FOTOGRAFIE: Auf Spurensuche

Die Fotos von Luc Ewen haben ihre ganz eigene Poesie: Menschen sucht man vergeblich, stattdessen sind nur ihre Spuren vorhanden.

Schon mit sechs Jahren hat Luc Ewen die Fotografie entdeckt. Damals durfte er seinen Großvater begleiten, der beschädigte Agfa-Filme einsammelte, die lokale Vertreter auf der Mülldeponie entsorgten, um sie zuhause in der Dunkelkammer zu entwickeln, und sich von den auftauchenden Motiven überraschen zu lassen.

40 Jahre später hat sich Luc Ewen eine unkonventionelle und verspielte Herangehensweise an das Medium Fotografie bewahrt. Diese kann zurzeit im Escher Arcelor-Mittal-Pavillon bewundert werden. Insgesamt drei Themenschwerpunkte hat sich Ewen bei seinen ausgestellten Fotos gesetzt.

Zu sehen ist seine Fotoserie „Traces urbaines“, die 1987 auf Reisen durch Europa entstanden ist. Dabei fotografierte Ewen von unten und vor allem im Hochformat Gebäudeausschnitte. Das Resultat sind minimalistische, fast abstrakte geometrische Hauswinkel mit ihrer Dynamik aus Fluchtlinien vor einer Himmelskulisse. Nachdem er die Negative entwickelt hatte, nahm er sie mit auf weitere Reisen. Er schnitt sie aus und legte sie einzeln auf das Straßenpflaster, und ließ das Umfeld Spuren machen: Kratzer und Risse durch Fußabdrücke von Passanten, der Einfluss der Witterung, des Gerölls und des Staubes. Falls sie noch vorhanden waren, sammelte Ewen die Negative dieser unmittelbaren Interaktion ein und entwickelte sie. Das Ergebnis ist überraschend: Wie Filmstills aus alten Schwarz-Weiß-Filmen mit ihren Fusseln und zerschlissenen Bildelementen, scheinen seine Aufnahmen aus einer anderen Zeit zu stammen.

Ebenso poetisch ist seine Fotoserie „What’s Behind That Curtain?“, an der er 2001 und 2007 arbeitete. Auch hier überlagern sich verschiedene Realitäten. Im Fokus stehen Nahaufnahmen von Fenstern – dem Fensterrahmen und dem was sich auf, respektiv hinter der Verglasung abspielt. Dabei bieten Ewens Aufnahmen keinen Durchblick ins Innere, zu sehen sind nur verschiedene sich überlagernde Schichten: Spiegelungen, Graffiti und aufgeklebte Figuren auf den Scheiben, zugezogene Vorhänge. Was hinter den Fenstern liegt, bleibt immer im Verborgenen. Wie etwa das Foto eines Fensters, das von innen mit weißer Farbe komplett zugemalt wurde, um neugierige Blicke in den Innenraum zu verhindern. Obwohl man hier letztlich nichts über den dahinterliegenden Raum erfährt, ist trotzdem schon der Pinselgestus ein Stück weit Anekdote. Ebenso bei der Aufnahme, schlicht „Lodève“ genannt: Das Fenster ist innen komplett von einem Stoff mit grafischem Blümchenmuster verhangen, zum Rahmen hin sammelt sich der Schmutz und von außen hat schon jemand Graffiti auf die Scheibe aufgekritzelt. Obwohl man als BetrachterIn keinen Einblick in den dahinterliegenden Raum mit seinem Alltag bekommt, zeigen die Fenster dennoch Spuren vom Leben, das hier stattfindet oder sich einmal abspielte.

Auch bei seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, „Cavités“ genannt, geht es um Spuren von Realitäten, die sich irgendwo überlagern: Betrachtet man die großformatigen Bilder, so erinnern sie an Nahaufnahmen von Mondkratern, dabei hat Ewen nur die Überbleibsel menschlicher Anwesenheit in einer steinzeitlichen Höhle fotografiert.

Ewens Fotos haben eine ganz eigene Poesie und Melancholie, gerade weil Menschen auf seinen Aufnahmen fehlen. Stattdessen sind seine Fotos vor allem Bildträger von Spuren und Hinterlassenschaften verschiedener Realitäten. Eine sehenswerte Ausstellung.

Noch bis zum 13. Juli im Pavillon Arcelor Mittal in Esch.


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