Videokunst: Kadenzen


Die BlackBox im Casino zeigt Werke des deutschen Videokünstlers Sven Johne. Seine Geschichten und die manchmal tragikomischen Attitüden, die er einnimmt, machen ihn zu einer bemerkenswerten Ausnahme in einem durchästhetisierten Kunstbetrieb.

1399expoAuch wenn die BlackBox nun nicht mehr exklusiv für luxemburgische Videokünstler reserviert ist, so ist die kleine Casino-Werkschau von Sven Johne doch nicht ohne Verbindung zum Großherzogtum – die Werke stammen allesamt aus der Kollektion des luxemburgischen Sammlers Patrick Majerus.

Und so kann man in der BlackBox – nur abgelenkt durch das nervige Geschirrgeklapper der frisch eröffneten Edel-Brasserie im Kunstforum – über die weitere Liberalisierung der hiesigen Kulturpolitik sinnieren oder sich einfach den Werken Sven Johnes hingeben. Denn diese verdienen sicherlich ungeteilte Aufmerksamkeit.

Johne, geboren 1976 auf der Insel Rügen und Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, hat eine Vorliebe für Konfrontationen – sowohl solche zwischen den Personen in seinen Videos als auch für seine eigenen mit dem Zuschauer. Letzteres trifft auf die titelgebende Arbeit „The Greatest Show on Earth“ zu. In einem leeren Zirkuszelt kündigt ein Ansager die Attraktionen an, die den Zuschauer erwarten: Dabei werden seine Versprechungen immer abstruser, größenwahnsinniger und … poetischer. Von einem Wolfskind aus den karpatischen Wäldern – das den Wölfen Kantaten von Bach beigebracht hat – zu einem Goldregen, der den Besuchern zuerst den Tod, dann die Wiederauferstehung verspricht, ist alles dabei. Sicherlich ist diese Arbeit eine gegen Wachstumszwang und Wettbewerbsdruck gerichtete Gesellschaftskritik. Aber selten wurde diese auf so subtile, schlichte und doch mitreißende Art vorgetragen.

In „Tears of the Eyewitness“ geht es um die Kraft des Narrativen, aber eben auch um die Attitüde, die man ihr gegenüber einnehmen kann. Zwei Männer sitzen einander in einem Fotostudio gegenüber. Der eine schildert eindringlich die Ereignisse, die im Herbst 1989 von Leipzig aus das Ende der DDR einläuteten. Zwischendurch erkundigt er sich immer wieder – erfolglos – bei dem anderen, ob der etwas fühlt und ob es ihm gut geht. Die Steigerungen ins Dramatische, die Johne in den Text einbringt, führen nach und nach dazu, dass die Emotionen beim stummen Gesprächspartner überlaufen werden und sich am Schluss in einem Tränenfluss entladen. Daraufhin bedankt sich der Sprecher. Johne will wohl zeigen, dass man, wenn man es nur energisch genug angeht, jede noch so stoische Attitüde „brechen“ kann.

Die weiteren – etwas kürzeren – Videoarbeiten spielen in Johnes Heimat an der Ostsee. In „Wissower Klinken/Cliffs of Wissow“ spielt er auf eine reale Begebenheit an: Ein beliebter Fremdenführer wird von seinem Lieblingsfelsen erschlagen, und seine Kollegen weigern sich beharrlich, ihn zu ersetzen.

Und in „Elmenhorst“, einem Stummfilm, der die älteste gezeigte Arbeit (von 2006) ist, geht es um eine Generationenübergabe der etwas anderen Art.

Johnes Filme versuchen das biografische Detail mit dem großen Ganzen zu verknüpfen, und seine originelle Art – die er für jeden Film wieder neu erfindet – macht die Schau auf jeden Fall sehenswert.

Noch bis zum 28. November im Casino.

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