GEMÄLDE: Das Du im Ich

Die neue Sachlichkeit hat es der jungen Künstlerin Nina Mambourg angetan: Frauen, wie erstarrt, blicken unverwandt den Betrachter an.

„Die passende Frau“, nennt sich die Ausstellung, die zurzeit in der Galerie Clairefontaine gezeigt wird. Zu sehen ist eine Auswahl älterer und rezenter Ölbilder der jungen Züricher Grafikerin und Künstlerin Nina Mambourg, auf denen ausschließlich Frauen abgebildet sind. „Wenn ich als Frau eine Frau male, dann ist es weniger ein ästhetisches Objekt“, meint Nina Mambourg, „Mein Blick ist nicht nur der von außen, sondern, weil ich eine Frau bin, kann ich mehr Facetten einbringen.“

Waren die von ihr dargestellten Frauen am Anfang noch personalisierte Porträts im klassischen Sinn, wiedererkennbare Personen aus ihrem Umfeld, hat sich die Malweise Mambourgs mit der Zeit in eine ganz andere Richtung entwickelt. Sie hat einen Frauentypus entworfen, der sich eigentlich immer ähnlich sieht. „Es geht mir heute nicht mehr darum ein Individuum darzustellen, die Bilder fungieren eher als Bühne auf denen Protagonisten in Szene gesetzt werden“, so Mambourg.

Im Gegenteil: Es gehe ihr um die Geschichten. Dies hätte auch als Konsequenz gehabt, dass sie ein anderes Bildformat wählte: Groß und quadratisch sind ihre Bildträger mittlerweile. Auch sind es keine Porträts mehr: „Ich habe gemerkt, wenn ich eine Geschichte erzählen will, dann muss ich einen Schritt zurückgehen, dann kann ich nicht nur ein Gesicht malen, dann muss ich einen ganzen Körper und einen Raum malen“, meint Nina Mambourg. Ihre Bildwelten sind figurativ und sehr minimalistisch: Meistens steht oder hockt eine Frau in einem Raum mit sehr wenig Utensilien vor einem monochromen Hintergrund, der manchmal wie eine Art Variete-Bühne mit schlichtem Bühnenvorhang. Die Posen der Frauen wirken unwirklich und konstruiert, und trotz einfachster Bildkomposition fast surreal. Es ist keine Bewegung in den Bildern – selbst die Pinselführung ist unaufgeregt flächig – nur der frontale Blick der Frauen, die den Betrachter fragend anschauen, erzeugt Spannung. Daneben wird Lebendigkeit vor allem durch die Farbsymbolik, die Komplementärfarben geschaffen, die gewisse Aussagen der Künstlerin unterstreichen. Etwa bei dem Bild, das schlicht „Ja/ Nein“ betitelt ist. Hier steht eine Frau auf einer Art Bühne in einem schwarz-weiß gestreiften Kleid, das sie wie ein Zirkuszelt auseinander hält. „Schwarz-weiß beinhaltet die Unentschiedenheit der Frau“, so Mambourg. „Es geht auch immer um Sexualität, darum ob sie mitmacht oder nicht. Der halbgeöffnete Vorhang im Hintergrund verstärkt das noch.“

Auch in einem anderen Bild „Junges Glück“, kniet die Frau in der Mitte eines geöffneten Vorhanges. Sie hält die Schnur zum Vorhang in der Hand, man weiß nicht, ob sie ihn auf- oder zuzieht. Auch hier geht es inhaltlich um die Darstellung von Kompromissen und Zwängen, die man etwa im Rahmen einer Beziehung treffen muss. Aber ihre Gemälde seien auch eine Reaktion auf die Werbung. So sei etwa das Bild „o.T“, das die junge Frau in einem weißen Kleid in lasziver Pose zeigt, an einer Werbung von Prada inspiriert. „Hier saß das Modell wirklich wie eine Puppe im Bild“, so Mambourg. „Wenn man die Zeitschriften durchblättert, fällt diese Darstellungsart kaum noch auf. Aber wenn man das dann malt und groß aufzieht, wirkt es beklemmend und pervers.“ Nicht nur ihre Malart – die Darstellerinnen erscheinen wie in einer Haltung erstarrt – sondern auch der Frauentypus erinnern an die neue Sachlichkeit der 1920er Jahre. Diese Kunsttendenz, deren Begriff erstmals vom Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub für eine Ausstellung in Mannheim 1925 verwendet wurde, setzte als Reaktion auf den Expressionismus eine allgemeine „Versachlichung“ der ästhetischen Ausdrucksform durch.

Die „Neue Sachlichkeit“ manifestierte sich in einer Objektivität anstrebenden präzisen Darstellungsweise und einer überscharfen Zeichnung des Gegenstandes, der dadurch häufig bewegungslos wirkt. „Ich mag den Realismus der neuen Sachlichkeit“, gibt die Künstlerin gerne zu. Beeinflusst hätten sie Maler wie der deutsche Christian Schad oder Schweizer wie Ferdinand Hodler oder Félix Valloton. Rätselhaft und zugleich naiv sind die Bilder von Mambourg, auf der Suche nach sich selbst oder dem Du im Ich – der passenden Frau.


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