„Sieben Sekunden Luft“ von Luca Mael Milsch: Wieder zu Atem kommen

von | 01.08.2024

Mit chirurgischer Präzision porträtiert Luca Mael Milsch in seinem*ihrem Romandebüt „Sieben Sekunden Luft“ einen jungen Menschen, der sich aus den ihn eng umschnürenden Fesseln geschlechtsspezifischer Zuschreibungen und toxischer familiärer Beziehungen befreien muss. Eine kompakte, nachdenklich stimmende Lektüre.

Luca Mael Milsch: „Sieben Sekunden Luft“, Roman, Haymon Verlag, Innsbruck 2024, 264 Seiten, 22,9 Euro

Misogynie, Bigotterie, sexualisierte Gewalt und zermürbende innerfamiliäre Konflikte: Die Hauptfigur Selah wird weder in ihrer Kindheit und Jugend noch in späteren Lebensphasen, von denen „Sieben Sekunden Luft“ ebenfalls erzählt, geschont. Wir lernen die Protagonistin unter anderem als schüchterne 11-Jährige kennen, deren Schulzeit von Gewalterfahrungen geprägt ist: Da gibt es diesen großen Jungen, der sie im Schulbus regelmäßig bespuckt, diesen anderen Schulkameraden, der nach einer Auseinandersetzung ihr gegenüber sexuell übergriffig wird – „Mein Atem steht still. Plötzlich gibt es mich nicht mehr.“ – und den Freund ihrer besten Freundin Sina, der ihr in die Leistengegend tritt und sie, von Eifersucht getrieben, eine „scheiß Lesbe“ nennt, nur weil beide Freundinnen ein komplexes Gefühl der Verbundenheit eint.

Ihre Mutter kann Selah aufgrund ihres angespannten Verhältnisses nicht ins Vertrauen ziehen; es ist vielmehr so, dass sie zu dem Gewicht, das sie aufgrund der erlebten Traumata in der Schule zu tragen hat, noch die Last einer von Kränkungen und Missverständnissen geprägten Mutter-Kind-Beziehung schultern muss. Ihre Mutter, eine alleinerziehende, sich in einem Zustand der Dauer-Überarbeitung befindende Frau, wird ihrerseits nicht müde zu betonen, dass Selah für sie eine Bürde darstellt. Sie beklagt sich, dass sie „ein Mädchen geboren, aber einen Jungen bekommen“ hat, da sich Selah, die, so legt der Roman nahe, eigentlich transgeschlechtlich ist, nicht mit der weiblichen Geschlechterrolle anfreunden kann, ratlos ist angesichts der alles durchdringenden Heteronormativität, die ihr1 keine Bewegungsfreiheit, keinen Raum zum Atmen lässt: „,Meine Tochter‘, sagst du. Und ich denke ,nein‘, und schweige.“

Entkräftender Schmerz

Die schwelende Identitätskrise mit ihrem ganzen destabilisierenden Potenzial vorsichtig umtänzelnd gibt sich Selah als junge Erwachsene ihren selbstzerstörerischen Impulsen hin, verletzt sich selbst mit einer Schere, erbricht willentlich ihr Essen, stellt bei Sexualkontakten ihre eigenen Bedürfnisse kategorisch zurück, flüchtet sich ins Rauschtrinken. Hilflos und orientierungslos unterbricht sie zeitweise den Kontakt zu ihrer Mutter. Später, als Selah dann im Bereich der Palliativpflege arbeitet, wird sie von unerklärlichen Schmerzen heimgesucht, die sie zwingen, eine Pause einzulegen: Alle Brücken hinter sich abbrechend fährt sie für drei Monate an die Ostsee. Niemanden setzt sie über ihren Aufenthalt in Kenntnis; nach niemandem, einer flüchtigen Zufallsbegegnung ausgenommen, streckt sie während dieser Zeit die Hand aus.

Dieser Ausbruch aus der aufreibenden Alltagsordnung könnte für Selah nun einen positiven Umschwung bedeuten – doch bleibt der erlösende Wendepunkt aus. Die aus tausend dünnen Fäden gesponnene, also aus unüberschaubar vielen prägnanten Szenen zusammengesetzte Erzählung verweigert sich letztlich der so oft als Schablone genutzten pyramidalen Organisationsstruktur; es gibt keine zentrale Szene, kein narratives Rotationszentrum, kein schicksalsbestimmendes Einzelerlebnis (wohl aber empfindliche Einschnitte), kein klärendes Gespräch mit der Mutter, durch das Selah ihren Seelenfrieden wiederfinden könnte – selbst als erstere, Opfer einer tödlich verlaufenden Lungenerkrankung, im Sterben liegt: „So lange habe ich versucht, Worte zu finden, so viel bleibt zwischen uns beiden ungesagt, um den Moment nicht zu zerstören, oder aus Sorge vor den Konsequenzen.“

Es geht bergauf

(Copyright: Ana Maria Sales Prado)

Dabei wendet sich für Selah in den Jahren nach ihrem Ostsee-Ausflug allmählich alles wenn nicht zum Guten, so doch zum Besseren: Sie wechselt den Job und den Wohnort, findet Anschluss bei progressiven Gruppen, die gegen Diskriminierung und Rassismus kämpfen – ihr politisches Erwachen –, geht eine erfüllte Beziehung ein und setzt sich in einer Therapie mit ihrer Vergangenheit auseinander, wobei sie sich vor allem an ihrer Mutter abarbeitet. Schlussendlich ergibt sich für Selah, wenn sie zurückblickt, ein nuancierteres Bild; sie kann auch sehen, dass ihre Mutter trotz ihrer Härte und ihres verletzenden Verhaltens versucht hat, ihr Dinge zu ermöglichen – obgleich dadurch die vielen durch die mütterliche Zurückweisung entstandenen Wunden nicht unbedingt heilen.

„Sieben Sekunden Luft“ macht auf kunstvolle Weise deutlich, dass Veränderungsprozesse schmerzhaft und langwierig sind, dass sie aus unzähligen kleinen Etappen und Entscheidungen bestehen – und dass es oft weder einen Kulminationspunkt noch eine befriedigende Auflösung gibt. Nur mit der Zeit, allmählich, lernt man wieder tief Luft zu holen und durchzuatmen. Dass es dafür Freiraum braucht, ist klar, und dass man sich den manchmal hart erkämpfen muss, leider auch.

1 In diesem Text werden die Pronomen benutzt, die auch im Roman für die Hauptfigur gebraucht werden.

 

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