FRANZ JOSEF DEGENHARDT: „Nur Auschwitz, das war ein bisschen zu viel ?“

von | 17.11.2011

Zum Tode des deutschen Liedermachers Franz Josef Degenhardt, veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Nachruf von einem Liebhaber.

Die alte Bundesrepublik zu Beginn der sechziger Jahre: Das war die Zeit, als das durch den Marshall-Plan angekurbelte „Wirtschaftswunder“ seinen Höhepunkt und die Kultur in deutschen Landen ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Es waren die Jahre der groĂźen Verdrängung und des Vergessens. Grad eben war das Zweite Deutsche Fernsehen auf Sendung gegangen, und eine ganze Nachkriegsgeneration wuchs in der heilen Werbewelt der Mainzelmännchen auf. Dass in Frankfurt zu dieser Zeit die ersten Auschwitzprozesse stattfanden, das wurde zwar von der Weltpresse mit Entsetzen kommentiert, war aber unter dem Wählervolk des frohsinnigen und dicken CDU-Kanzlers Ludwig Erhard kein Thema.

Doch die braune Vergangenheit lieĂź sich weder mit Lenor noch mit Ariel wegwaschen. Die Autoren der Gruppe 47 machten die Nazigräuel zum Hauptthema ihrer BĂĽcher, und auch anderswo wurden plötzlich Stimmen laut, die gegen diese entsetzlich satte und heile Welt aufbegehrten. So etwa 1964 auf Burg Waldeck im HunsrĂĽck, auf dem Festival Chanson Folklore International. Da trat ein stämmiger 33jähriger Rechtsanwalt mit Gitarre vors Publikum und begann seine so genannten Bänkelsongs vorzutragen, leise, böse Lieder gegen die Stumpfheit und die verlogene Biederkeit der zum KleinbĂĽrgertum mutierten alten Nazis, wie zum Beispiel das treffliche Porträt des fidelen „Notar Bolamus“:

„Der alte Notar Bolamus ?der hat sich gut durch die Zeit gebracht, ?weil: er war immer ein bisschen dafĂĽr ?und immer ein bisschen dagegen, und er gab immer acht. ??Nur Auschwitz`, sagt er, ?das ?war ein bisschen zu viel.` Und er zitiert seinen Wahlspruch: ??Alles mit MaĂź und mit Ziel.` ?(?)?Und jetzt nehmen wir mal an, er kommt einmal ?dann doch zu dem, den er Herrgott nennt, eine Mischung aus Christkind ?und Goethe und Landgerichtspräsident. ?Und dieser, der täte ihn schlieĂźlich ?dann auch noch belohnen. ?Mal ehrlich, Kumpanen, ?wer von uns möchte da wohnen?“

Degenhardts Auftritt auf Burg Waldeck vor nunmehr 47 Jahren wird seither als die Geburtsstunde des politischen Liedes im Nachkriegsdeutschland bezeichnet. Ohne Degenhardt, hat einmal jemand geschrieben, „gäbe es die deutsche Liedermacherszene nicht“. Und wenn es einen Song gibt, der das Genre des bitterbösen politischen Liedes auf den Punkt bringt, dann ist es zweifellos die legendäre Ballade „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, die ihn 1964 berĂĽhmt gemacht hat und so zu seiner klingenden Visitenkarte wurde.

Mit den Jahren hat dieser Dichter und Sänger – in Frankreich werden Chansonniers, die ihre Texte nicht nur vortragen, sondern sie auch selber schreiben und die Musik dazu komponieren, geradezu hochachtungsvoll als auteur-compositeur-interprète bezeichnet – ein Werk geschaffen (ĂĽber dreiĂźig CDs und zahlreiche Romane), das den internationalen Vergleich mit den ganz GroĂźen aus dieser Branche keineswegs zu scheuen braucht. Genau wie etwa Georges Brassens hat Degenhardt, der sich auch nach dem Fall der Mauer weiterhin zum Kommunismus bekannte, mit seinen Liedern einen unverwechselbaren Mikrokosmos geschaffen, ein galliges Panoptikum von Prototypen aus deutschen Landen, eine Art danse macabre der alten und neuen deutschen Geschichte.

Da sind einmal die alten opportunistischen Honoratioren, die sich „gut durch die Jahre gebracht“ und allen Herren und vor allem den Nazis gedient haben, zu ihrem eigenen Profit: Der Senator, der seine HĂĽttenwerke ins Wackelsteiner Ländchen gebaut hat oder eben der alte Notar Bolamus. Da sind die ewigen Gewinnertypen wie Horsti Schmandhoff, Bumser Pacco, der „Wildledermantelmann“ oder der Ă„rmel aufkrempelnde „Vati mit seinen Argumenten“. Und da sind deren Opfer, der Gastarbeiter Tonio Schiavo, der „arme Felix“ oder die schrullige „Tante Th’rese“. Die Sympathie des Sängers gehört aber auch und vor allem jenen „Schmuddelkindern“, die sich zu wehren wissen und den Herrschenden höhnisch ein „Lied auf dem Kamm blasen“: Die rothaarige Genossin Natascha Speckenbach etwa, der klassenkämpferische Arbeiter Rudi Schulte, Pastor Klaus, der den Terroristen Asyl gewährt oder die alte Zigeunerin Katja, die die Gaskammern ĂĽberlebt hat und auch listig den Neonazis und Skinheads die Stirn bietet. All diese Figuren sind liebevoll gezeichnet und erinnern nicht bloĂź zufällig an Georges Brassens‘ Protagonisten, an den Pauvre Martin, die Brave Margot, an Marinette, Jeanne, Tonton Nestor oder Le vieux LĂ©on. Denn fĂĽr Degenhardt war gerade Brassens immer das Vorbild par excellence, und 1986 hatte er eine LP mit zwölf Ăśbersetzungen und Adaptierungen von dessen Chansons aufgenommen, die durchaus einem Vergleich mit den Originalen standhalten.

Am 19. Dezember 2011 sollte im Berliner Ensemble ihm zu Ehren ein Konzert stattfinden, denn schließlich wäre er am 3. Dezember achtzig Jahre alt geworden. Diese Würdigung sollte Franz Josef Degenhardt nicht mehr erfahren: Der Liedermacher und Schriftsteller verstarb am vergangenen 14. November in Quickborn bei Hamburg.

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