IMAGES CACHEES: Nostalgie des Augenblicks

Mit Schwung dreht sich das Paar im Kreis, er führt, ihre Hand liegt auf seiner Schulter, die Augen geschlossen, ganz dem Tanzen hingegeben …

Das ist die Geschichte, die das Foto mit der Nummer 169DUPON30 erzählt. Was aussieht wie ein Schnappschuss von Künstlerhand, ist eines der „Images cachées“, der versteckten Bilder, die derzeit im neuen Gebäude des „Centre national de l’audiovisuel“ zu sehen sind. Versteckt deshalb, weil es sich um Einzelbilder aus dem Amateurfilm-Archiv des Centre (CNA) handelt, die wie Perlen aus einem Meer von kilometerlangen Zelluloid-Rollen gefischt wurden.

Zum einen haben die AusstellerInnen versucht, die Neugier der Besucher-Innen zu wecken: Im Raum hängen Bildschirme, die Auszüge aus den Filmen zeigen. Zum anderen sind die ausgewählten Einzelbilder in Schräglage nebeneinander angeordnet, so dass man sie auch längere Zeit entspannt von oben betrachten kann. Das passt zu den Fotos, die einem nicht als Kunstwerke gegenübertreten, sondern eher dem verstohlenen Blick in die Privatsphäre fremder Leute entsprechen. An der hinteren Wand des Raums schließlich kann man mit Hilfe von PCs im Amateurfilm-Archiv stöbern: Klickt man auf eines der Einzelbilder, so werden die dazugehörige Sequenz und die filmografischen Daten angezeigt. Passend zum Relaunch des CNA vereint die Ausstellung Fotografie und Film, zwei Bereiche für die die Institution zuständig ist.

Doch „Images cachées“ ist mehr als nur ein Vorwand, das Amateurfilm-Archiv vorzustellen. Im Januar organisiert der CNA eine Fachtagung zu Amateurbildern, ihrer Verwertung und ihrer Manipulation. Auch die Ausstellung lädt zum Nachdenken ein. Bei der Sichtung der Filmsequenz des tanzenden Paares stellt sich zum Beispiel heraus, dass die Bewegungen der beiden keineswegs so harmonisch sind, wie es das Einzelbild suggeriert. Und der Schnappschuss eines Bauernfrühstücks auf dem Feld stammt in Wirklichkeit aus „Berta Berel, eng Geschicht aus der Lëtzebuerger Heemecht“, nachgestellt von der „Amicale Stroossen“.

Im Allgemeinen ist die Spontaneität der Einzelbilder allerdings real – verkrampfen sich die Mienen beim Klicken eines Fotoapparats, so lösen sie sich meist schnell beim sanften Surren der Filmkamera. Das erklärt, wie die ausdrucksstarken Porträts von Männern, meist bei offiziellen Anlässen, zustande gekommen sind. Und warum die charmanten Frauenporträts, ob selbstbewusst Zigarette rauchend oder einfach den Kameramann anlächelnd, so verführerisch sind, trotz der verflossenen Jahrzehnte.

Denn auch das machen die Bilder bewusst: Dies sind keine Szenen aus der Welt von heute. Alt sehen nicht nur die grobkörnigen Schwarzweiß-Aufnahmen aus, auch die rotstichigen Farben, die toupierten Damenfrisuren, die Werkzeuge und das Straßenbild stehen für eine vergangene Zeit. Doch dies treibt einem keineswegs Tränen der Trauer in die Augen, sondern man ertappt sich dabei, wie man vor einzelnen Bildern und Sequenzen in Lachen ausbricht. Man lacht nicht über, sondern mit den Leuten von damals. Und das hat vermutlich damit zu tun, dass filmen für AmateurInnen ein Akt der Lebensbejahung ist und war.


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