Literatur: Lyrische Lektüretipps, Teil 4

von | 29.05.2026

Der Pool an Poesie-Neuerscheinungen ist groß – wir haben drei besondere Bände für Sie herausgegriffen und rezensiert.

(Cover: Edition Rugerup)

„Falkenfrau“ von Klára Goldstein Geschichtliches echot durch die Poeme der tschechischen Dichterin Klára Goldstein; als geisterhafte Einblendung oder als vage, unbehagliche Ahnung verschafft sich die kollektiv wie persönlich erlebte Vergangenheit auch dann Gehör, wenn die Sprache – die lyrische inbegriffen – sie kaum fassen und formen kann: „Am Anfang konnten wir nicht / darüber sprechen.“ Sie drängt sich auf in Bildern, in Erinnerungen reaktivierenden Empfindungen, die unmissverständlich signalisieren, dass der gegenwärtige Moment eine Mischzone ist, in der das Heute und das Gestern wie unterschiedliche Strömungen ineinanderfließen. Überhaupt vergeht Zeit weniger, als dass sie in alle Richtungen verweht wird, in Partikeln wird sie blitzschnell hinweg- und ebenso rasch wieder herangetragen. Vor diesem Hintergrund erweist sich jedes Schreiben als eine dürftige Übertragungsleistung von sprachlich nicht einzuhegenden Erfahrungen, die flüchtig und persistent zugleich sind wie ein schwarzer Fleck am äußersten Rand des Gesichtsfelds. In „Falkenfrau“, aus dem Tschechischen übersetzt von Klaus Anders und Patrik Valouch, versammelt Klára Goldstein Gedichte, die menschliche Existenz in temporalen Grenzbezirken erkunden. Sie bedient sich trittsicher einer prägnanten, doch zugleich traumartig-evokativen Sprache, zieht so sanft an den Worten, als würde sie an einer Saite zupfen, weil sie auf die suggestive Kraft ihrer Bedeutung vertraut: „Schreibst schon lang an einem Gedicht, / das fähig wär, noch einzufangen, / was sich gegenseitig berührte, / so lautlos und blau, / wie in der Tiefe am Fuß des Berges.“

Klára Goldstein: „Falkenfrau“, Gedichte, Edition Rugerup, Berlin 2026, 71 Seiten, 18 Euro

(Cover: Wallstein Verlag)

„Entschwebung“ von Nasima Sophia Razizadeh Mit „Entschwebung“ hat Nasima Sophia Razizadeh einen Lyrikband geschrieben, aus dem es geheimnisvoll dampft und zischt wie aus einer Alchemistenküche: Hier flirren, schmelzen, kräuseln, rinnen, verdunsten und schimmern die Dinge, sie verändern fortwährend ihre Form, ihren Aggregatzustand, ihre materielle Beschaffenheit. Impressionsstark greifen die Gedichte in die stoffliche Welt hinein, befühlen Oberflächenstrukturen, bohren ihre Wurzeln tief in den Boden, sinken ins Erdige und Erdende ein, sprechen von rauem Fell und hauchdünnem Vlies, von Legierungen, Blattgoldfragmenten, Rußpartikeln, Kreidestaub und Eisenschuhen. Überreich an Greifbarem, und doch kaum selbst fixierbar sind diese luftdurchwirbelten Texte, die, dem hohen Ton verpflichtet und immer ins Offene gewendet, das Symbolische dem Konkreten vorziehen. Es geht nicht um das durch die Sinnesorgane Erfassbare, sondern um alles, was dem menschlichen Leben Tiefe und Textur verleiht: Abschied und Hingabe, Aussöhnung und Vergessen. Die Gegensätzlichkeit, die Razizadehs Poeme ihre spezifische Prägung verleiht, findet ihr Echo in der immer wieder heraufbeschworenen Polarität von Licht und Dunkel sowie der Vielzahl an kontrastierenden Pendel-Bewegungen, die immer wieder in den Gedichten vollzogen werden, die schwindelerregenden Aufstiege und ebenso rasanten Talfahrten: „Ein akutes Klettern / […] dem Grünenden zu, / […] entronnen, schon schwerelos, hinab, / hinab zu den Wurzeln, den / Wurzelspitzen zu, / dem Erdsog folgend, bis ins / zu krönende Nichts“.

Nasima Sophia Razizadeh: „Entschwebung“, Gedichte, Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 142 Seiten, 22 Euro

(Cover: Michikusa Publishing)

„Wat baussen a wat bannen“ von Nicolas Bouvier Der Schriftsteller Nico Helminger zeigte jüngst mit seinem prämierten Poesieband „Geckegen Hunneg“ (siehe woxx 1883), wie man sich des Luxemburgischen als eines hochpoetischen Sprachfundus bedienen kann. Ebenso kunstfertig und sinnreich wie diese originäre Dichtung ist nun die Übersetzungsleistung der Lyriker Robert Weis und Florent Toniello, die die einzige Gedichtsammlung des verstorbenen Schweizer Autors und Fotografen Nicolas Bouvier, „Le dehors et le dedans“, ins Luxemburgische übertragen haben: „Wat baussen a wat bannen“ heißt der Lyrikband, der dieses Jahr im Michikusa Verlag erschienen ist. Die Gedichte bergen lustvoll hingepinselte Landschaftsausschnitte und Stadtszenen, die sich fließend mit meditativen Selbstbeobachtungen verbinden oder blitzschnell ins Reflexive wechseln, wenn das lyrische Ich unvermittelt aphoristische Gedankenblitze wie Spötteleien ausspeit. Zur emphatischen Naturbewunderung und der präzisen Observation unterschiedlichster Menschen und Schauplätze – die Texte entstanden unter anderem in Kyoto, Sri Lanka, New York und Genf – gesellen sich immer wieder auch Passagen, die auf das reiche Innenleben des lyrischen Ichs verweisen; der Autor findet hier manchmal außergewöhnliche Bilder: „an ech gesinn am Spigel / wéi déi eng Hallschent vum Gesiicht / iwwert déi aner laacht“. So sind das Außen und das Innen nur bedingt voneinander zu trennen; tritt die innere Erlebniswelt in die äußere über, verändern sich sogar kosmische Verhältnisse: „D’Stëmm vun dëser Fra: rau, voll mat Blutt / si moduléiert a jéimert / si knipst d’Stären aus / Alles ass elo Wonn a Muussegkeet“. Nicht zufällig scheint es an dieser Stelle, dass das luxemburgische Wort für Wunde, „Wonn“, nur einen unbetonten Vokal vom deutschen „Wonne“ entfernt ist. Eine Wonne ist jedenfalls dieser bemerkenswerte Band.

Nicolas Bouvier: „Wat baussen a wat bannen“, Gedichter, Michikusa Publishing, Lëtzebuerg, 122 Seiten, 15 Euro

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