Türkei: Der Pate und der tiefe Staat

Der Unterweltboss Sedat Peker unterhält mit seinen Videos über angebliche kriminelle Machenschaften türkischer Regierungsmitglieder ein Millionenpublikum. Das Hauptziel seiner Attacken ist der mächtige Innenminister Süleyman Soylu.

Auf ihn hat der Mafioso Sedat Peker es ganz besonders abgesehen: 
der türkische Innenminister Süleyman Soylu. (Foto: EPA-EFE/Ahmet Bolat/Pool)

Der Pate hat auf „Youtube“ ein Millionenpublikum. „Süslu Süllü“, grölt er er immer wieder in die Kamera und gluckst vor Lachen. Das heißt so viel wie „der gelackte Süleyman“ und foppt den türkischen Innenminister Süleyman Soylu, der eine Schwäche für teure Anzüge hat und für seine betont höflichen Manieren bekannt ist. Hinter der sauberen Fassade lauere ein Morast aus Schmutz und Gestank, so Sedat Peker, eine bekannte Unterweltgröße. Er werde dafür sorgen, dass „Süllü“ in eine Streichholzschachtel passe oder er ihn an einem Hundehalsband herumführen könne.

Soylu ist das Hauptziel der Attacken von Sedat Peker, einem Gangster turanistischer Gesinnung. Den mit dieser nationalistischen Ideologie verbundenen Traum von einem großtürkischen Reich erwähnt er ebenso gern wie er allerlei zitiert, mal aus der islamischen Geschichte, mal Joseph Goebbels, Che Guevara oder Sigmund Freud. „Süllü, ich werde dich therapieren“, heißt es in einem der Videos nach einem Exkurs zur Freud’schen Psychoanalyse. Dann höhnisch zu seinem Publikum: „Der hat seinen Dreck so aktiv verdrängt, dass er mittlerweile selbst an die gelackte Fassade glaubt.“

In den Videos sitzt Peker mit aufgeknöpftem Hemd und protziger Goldkette in einer Hotel-Suite an einem Schreibtisch. Auf diesem drapiert er verschiedene Bücher und andere Gegenstände, die jeweils zu seinem Wortschwall aus Flüchen, Abrechnungen, Drohungen und thematischen Exkursen passen. Nach eigenen Angaben befindet er sich in Dubai, Innenminister Soylu dagegen sagte in einem Interview, er vermute Peker in Albanien. Auf dem Tisch liegt in den ersten beiden Videos ein Buch von Mario Puzo: „Narren sterben“. Der für seine Mafiaromane über die „Familie“ des Paten Don Vito Corleone bekannte italoamerikanische Schriftsteller erzählt in diesem Buch die Geschichte eines Autors in der schillernden Welt der Medienmogule und Filmstars in New York City, der um Geld und um die Liebe spielt. Am Ende ist er der Sieger, denn er überlebt – und die Narren sterben.

Es ist eine bizarre Selbstinszenierung Pekers, die immer wieder erstaunt. Denn auch wenn er seine Überlegenheit in Szene setzt, wirkt der Pate mit der dröhnenden Stimme und dem expressiven Stil oft tief verletzt. Seine einflussreichen Freunde haben ihn reingelegt, seine Villa in Istanbul wurde im April von der Drogenfahndung mit Hunden durchsucht. Die Fahnder hätten seine Tochter zum Weinen gebracht und es gewagt, den Kleiderschrank seiner Frau zu durchsuchen, ohne Beamtinnen dabei zu haben. „Das verstößt gegen alle unsere Sitten“, Peker schluchzt fast in die Kamera, um dann wieder zu brüllen: „Süllü, ich mache dich fertig.“

Seit Ende April plaudert Sedat Peker in seinen Videos über die Mächtigen in der Türkei: Direkt nach Süleyman Soylu kommen ehemalige Regierungsmitglieder wie Mehmet Ag˘ar an die Reihe, überdies Erkan Yıldırım, der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım. Auch über Mehmet Ag˘ars Sohn Tolga Ag˘ar, einen Parlamentsabgeordneten der regierenden islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP), zieht er her. Den Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdog˘an Präsidenten, Berat Albayrak, und dessen Bruder benennt Peker als Auftraggeber der „Pelikane“. Als solche bezeichnet man in der Türkei gekaufte Journalisten, die große Mediengruppen unterwandern, um die öffentliche Meinungsbildung zu manipulieren. Zudem geht es um Auftragsmorde und Drogenschmuggel, Vergewaltigungen und Intrigen. Tolga Ag˘ar habe laut Peker eine junge Frau töten lassen, weil sie den Politiker der Vergewaltigung beschuldigt habe. Und Erkan Yıldırıms Reisen nach Venezuela dienten angeblich einem großangelegten Drogenschmuggel, den Teile der Staatsbürokratie und der Sicherheitskräfte unterstützten und ermöglichten.

Versucht mit seinen Youtube-Auftritten die politische Klasse der Türkei aufzumischen: der Mafia-Boss Sedat Peker. (Foto: Screenshot YouTube)

Laut dem Journalisten Ahmet Sık arbeiten die verschiedenen türkischen Regierungen seit Jahrzehnten mit Strukturen des „tiefen Staats“ zusammen, um ihre Macht zu zementieren.

Der 49-jährige Peker wird von Interpol gesucht und hat 16 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht: wegen Mord, Bildung krimineller Vereinigungen und Dokumentenfälschung. 2014 wurde er frühzeitig aus der Haft entlassen und nach dem gescheiterten Militärputschversuch von 2016 auf Veranstaltungen der AKP wie ein Rockstar begrüßt. Nachdem die Justiz gegen Hunderte Akademiker strafrechtliche Ermittlungen wegen terroristischer Propaganda eingeleitet hatte, weil sie eine Friedenspetition gegen das militärische Vorgehen der Türkei gegen die PKK unterschrieben hatten, twitterte Peker, er werde im Blute der „Friedensakademiker“ baden.

Umso unglaublicher ist der plötzliche Sinneswandel. In seinen Videobotschaften doziert der Pate, dass er seit Kindertagen an die Ideale der turanistischen Heldenverehrung glaube, jedoch seien die vom sogenannten tiefen Staat immer wieder instrumentalisiert und verraten worden. Dieser produziere stets Feindbilder – die Kurden, die CIA, den Westen, die Aleviten –, um eine Kriegstreiberpolitik zu rechtfertigen, die Bedarf an Waffen und Infrastruktur schaffe und Profit generiere – mit Waffen- und Drogenschmuggel als Haupteinnahmequellen. Das sind erstaunliche Aussagen für einen Turanisten. In einigen Videos pendelte über Pekers Schreibtisch eine Kette mit einem Anhänger, der das Schwert Alis, des Schwiegersohns des Propheten, darstellt, den die Aleviten besonders verehren.

Als „der tiefe Mehmet“ bezeichnet Peker Mehmet Ag˘ar, einen AKP-Politiker, der in den 1980er-Jahren stellvertretender Polizeichef in Istanbul war und in den 1990er-Jahren als Innenminister im Kabinett der konservativen Ministerpräsidentin Tansu Çiller (DYP) diente. Peker zufolge soll er den „tiefen Staat“ in der Türkei leiten, einen geheimen Machtapparat, in dem Militär, Geheimdienste, Politik, Justiz, Verwaltung, Rechtsextremismus und organisierte Kriminalität Hand in Hand arbeiten.

Das ist kein neuer Vorwurf, wie der Journalist und Abgeordnete Ahmet Sık auf der Medienplattform „T24“ betont. Mehmet Ag˘ar musste nach dem sogenannten Susurluk-Skandal als Drahtzieher eine Gefängnisstrafe verbüßen. Am 3. November 1996 war nahe der westanatolischen Stadt Susurluk ein Auto verunglückt – mit einem Abgeordneten der damals regierenden konservativen Partei des Rechen Wegs (DYP), einem Polizeichef und einem international gesuchten Mörder und Drogenschmuggler an Bord, dem Rechtsextremen Abdullah Çatlı. Dieser, ein Gesinnungsgenosse von Sedat Peker, trug einen Pass bei sich, der auf einen falschen Namen ausgestellt und von Ag˘ar, damals Innenminister, unterschrieben worden war. Die drei führten ein Waffenarsenal und weitere falsche Ausweise und Berechtigungen mit sich.

Ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet, der zu dem Schluss kam, dass die offiziell als „Kampf gegen den Terror“ deklarierte Mission der Unfallopfer und ihrer Verbindungsleute allerhand schmutzigen Geschäften jener Art diente, wie Peker sie derzeit beschreibt. Ahmet Sık betont, dass die Gruppe um Ag˘ar damals von Leuten aus der Fethullah-Gülen-Bewegung ersetzt wurde. Nach der Zerschlagung von deren Machtbasis im Polizeiapparat und in der Staatsbürokratie während und nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 habe die alte Truppe um Ag˘ar erneut an Einfluss gewonnen.

Sık zufolge, der sich jahrelang investigativ mit der Gülen-Bewegung beschäftigt hat, arbeiten die verschiedenen türkischen Regierungen seit Jahrzehnten mit Strukturen des „tiefen Staats“ zusammen, um ihre Macht zu zementieren. Er führt die Beschlagnahmung von Eigentum des aserbaidschanischen Milliardärs Mübariz Mansimov in der Türkei, unter anderem des Jachthafens in Yalıkavak, als Beispiel an. „Mansimov wurde als angeblicher Anhänger der kriminellen Vereinigung der Fethullah-Terrororganisation verhaftet und enteignet. Ag˘ar posierte dann mit dem Mafiaboss Alaattin Çakıcı, dem Geheimdienstler und Kumpel aus der Susurluk-Clique Korkut Eken und Engin Alan, einem Angeklagten aus dem Ergenekon-Prozess, an dem beschlagnahmten Jachthafen in Yalıkavak bei Bodrum. Das kann man als Rückbesinnung auf die Mission der 1990er-Jahre sehen.“

Einem Gerücht zufolge verließ Peker 2020 die Türkei, als Alaattin Çakıcı überraschend aus dem Gefängnis entlassen wurde, in dem er wegen der Susurluk-Affäre einsaß; nach Angaben Pekers hatte ihm Süleyman Soylu dazu geraten. Aber für einen bloßen Machtkampf unter Paten stehen die Enthüllungen Pekers zu sehr im Widerspruch zu der politischen Haltung, die er jahrzehntelang eingenommen hatte.

Die Hintergründe von Sedat Pekers Auftritten sind nebulös. Er beschuldigt den Innenminister schwer, Präsident Erdog˘an bezieht er bislang aber eher als eine Autoritätsperson in schlechter Gesellschaft in die Videobotschaften ein. Immer wieder wünscht der Unterweltboss, persönlich mit dem mächtigsten Mann im Staat reden zu können. „Das ist eine ganz alte Leier“, betont der Journalist Murat Yetkin. Es müsse beachtet werden, dass, seit die AKP 2015 die absolute Mehrheit im Parlament durch den Aufstieg der prokurdischen Demokratiepartei des Volkes (HDP) verlor, die Kriminalisierung der Opposition gezielt vorangetrieben wurde. Pekers plötzliche Hinwendung zu einer Haltung, die Kurden und Oppositionelle im Vergleich zum „tiefen Staat“ als das kleinere Übel betrachtet, ist in dieser Hinsicht besonders interessant. Im nächsten Video soll es nun um Präsident Erdog˘an persönlich gehen.

Sabine Küper-Büsch berichtet für 
die woxx aus Istanbul.

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