MILITÄRDIKTATUR: Die dezimierte Generation

Unter den Büchern argentinischer Autoren zur Buchmesse befindet sich die Neuauflage eines Klassikers des New Journalism. In „Das Massaker von San Martín“ erweist sich der in der Militärdiktatur getötete Rodolfo Walsh als Chronist des argentinischen Niedergangs.

„Ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden“: Der Journalist und Schriftsteller Rodolfo Walsh bezahlte seinen Mut mit dem Leben.

Es begann mit einem Zufall. Rodolfo Walsh saß am 9. Juni 1956 in einem Café in La Plata und spielte Schach, als plötzlich Schüsse fielen. „Ich weiß noch, wie wir alle zusammen ins Freie liefen, die Schachspieler, die Kartenspieler und die Kiebitze, weil wir wissen wollten, was das Spektakel ganz in unserer Nähe zu bedeuten hatte, und wie wir immer ernster wurden“, schreibt der 1977 verstorbene argentinische Journalist und Schriftsteller im Vorwort zu seinem Buch „Das Massaker von San Martín“.

Ein halbes Jahr nach dem Vorfall erfährt Walsh von geheimen Hinrichtungen. Eine Gruppe von Männern wurde verhaftet und exekutiert. Sie standen im Verdacht, an einem Aufstand gegen die Militärregierung der Generäle Aramburu und Rojas teilgenommen zu haben. Diese hatten im September 1955 den argentinischen Staatspräsidenten Juan Domingo Perón gestürzt. Die peronistische Partei wurde verboten. Der Widerstand der Peronisten gegen den Putsch der Militärs scheiterte. Zwölf Erschossene fand man auf einer Müllhalde in einem Vorort von Buenos Aires.

Einige der festgenommen Männer haben überlebt, und Rodolfo Walsh beginnt zu recherchieren. Er spürt die Überlebenden einen nach dem anderen auf, spricht mit ihnen, überprüft und vergleicht ihre Aussagen. Der erste ist Juan Carlos Livraga: „Ich sehe dieses Gesicht, das eine Loch in der Wange, das größere Loch in der Kehle.“ Livraga war damals blutüberströmt entkommen. Einem anderen gelang die Flucht nach Bolivien. Systematisch rekonstruiert der Autor, wie es dazu kommen konnte, dass Aufständische und Unbeteiligte Opfer der Militärs wurden.

Walsh zieht sich unter einem Decknamen in das Haus eines Freundes im Delta des Río de la Plata zurück und schreibt die Geschichte nieder. Doch niemand will sie veröffentlichen, keiner möchte damit auch nur das Geringste zu tun haben – bis der Bericht zwischen Mai und Juli 1957 als Artikelserie in der Zeitschrift „Mayoría“ und danach als Buch unter dem Titel „Operación Masacre“ erscheint. Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, bei der Argentinien dieses Jahr Gastland sein wird, brachte der Züricher Rotpunktverlag „Das Massaker von San Martín“ in einer Neuauflage der deutschen Fassung heraus.

Das Buch steht für eine Wende in Walshs Schaffen und gilt mittlerweile als Klassiker der modernen argentinischen Literatur. Bis dahin veröffentlichte der 1927 in der Provinz Rio Negro im Norden Patagoniens geborene Spross irischer Einwanderer Erzählungen und Kriminalgeschichten. Seinen Lebensunterhalt verdiente er nach eigenen Worten mit „Beschäftigungen, die ich als Journalismus bezeichne, auch wenn es sich bei ihnen nicht um Journalismus handelt“. An Politik war Walsh kaum interessiert, wie die meisten argentinischen Intellektuellen lehnte er die autoritäre Perón-Regierung zunächst ab.

„Das Massaker von San Martín“ stelle in zweifacher Hinsicht einen Wendepunkt dar, konstatiert der Übersetzer, der österreichische Schriftsteller Erich Hackl, in seinem Nachwort und erklärt: „In politischer, weil die Aufdeckung des Massakers den Autor veranlasst hat, die Postulate der so genannten Nationalen Linken zu übernehmen.“ Walsh schließt sich den linksperonistischen Montoneros an, für deren Zeitung „Noticias“ er schreibt und für deren Nachrichtendienst er zuständig ist. Er wird Direktor der Gewerkschaftszeitung. In Kuba baut er mit Gabriel García Márquez und anderen die Presseagentur „Prensa Latina“ auf. Literarisch bedeute „Das Massaker von San Martín“ zudem etwas Neues, führt Hackl weiter aus, „weil Walsh hier ein Verfahren erprobt und gleich zur Meisterschaft erprobt hat, das bis dahin kaum verwendet worden ist: Um seinen literarischen Anspruch mit den politischen Erfordernissen zu verknüpfen, verzichtet er auf die Fiktion als Mittel künstlerischer Wahrheitssuche.“

In der Tat weichen fiktive Elemente in dem Buch hinter der dokumentarisch wirkenden Form der Reportage zurück. Sie verschwinden aber nicht ganz. So sind die Dialoge erfunden. Allerdings setzt er sie möglichst nah an den Fakten ein. Er verwendet dabei eine realistisch wirkende und knappe, schmucklose, aber umso präzisere Sprache, die allen Überflusses entbehrt. Die recherchierten Tatsachen ergänzt er mit seinen eigenen subjektiven Erlebnissen. „Das Massaker von San Martín“ wird häufig als Vorläufer des in den Sechzigerjahren in den USA entstandenen und besonders von Hunter S. Thompson, Norman Mailer und Truman Capote geprägten „New Journalism“ bezeichnet – noch vor Capotes „Kaltblütig“ und noch bevor Tom Wolfe den Begriff in die Welt setzte.

Walsh wurde zum Vorbild für eine neue Generation von Zeitungsmachern.

Walsh lässt weitere große Reportagen folgen. Sie gelten als die besten Beispiele des investigativen Journalismus, die in Argentinien jemals publiziert wurden. Walsh wurde damit auch zum Vorbild für eine neue Generation von Zeitungsmachern in dem zweitgrößten südamerikanischen Land, insbesondere in der Tageszeitung „página/12“: Das 1987 gegründete Blatt ist ein Flaggschiff des kritischen Journalismus in Argentinien. Walshs Reportagen liegen akribische Nachforschungen zugrunde. In „El caso Satanowsky“ (1958) rollt er den Fall der Ermordung eines Rechtsanwalts durch den argentinischen Geheimdienst auf, in „Quién mató a Rosendo?“ (1969), dessen deutsche Ausgabe von 1992 leider vergriffen ist, geht es um die Ermordung des Gewerkschaftsführers García im Mai 1966.

Walsh sah die Spaltung der Peronisten voraus. Die Auseinandersetzung zwischen der rechtsperonistischen Gewerkschaftsspitze und den linksperonistischen Organisationen eskalierte am 20. Juni 1973 am Flughafen Ezeiza von Buenos Aires, als fast eine Million Menschen Perón bei dessen Rückkehr aus dem spanischen Exil empfingen: Rechtsperonistische Scharfschützen eröffneten das Feuer auf die Montoneros. Das Massaker von Ezeiza forderte laut Schätzungen mehr als hundert Todesopfer. Für eine ganze Generation linker Aktivisten in Argentinien kann es als Menetekel bezeichnet werden. Einer der renommiertesten Journalisten Lateinamerikas, der Ex-Montonero, Bestsellerautor und Menschenrechtler Horacio Verbitsky, analysierte die Vorkommnisse und ihre Hintergründe in seinem Buch „Ezeiza“. Er gebraucht dafür einen ähnlichen Stil wie Walsh.

Dem Militärregime, das sich in Argentinien im März 1976 an die Macht putschte, fielen Zehntausende zum Opfer. Darunter auch Walshs Tochter Maria Victoria, die sich am 29. September 1976 nach anderthalbstündigem Widerstand gegen 150 Soldaten selbst erschoss. Sie war Offizierin der Guerillabewegung der Montoneros. Rodolfo Walsh selbst hatte sich wegen der aus seiner Sicht zunehmenden Realitätsferne der Organisation von dieser distanziert. Er bezog politisch Position, ließ sich aber nicht länger vereinnahmen.

Rodolfo Walsh überlebte Maria Victoria nur ein halbes Jahr: Zum Jahrestag des Militärputsches am 25. März 1977 hatte er einen „Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta“ an mehrere Tageszeitungen verschickt – „ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden, aber getreu der Verpflichtung, die ich vor langem eingegangen bin, in schwierigen Zeiten Zeugnis abzulegen“. Ein Einsatzkommando der „Grupo de tarea 3.2.2“ stellte ihn in der Nähe des Bahnhofs Constitución. Walsh setzte sich mit seiner Pistole zur Wehr – und wurde erschossen.

Kein Geringerer als Horacio Verbitsky hat der Generation von Rodolfo Walsh in einem Buch über die Untergrundpresse während der Diktatur ein Denkmal gesetzt. Sein Interview mit dem Marineoffizier Alfredo Scilingo, das auch als Buch veröffentlicht wurde, trug außerdem zur Aufklärung zahlreicher Verbrechen des Regimes bei. Der frühere Staatspräsident Néstor Kirchner, auch er war in den Siebzigern ein Anhänger der Montoneros, sprach von einer „Generation der Dezimierten“, von denen viele für ihre Ideale starben. So auch Rodolfo Walsh. Zu dessen 33. Todestag in diesem Jahr begab sich der Künstler Gabriel Serulnicoff mit einer Schubkarre auf einen Marsch durch Buenos Aires. Unterwegs klebte er Plakate an die Wände. Auf ihnen stand das berühmte Zitat aus Walshs Brief an die Militärs: „ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden“. Das Meisterwerk des Autors, „Das Massaker von San Martín“, ist es jedenfalls auch heute noch wert, gelesen zu werden – und hilfreich, um den Niedergang Argentiniens in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts zu verstehen.

Rodolfo Walsh – Das Massaker von San Martín. Ein Bericht. Aus dem Spanischen übersetzt von Erich Hackl. Rotpunktverlag, 255 Seiten.

 

Argentinien auf der Frankfurter Buchmesse
Von den Autoren, die das Gastland Argentinien bei der kommenden Frankfurter Buchmesse vertreten, hat sich ein Teil mit dem dunkelsten Kapitel der jüngeren argentinischen Geschichte auseinandergesetzt, der Militärdiktatur. Nicht wenige sehen sich, auch wenn sie einen anderen literarischen Stil pflegen, dem Erbe von Rodolfo Walsh verpflichtet. Von demselben Autor ist nun auch das Buch „Die Augen des Verräters“ erschienen, eine Sammlung von Kriminalgeschichten um den Kommissar Laurenzi. Von den jüngeren Schriftstellern der „Nueva Literatura Argentina“ ist unter anderem „Ein Chinese auf dem Fahrrad“ von Ariel Magnus zu empfehlen, das in humorvoller Weise die chinesische Community in Buenos Aires behandelt. Neben den schon sehr bekannten Autoren wie Ricardo Piglia und Cesar Aira sowie Alan Pauls, dessen Roman „Die Geschichte der Tränen“ über eine Kindheit in den Sechziger- und Siebzigerjahren rechtzeitig zur Buchmesse erscheint, werden in Frankfurt zahlreiche weitere junge argentinische Schriftsteller präsentiert. Um die neue Generation von Autoren kennen zu lernen, von denen die einen in bester Borges-Tradition Ausflüge ins Fantastische unternehmen und die anderen die gesellschaftliche Realität des heutigen Argentinien beschreiben, bietet sich am besten das vorzügliche, von Timo Berger und Rike Bolte herausgegebene Bändchen aus dem Wagenbach-Verlag an: „Asado Verbal. Junge argentinische Literatur“. Darin vertreten sind unter anderem Washington Cucurto, der auch Lyriker und Gründer des Kartonsammler-Verlags Eloísa Cartonera ist, und Lucía Puenzo, Regisseurin und Tochter des Oscar-Preisträgers Luis Puenzo. Immer noch (wieder) zu entdecken gilt es im deutschsprachigen Raum eine Reihe großer Schriftsteller des Landes: so zum Beispiel Roberto Arlt (1900-1942), einen Vertreter des modernen Großstadtromans, sowie Ernesto Sabato. Immerhin ist der erste Roman „Der Tunnel“ des mittlerweile 99-jährigen jetzt vom Wagenbach-Verlag neu aufgelegt worden.


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