FOTOGRAFIE: Aus der Haut

Begrenzen und Entgrenzen – um Oberflächenanalyse geht es in der Ausstellung „Faire la peau de l’inconscient“.

Wolkige helle Formen vor schwarzem Hintergrund; die Dauer eines Liebesaktes zwischen zwei Personen hat Frédéric Delangle auf Fotopapier gebannt und dem Ganzen den technischen Titel „Coït“ gegeben. Zu erkennen sind höchstens ein Fuß, eine Hüfte, ansonsten verschwimmen die beiden Körper ineinander. „Des formes nuageuses, l’état où l’on est, quand on fait l’amour“, kommentiert Delangle seine Bilder. Begrenzung und Entgrenzung, der Körper und sein größtes Organ – die Haut – stehen im Mittelpunkt von „Faire la peau de l’inconscient“, die in der Galerie Nei Liicht im Rahmen des „Mois de la photographie 2009″in Dudelange zu sehen ist. Rund sieben verschiedene Künstler haben in ihren Fotos und Videos den Körper in den Mittelpunkt gestellt, das „Moi-peau“ illustriert oder wieder verwischt. Wie Isabelle Grosse, die in Frankreich lebt und arbeitet. Bekannt wurde sie durch ihre Shaping-Praktiken. Hier hat sie die Akkumulationen von bestimmten Formen im städtischen Raum wie etwa ein Verkehrsstau oder Warteschlangen fotografiert, um anschließend mittels weißen Linien der einzelnen Form, die sich in der Masse aufzulösen droht, wieder einen individuellen Raum zu geben. Auch in Dudelange betont Grosse das Individuum gegenüber der Masse: In ihren großformatigen, sehr bunten Aufnahmen von Menschenmassen, die einer Sportveranstaltung oder einem sonstigen Event zuschauen, sind alle Personen verschwommen – bis auf ein Gesicht mit einem jubelnden Mund, der scharf konturiert ist. „Das Individuum hat das Gefühl in der Masse die Begrenzung der eigenen Person aufzugeben; der Einzelne ist erleichtert, da alle Distanzen, die ihn auf sich selbst zurückwerfen, aufgehoben sind“, meinte Elias Canetti. Auch die Bilder von Grosse zeigen wie sich das Individuum in der Gruppe auflöst. Jedoch indem die Künstlerin den Einzelnen fokussiert und isoliert, hebt sie das Individuum auch wieder aus der Gruppe heraus und macht es sichtbar.

Dagegen schafft Evelyne Coutas Ab-drücke der Körperoberfläche. Ihre Technik erinnert an die Anthro-pometrien von Yves Klein, nur dass bei Coutas die Körper mittels Licht auf Fotopapier gebannt wurden statt dass es Abdrücke von angemalten Körpern sind. Ergebnis sind fast abstrakt wirkende Formen, die die Konturen des Körpers nur erahnen lassen, wie in ihrer Serie „Les baisers. Images Soufflées“. Um die Materialität des Körpers geht es auch bei der Luxemburger Künstlerin Vera Weisgerber. In ihren großformatigen Farbfotos hat sie verschiedene Körperteile in Nahaufnahme dargestellt: Hände in Seifenwasser getaucht, abgenagte und ungeschickt lackierte Fingernägel oder die Hand einer älteren Frau, die eine Kartoffel schält. Indem Weisgeber die Kamera auf Hautporen, Falten und kaputte Fingernägel richtet, thematisiert sie die Lebendigkeit und Verletzbarkeit der Haut und des Körpers insgesamt. Um Verletzbarkeit, wenn auch in einem poppig-ironischen Sinne, geht es bei der Fotografin und Videokünstlerin Elina Brotherus, die durch auto-biografische Aufnahmen bekannt wurde. In ihrer Videoinstallation „Lesson“ sieht man eine junge Frau im grün-weiß gestreiften Body Turnübungen machen, die von einer Stimme im Off mit vernichtenden Urteilen kommentiert werden: „You’re worthless! You should forget ballet… And the Jumps … Awful. Don’t lean back“. Sind es die Gedanken der jungen Frau oder die einer auf Konsum und Perfektionismus basierenden Gesellschaft, die hier reproduziert werden? Die Ausstellung „Faire la peau de l’inconscient“ gibt hier keine klaren
Antworten.

Zu sehen in der Galerie Nei Liicht noch bis 3. Mai.


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