einen ein Befreiungskampf, für die anderen der bloße Terror. Jahrzehntelang hat er die Politik und die Schlagzeilen der Zeitungen Spaniens genau wie die dortigen Abendnachrichten beherrscht, vor allem aber das Leben vieler Menschen gekostet. Und wenn er besonders blutig war, geriet er sogar in die Nachrichten der internationalen Medien.

Den Weg in die belletristische Literatur fand der Konflikt hingegen kaum. Bis Fernando Aramburu kam und „Patria“ schrieb. Der 1959 in San Sebastián geborene und heute in Hannover lebende Autor beschäftigt sich schon lange mit dem baskischen Konflikt. Die Bewältigung des Terrors der Eta, auf deren Konto rund viertausend Anschläge und 864 Todesopfer gingen, hat in literarischer Form erst begonnen, sieht man von wenigen Ausnahmen ab.

Der Roman spielt in einem Dorf bei San Sebastián und handelt von zwei Familien. Der wohlhabende Fuhrunternehmer Txato muss Schutzgeld an die Eta bezahlen. Die Organisation fordert immer mehr Geld. Irgendwann hört Txato auf zu zahlen. Daraufhin tauchen im ganzen Dorf Wandschmierereien auf, in denen er als Verräter, Feigling und Verbrecher denunziert wird. Die Leute aus dem Dorf grüßen ihn bald nicht mehr. Heuchlerisches Mundhalten im „Land der Schweigenden“. Der Pfarrer rät Txato zum Umzug. Doch dafür ist es zu spät. Txato wird mit vier Schüssen in den Rücken niedergestreckt.

Mehr als 20 Jahre nach Txatos Tod kehrt seine Frau Bittori in das Haus zurück, in dem sie einst zusammen lebten. Die Kinder sind längst erwachsen. Die Familie wurde nach dem Mord weiter ausgegrenzt. Bittori hat nichts vergessen und will den Mörder ihres Mannes finden. Ist es Joxe Mari, der Sohn ihrer einst besten Freundin Miren? Dieser glaubt, das Baskenland würde von Spanien ausgebeutet und könne seine Unabhängigkeit allein durch den bewaffneten Kampf erreichen. Er geht in den Untergrund und lernt Bomben zu bauen. Er lernt das Töten. Nachdem Joxe Mari seinen ersten Mord begangen hat, wird er von der Polizei festgenommen und gefoltert. So ist nicht nur Txatos Familie durch den feigen Mord zerstört worden, sondern auch die Familie des Täters. Seine Jugend hat Joxe selbst vergeudet; für eine politische Idee.

Das Buch besteht aus kurzen, nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Episoden. Aramburu beschreibt das Leben in dem Dorf aus wechselnden Perspektiven. Oft ist nicht gleich zu erkennen, wer gerade erzählt. Das ist teils gewollt, doch manchmal auch ziemlich verwirrend. Zudem sind die Dialoge nicht immer stilsicher, was nicht der sehr guten Übersetzung von Willi Zubriggen anzukreiden ist.

Aramburus Buch ist ein klares Statement gegen die Ignoranz, die Gewalt in diesem Ausmaß erst möglich macht.

Aramburu arbeitet mit Zeitsprüngen. Diese vermitteln das Gefühl, als sei die Zeit stehen geblieben. In dieser Chronologie des Stillstandes überlappen sich zudem häufig subjektive Wahrnehmung und objektive Beschreibungen, das tatsächliche Geschehen vermischt sich mit den Emotionen der Personen. Aramburu schildert die Atmosphäre als bedrohlich, bedrückend, was ihm überzeugend gelingt. Sein Buch ist ein klares Statement gegen die Ignoranz, die Gewalt in diesem Ausmaß erst möglich macht. „Patria“ zeigt den moralischen Zerfall einer Gesellschaft, in der Menschen, die miteinander leben und befreundet waren, gegeneinander aufgebracht und zu Feinden werden.

Zum 16. April 2018 gab die Eta ihre Selbstauflösung bekannt. Viele ihrer Anhänger und Mitglieder sitzen bis heute im Gefängnis. Eine Lösung des Konflikts ist dadurch nicht gefunden. Die Tatsache, dass die Vergangenheit noch lange nicht vergangen ist, bildet die treibende Kraft in dem Roman. „Patria“ zeigt die Gräben, die der Terror in der baskischen Gesellschaft hinterlassen hat.

Bereits 2006 hatte Aramburu eine Sammlung von zehn Geschichten über das Leid der Eta-Opfer präsentiert. Schon damals beschrieb er, wie der Terror die Gemeinschaft zerstört. Seine Sprache ist nicht anklagend, sondern bleibt klar, fast lakonisch, ohne die Vergangenheit zu romantisieren.

Die Ursprünge der Eta gehen bis ins Regime des Diktators Franco zurück, der Spanien fast vier Jahrzehnte lang beherrschte, die Basken und deren Widerstand unterdrückte. Ab Ende der Fünfzigerjahre organisierte die Eta den bewaffneten Kampf der linksnationalistischen Untergrundgruppen.

Ob eine Aussöhnung wieder möglich ist? Ein Verzeihen? Die Fronten zwischen den beiden Seiten sind nach wie vor verhärtet. Die einen wollen Amnestie, die anderen Gerechtigkeit. „Wir sind alle Opfer“, sagt Xabier, Bittoris Sohn. Einstige Diktaturen, in denen es Menschenrechtsverbrechen gab, haben unterschiedlich lange gebraucht, um die dunkle Zeit der Geschichte zu verarbeiten. Spanien fand vor gut vier Jahrzehnten den Weg zur Demokratie. Noch zu wenig hat sich das Land seiner Vergangenheit gestellt. Die alten Wunden sind noch nicht verheilt, wie am baskischen Beispiel zu sehen ist und Aramburus Roman vor Augen führt.

Fernando Aramburu: Patria. 
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt Verlag, 907 Seiten.

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