RETROSPEKTIVE: The Roaring Sixties

Neben Mord und Totschlag bietet das hauptstädtische Geschichtsmuseum eine weitere temporäre Ausstellung, die sich den „Sixties“ widmet. Wie bei den wilden Zwanzigern schwingt auch hier das „roaring“ mit, und die vielen Rückblicke und Reportagen, die man in der letzten Zeit wegen diverser Jahrestage genießen konnte, zeigen wohl deutlich genug warum dieses Jahrzehnt immer noch von zentraler Bedeutung ist.

Getreu seinem Motto, sich dem kulturellen Erbe der Stadt Luxemburg zu widmen, gibt das Museum weniger den großen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen Raum sondern widmet sich verstärkt dem Alltagsleben der Luxemburger dieser Zeit. Auch wenn das eine ohne das andere nicht erklärbar ist, soll der Blick des Besuchers also in erster Linie in die „gute Stube“ der damaligen Zeit gerichtet sein.

So finden sich in der Ausstellung Artefakte aus einer fast vergessenen, weil oft selbst erlebten Zeit und rühren bei vielen Besuchern sicher auch an eigene Erinnerungen.

In Luxemburg gelten die Sechziger als der Höhepunkt der „Trente Glorieuses“ von 1945-1975. Das Land entwickelte sich in dieser Dekade vom Industriestandort zum Finanzplatz. Das Große Theater und die Rote Brücke wurden eingeweiht, die Luxair nahm die ersten Flüge auf, die ersten Frauen drängten in die Politik und die Geschlechtertrennung an den Schulen wurde aufgehoben. Der neue Wohlstand kurbelte den Konsum an und der Blick war in die Zukunft gerichtet.

Dabei fallen auch die Parallelen zur heutigen Zeit auf, die einem vielleicht erst durch eine solche Ausstellung bewusst werden. Sieht man einmal vom Revival der Mode der späten Sechziger ab, bleibt der große Wunsch nach Mobilität, Unterhaltung, Selbstdarstellung und der Erreichbarkeit immer der Gleiche. Zeugnis dafür sind nicht nur Werbeplakate, Telefonanlagen, Tonbandgeräte und Kameras, das tragbare Solarium „Heimsonne“, schmückende Perücken, Fernseher, Reiseschreibmaschinen und tragbare Plattenspieler, sondern auch die schlichte Tatsache, dass sich in dieser Dekade die Zahl der Autos in Luxemburg mehr als verdoppelt hat.

Neben den reinen Ausstellungsstücken wird aber auch den Medien Rechnung getragen. Man kann sich – allerdings eingeschränkt – in Artikel der Wochenzeitung „Revue“ vertiefen, sich im Schwarz-Weiß-Fernseher Nachrichten ansehen oder private Super-8-Filme betrachten. Der schönste Einfall ist sicher, dem Besucher zu gestatten, selbst Langspielplatten aus einer kleinen Plattensammlung aufzulegen um sich von der Musik der sechziger Jahre berieseln zu lassen.

Dies offenbart aber auch das Manko der Ausstellung, und es lässt einen – auch im Hinblick auf die traditionelle Präsentation historischer Alltagsgegenstände in Museen allgemein – mit einem Beigeschmack zurück.Die Zeitschriften sind hinter Plexiglas „versteckt“, die Nachrichten und Filme laufen in Endlosschleifen, die Ausstellungsstücke sind aus ihrem Kontext gerissen und stehen in – allerdings zugegebenermaßen stilechten – Vitrinen.Mehr Interaktivität und eine „alltagsgerechtere“ Präsentation hätten der Ausstellung sicher gut getan.

So bleibt alles Fragment, und speziell jüngere Besucher benötigen das ein oder andere Mal vielleicht schon etwas Fantasie um die Gegenstände richtig zuordnen zu können. Oder sie fragen den Älteren, der hier seine Erinnerungen auffrischt und dann von der guten alten Zeit vor schwärmt. Was einem dann noch ganz dringend auf der Zunge brennt ist die Frage, wohin eigentlich all die bunten Farben der „Roaring Sixties“ verschwunden sind?

Die Ausstellung wird übrigens regelmäßig erweitert und darf von jedem gerne durch geeignete „Artefakte“ unterstützt werden.

„Sixties“, noch bis zum 10. Oktober im Musée d’Histoire de la ville de Luxembourg.


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