Als Tourist unterwegs: Mein Aldi Mon Cora de Lux

In der Ausstellung „Mein Aldi Mon Cora de Lux“ geben 58 KünstlerInnen ihre Impressionen zur Grenzregion zum Besten. Zum Besten? Nicht wirklich!

GRENZREGION

Die Idee ist super: 58 KünstlerInnen aus der Grenzregion Saarland, Lothringen und Luxemburg bekommen jeweils einen Zehn-Euro-Schein in die Hand gedrückt, verbunden mit dem Auftrag in einem Nachbarland ihrer Wahl beliebig einkaufen zu gehen und den dabei erworbenen Gegenwert zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit zu machen. Diese wiederum soll die Selbst- und Fremdwahrnehmung unter NachbarInnen thematisieren. Soweit die Vorgaben, so gut die Ergebnisse? Denkste!

Die wenigen Highlights des SaarLorlux-Projektes „Mein Aldi Mon Cora de Lux“, das von einer saarländischen Projektgruppe rund um das „Saarländische Künstlerhaus“ konzipiert und initiiert wurde, sind schnell aufgezählt. Da wäre zum Beispiel die saarländisch -lothringische Installation „Brothimmel“ von Andreas Drescher und Jean-Louis Kieffer. Für zehn Euro kauften sie 20 französische Baguette und 20 Päckchen deutschen Pumpernickel und haben diese dann in unterschiedlicher Höhe aufgehängt. Nicht zufällig, sondern mit System: Zwischen 14 und 18 Dezimeter für den 1. Weltkrieg, die 20 für das Jahr 1920, in dem der Versailler Vertrag in Kraft getreten war und schließlich 40 für das Jahr 1940, als Hitlers Truppen Frankreich überfielen. Dazu gibt es auf Audiokassette zwei von den Künstlern gelesene Geschichten, die eine über gefährliche Identitätswirrungen in der Zeit nach Hitler, die andere über die ideologische (Ein-)Färbung des urdeutschen schwarzen Pumpernickels während dem Krieg. Essgewohnheiten werden so zum überzeugenden „Vermittler“, um sich mit der Vergangenheit, mit entlang von Geschichte und Grenzen geteilten und zugleich verbundenen Identitäten auseinander zu setzen.

Auch der Franzose Alain Helissen hat Grenzen und grenzüberschreitende Gepflogenheiten zum Mittelpunkt seiner Arbeit gemacht. Ein Einkaufswagen soll Gedichte über die Grenzen transportieren und lädt jedeN dazu ein, sein oder ihr eigenes Werk in den Wagen zu legen und auf den freien „europäischen Markt“ zu tragen. Ein subversiver Anschlag auf die – kontrollierte – transnationale Konsumgesellschaft, leider sieht die Umsetzung, eine mit Kinderschrift bekritzelte Kartoffelkiste, etwas dilettantisch aus.

Enttäuschend hingegen die Klanginstallation von Frauke Eckhardt: ein paar Kohlen auf den Boden gekippt, rauschende Lautsprecher dazwischen gesetzt, fertig ist der Energiefluss. Die Bedeutung von Carbon als ehemals wichtigster Bodenschatz der Grenzregion wäre, etwas weniger plakativ, vielleicht besser demonstriert worden.

In ihrem Videofilm entstauben die Luxemburgerin Dany Prum und ihr Künstlerkollege Jerry Frantz ein Buch, das sich am Ende als Hitlers „Mein Kampf“ entpuppt – wohl ein überdeutlicher Fingerzeig auf den historischen und den aktuellen Faschismus in Deutschland.

Überhaupt entlarvt die Ausstellung in vielerlei Hinsicht vor allem die Klischees, die in der Grenzregion auf allen Seiten von einander gedacht und künstlerisch reproduziert werden. TanktouristInnen schreiben und filmen banale Fahrten-Tagebücher, Saarbrücker Autos parken auf Baguettestangen auf einem Cora-Parkplatz, und der luxemburgische Künstler Charel Wennig meint sogar, mit einem Handkarren voller „Simon“-Sixpacks und ein paar Internetadressen zur „Demokratisierung“ der Kunst beitragen zu können. Na, denn Prost! Davon, ihre eigenen Oberflächlichkeiten kritisch zu hinterfragen, sind diese KünstlerInnen leider ziemlich weit entfernt.

Es ist eben wie im echten Aldi – und da macht der Titel der Ausstellung dann wieder Sinn: viel Ramsch, aber auch ein paar Schnäppchen.

Ines Kurschat

Die zweigeteilte Ausstellung „Mein Aldi Mon Cora de Lux“ kann noch bis 23. Februar in Luxemburg-Stadt, in der „Ancienne Chapelle du Rahm“ und in der Escher Kulturfabrik besucht werden. Es gibt auch einen Bildkatalog (15 €) dazu.


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