VERKEHR: Große Region auf kleiner Spur

von | 08.10.2010

Politiker und Verkehrsspezialisten der Großregion diskutierten über die Zukunft eines lange überfälligen umwelt-, klima- und benutzerfreundlicheren Transportsystems.

„Wir kommen nicht voran. Sei es auf der Straße oder im Entwickeln von Lösungen für das tägliche großregionale Verkehrschaos. Wir stecken fest, und das seit 30 Jahren!“ Sinngemäß eröffnete Heiner Monheim, Verkehrswissenschaftler an der Universität Trier, mit dieser Feststellung ein Streitgespräch zu dem Thema „Große Region auf kleiner Spur“, das die Gréng Stëftung am vergangenen Dienstag im Rahmen des Projekts „Meine Großregion 2030“ (woxx 1062) veranstaltete.

Monheims Feststellung bringt ins Grübeln: „Zwischen 1910 und 1920 war die Zahl der grenzüberschreitenden Verkehrsanbindungen größer als heute, und das ohne ein vereintes Europa.“ Es rollen zwar immer mehr Autos auf der Straße, so Xavier Georges, Berater im wallonischen Mobilitäts-Ministerium, doch sitzen immer weniger Menschen in diesen Autos. Wie die Autos staut sich somit auch das klima- und energiepolitische Problem, das dringend mit innovativen Lösungsversuchen angegangen werden muss. Es ist vor allem der Pendlerverkehr, der es laut Monheim absolut notwendig macht, die Priorität endlich vom transeuropäischen Schienennetz auf die kleinen grenzüberschreitenden Anbindungen zu verlagern. Der Luxemburger Verkehrsschöffe François Bausch unterstreicht im selben Sinne, dass das Ziel des Modal Split, in dem öffentliche Verkehrsmittel 25 Prozent beanspruchen, unzureichend sei und in den Stadtgebieten auf 40 Prozent angehoben werden müsste.

In der Kernfrage sind sich alle einig: Wie den Bürger dazu bringen, sein Auto in der Garage stehen zu lassen und im Sinne der „mobilité douce“ auf alternative Transportmittel umzusteigen? Die „Baustellen“, die Bausch aufzählt, sind vielfältig: Infrastruktur, öffentliches Verkehrsmittel-Angebot, Intermodalität, d.h. das Zusammenspiel verschiedener Verkehrsmittel, grenzüberschreitende Angleichungen der Tarifsysteme und ein Umdenken in der Raumordnung.

Verkehrsminister Claude Wiseler konstatiert: „Wir haben einfach nicht genügend Kapazitäten im Schienenverkehr.“ Er ist überzeugt von der Notwendigkeit, weitere Busspuren einzurichten. Auch hier überzeugt Monheim durch Argumente und kritisiert, dass Ingenieure, die nach dem Prinzip „alles oder nichts“ planen, nicht unbedingt die innovativsten seien. Vielmehr könne man auch Kapazitäten steigern, indem man den Taktverkehr erhöht und die Logistik optimiert. Das ebenfalls von Monheim angesprochene ambitionierte Projekt BTB 2002 in Luxemburg, das schon vor einigen Jahren zu Grabe getragen wurde, wurde dabei diskret umgangen.

Daniel Beguin und Guy Harau vom lothringischen Conseil général warnen vor allzu idealen Zielvorstellungen: Selbst bei einem optimalen Ausbau der Verbindungen wären immer noch zu viele gezwungen, mit dem Auto nach Luxemburg zu pendeln. Fahrgemeinschaften sind hier allerdings zumindest ein Ansatz zur Besserung.

Doch der Zug ist noch nicht abgefahren und bis 2030 kann noch viel getan werden. Ekkehart Schmidt-Fink, anwesend als ÖPNV-Nutzer, der sich vor 26 Jahren dafür entschied, ein autofreies Leben zu führen, lobt jeden Tag aufs Neue diese bewusste Entscheidung für die Umwelt. Wenn er als Grenzgänger im Saarbrücken-Luxemburg-Express die gestauten Autos auf der Busspur überholt, ist auch ihr persönlicher Nutzen offenkundig. Angesichts der immerhin recht komfortablen Bus-Lösung gibt er zu bedenken, dass man nicht alle Verantwortung den Verkehrsplanern und Politikern aufbürden könne. Es müssten auch gezielte Kommunikationsmaßnahmen getroffen werden, um die Bürger im wahrsten Sinne des Wortes auf die richtige Spur zu bringen.

Vor allem anderen jedoch ist kreative Kooperation der Bürger gefragt. Das Prinzip des Carsharing beispielsweise wird von François Bausch, als wahre „rupture culturelle“ bezeichnet. Sie ist vielleicht näher, als wir denken, denn Bausch kündigt die Einführung eines Carsharing-Systems in Luxemburg bereits für die kommenden Monate an.

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