Verbrecher Verlag: Freie Fahrt – Gespräche zwischen Kunst und Leben

von | 12.09.2025

Der Künstlerin K wird ihr Führerschein entzogen. Von nun an bringt der Fahrer Z sie jeden Tag zur gleichen Zeit ins Atelier und wieder zurück. Auf diesen Fahrten entstehen intensive Gespräche über Geist, Körper, Liebe und Hass. In „Individualverkehr“ erkundet Lisa Kränzler in kunstvoller Sprache das Leben und das kompromisslose Schaffen von Künstler*innen und spielt dabei mit Autofiktion. Eine reizvolle Lektüre.

Lisa Kränzler ist bildende Künstlerin und Autorin. 2025 erhielt sie den Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg. (© Nane Diehl)

1

Szenario:

Der Ausstellungsvertrag, den Sie im März 2023 unterzeichnet haben, verpflichtet Sie dazu, am 26.09.2023 im eigenen PKW nach Konstanz-am-Bodensee zu reisen. Um 17:51 Uhr des betreffenden Tages haben Sie rund 610 Kilometer Autobahn im Steißbein und mittelstarke Schmerzen im osteonekrotischen Kuppelfuß. Dass Ihre Augen, deren Hornhaut Sie durch irresponsablen Umgang mit ätzenden Malmitteln erfolgreich zerstört haben (Interlinearglosse(1): Die Folgen dieser Zerstörung umfassen chronische Bindehautentzündung, regelmäßig auftretende Furunkel im Lidsack und/oder an den oberen und unteren Lidrändern, Brennen, Jucken, Fremdkörpergefühl, extreme Lichtempfindlichkeit – I wear my sunglasses at night: ein Schlager, den Sie des Öfteren sardonisch vor sich hin summen – sowie Furcht vor symptomverstärkenden Vorkommnissen, zu denen u. a. wahre und scheinbare Luftbewegungen zählen – Der Feind ruht nicht! Zephyr-und-Konsorten bedrohen Sie aus allen Richtungen!), Ihnen zu diesem frühabendlichen Zeitpunkt Sensationen bescheren, die Sie als »äußerst unangenehm« empfinden, versteht sich (fast) von selbst.

1.1

Die Ampel am Konstanzer Sternenplatz, auf die Sie in diesem Zustand zusteuern, schaltet auf Rot.

Wie reagieren Sie?

a) Ich halte an der Haltelinie.

b) Ich halte auf der Halteline.

c)   Ich sehe das Rotlicht, denke an die TV-Serie »Die Rote Meile«, genauer: an das Neonsign-Logo der Serie, dessen zentral-leuchtenden Stripper-Stiletto, begrüße die aufreizend-leichtbekleidete Schauspielerin Yasmina Filali aka Candy-Club-Girl »Yvonne« und fahre weiter.

d)   Aus nicht-ganz-erfindlichen Gründen stellen rote Ampeln für mich dieser Tage nurmehr gut gemeinte Empfehlungen dar, ergo ich die Haltelinie verkehrssündenbewusstlos überfahre.

e) Klarstellung: Dass ich weder rote noch gelbe noch grüne Signale beachte, bedeutet nicht, dass ich sie missachte (…). Die Aussage des Interpreten Muster(gültig)mann, meine Haltelinienüberfahrt stelle eine infame Herabwürdigung der Signal-Tria dar, ist schlechterdings falsch.

f)   Ich begebe mich gerne in Todesgefahr, komme, wenn ich Rotlichter oder Gefahrenhinweise (auf ätzenden Malmitteln!?) sehe, richtig auf Touren! I. a. W: Obzwar die Ampel seit 4 Sekunden auf Rot steht, fahre ich zu.

g) Ich beschleunige, begehe einen qualifizierten Rotlichtverstoß und lasse mich dabei blitzen. »Smile for the camera?« »So weit kommt’s noch! Versteinerte Victoria-Beckham-Miene muss reichen!«

(© Verbrecher Verlag)

1.2

Sie haben sich für eine Kombination aus c, d, e, f und g entschieden – Warum? WEIL SIE NICHT MEHR GANZ RICHTIG IM KOPF SIND! – und erhalten daher am 25.10.2023 einen Bußgeldbescheid mit Fahrverbot. Die Gesamtforderung der Konstanzer Bußgeldbehörde beläuft sich auf 228,50 €. Da Sie innerhalb der letzten 24 Monate (erstaunlicherweise) kein Fahrverbot ableisten mussten, wird Ihnen eine Viermonatsfrist eingeräumt … Welches Schweinderl hättens denn gern? Zur Wahl stehen: der verregnete November, der schneechaotische Weihnachtshorrormonat, der erste Monat im »neuen«(2) Jahr oder, last, not least, der Februarius, der, da 2024 ein Schaltjahr ist, einen Tag länger durchhalten muss (Ob ihm davor graust? Sie schließen’s nicht aus!) …

Da Sie sich der Nichtmehrganzrichtigkeit Ihres Kopfes bewusst sind und nicht ausschließen, dass Sie das Behördendeutsch falsch verstanden oder den Wisch nicht gründlich genug gelesen haben – ob Sie je einen Wisch, der nicht aus der Feder eines bereits-verstorbenen denkenden Dichters (oder dichtenden Denkers) stammt, konzentriert durchgelesen haben, sei dahingestellt –, sehen Sie vom Treffen einer (vorschnellen?) Wahl ab, fotografieren den Bußgeldbescheid und schicken das Foto jenem Rechtsanwalt, den Sie im Zuge Ihrer Recherchen für das Prosa-Monster (aka Großroman Nummer 7), an dem Sie momentan arbeiten, kennengelernt haben, und der, zumal er Sie noch nicht richtig kennengelernt hat, ein (un)gewisses Interesse an Ihnen zu hegen scheint. Seiner erfreulich/verdächtig-prompt erfolgenden Antwort entnehmen Sie, dass Sie den Behördentext richtig interpretiert haben.(3) Fernerhin bietet der Mann Ihnen seine Hilfe an – und zwar für umme!

1.3 Notiz

Umsonst ist die Kunst – drum kostet sie das Leben.

(1) In karolingischer Minuskelschrift(2)Der ironische Ton, den Sie hier anschlagen, rührt daher, dass Sie nicht Mathematiker, Numerologe oder Kabbalist, sondern ein kunstgewöhnlicher Zahlenbanause sind und somit den Terz um veränderte Endziffern nicht nachvollziehen können.
(3)Woraufhin am rechten unteren Wischrand ein Weiter-so-Stempelbildchen erscheint? Leider nein.
Auszug aus: Lisa Kränzler: Individualverkehr. Verbrecher Verlag, September, 2025. 200 Seiten.

 

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