UNIVERSITÄT DER GROSSREGION: Generation Uni-Hopping

Durch die Schaffung eines gemeinsamen Hochschulraums wollen sieben Universitäten der Großregion das grenzüberschreitende Studieren erleichtern.

Voll guten Mutes zeigten sich die Präsidenten und Rektoren im Dezember 2008, anlässlich der ersten Sitzung zur Bildung der „Universität der Großregion“ in Kaiserslautern.

Im Leben der „Generation CouchSurfing“ spielen Grenzen eine immer geringere Rolle. Die Studierenden von heute sind dynamisch, abenteuerlustig und vernetzter denn je. Vernetzt jedoch nicht nur virtuell, sondern auch ganz real im Reisen von Stadt zu Stadt und von Couch zu Couch. Jetzt ist es an den Universitäten, in Sachen Mobilität nachzuziehen, um den Studenten auch in ihrem Studium ein zukunftsorientiertes Umfeld zu bieten. „Uni-Hopping“ könnte das Schlagwort für eine mobile Vernetzung von Hörsaal zu Hörsaal werden. Wenn es natürlich auch nicht so einfach und unkonventionell wie das Couchsurfing sein kann, so ist das Prinzip in seiner theoretischen Konzeption doch nicht völlig anders: Statt eines kostenlosen Schlafplatzes erhält der Student einen (im Idealfall) kostenlosen Fahrplatz, statt im Wohnzimmer eines fremden Freundes nimmt er in dessen Hörsaal Platz, und genauso, wie Couch-Surfer häufig noch ein bisschen Kultur mitnehmen, profitieren Uni-Hopper vom kulturellen Angebot eines anderen Universitätsstandortes.

Diesem Ziel des grenzüberschreitenden Studierens haben sich die sieben Universitäten Luxemburg, Saarbrücken, Metz, Nancy, Liège, Kaiserslautern und Trier verschrieben und den Verbund zur Universität der Großregion (UGR) gegründet. „Seit 2008 arbeiten wir daran, einen Hochschulverbund der Großregion zu schaffen, sodass es Studierenden, Forschenden und Lehrenden erleichtert wird, strukturiert mobil sein zu können“, so Virginie Laye, Projektbetreuerin an der Universität Luxemburg.

Kooperieren im Hochschulverbund

Doch die Mobilität ist nur das Bindeelement für die zu schaffende hochschulübergreifende Struktur, die als eine umfassende gedacht ist. Das von der Santer-Kommission 2003 entworfene „Zukunftsbild 2020“, das der UGR-Idee zugrunde liegt, beschreibt das Konstrukt mit folgenden Worten: „Die Großregion bildet einen gemeinsamen Hochschul-, Forschungs- und Innovationsraum. (?) Sprachbarrieren spielen dabei keine Rolle, (?). Leistungsnachweise, Prüfungen, Abschlüsse etc. tragen das einheitliche Siegel der Großregion, (…). Die einzelnen Standorte haben dabei jeweils ihr eigenes spezifisches Profil, sind komplementär aufeinander abgestimmt und eng miteinander vernetzt.“

Dieses Zukunftsbild lässt sich nun auf der Basis der bisherigen Projektarbeit bereits etwas detaillierter ausmalen: Der Zukunftsstudent schreibt sich in einen Studiengang der sieben beteiligten Universitäten ein, kann jedoch problemlos Vorlesungen an einer der Partneruniversitäten besuchen. Kommt er beispielsweise von der Universität Luxemburg, so konsultiert er Bücher in den Bibliotheken in Nancy und Trier, verpflegt sich dort in der Mensa und kommt dabei auch den Kulturen und Sprachen des Ländervierecks näher. Er erweitert nicht nur seinen Horizont, sondern verbessert auch seine Qualifizierung für den Arbeitsmarkt. Der Zukunftsprofessor hat keinerlei Probleme, ein grenzüberschreitendes Kursangebot mit seinen Partnern zu organisieren, da ihm ein Handbuch alle wichtigen praktischen Informationen und ein Verzeichnis aller bestehenden Studiengänge und Kooperationsmöglichkeiten liefert. Dank der detaillierten Abstimmung der Studienprogramme stellt die gegenseitige Anerkennung der Leistungsnachweise kein Hindernis mehr dar. Auch der Zukunftsforscher findet einen einfachen Zugang zu den verschiedensten praktischen Informationen, kann an gemeinsamen Projekten teilnehmen und beispielsweise hoch entwickelte Gerätschaften, mit denen nicht jede Universität ausgerüstet ist, bequem an den Partneruniversitäten nutzen.

Bis dieser Idealzustand erreicht sein wird, ist freilich noch ein weiter Weg zurückzulegen. „Ziel ist es zunächst, bis zum Ende des Projektes, das heißt bis April 2012, verschiedene Pilotfächer zu schaffen, in denen die Kooperation effektiv umgesetzt wird“, erläutert Virginie Laye.

Große Projekte und erste Gehversuche

Eine Initiative, die diese Vorstellung verwirklicht, wird in dem Masterstudiengang Philosophie an den Universitäten Nancy und Saarbrücken schon jetzt aktiv. Dank eines Mobilitätsfensters haben Studierende hier die Möglichkeit, Vorlesungen an der Universität Nancy zu belegen, ohne Zeit oder Leistungspunkte zu verlieren. „Es gibt ein maßgeschneidertes Programm, das in der Kooperationsvereinbarung festgehalten ist“, so Laye. „Die Initiative und deren Durchführung ist für das UGR Projekt ein echtes Best-Practice-Beispiel, das wir aus nächster Nähe verfolgen werden, um sie auf andere Fächer gegebenenfalls zu übertragen und um die Prozesse, da, wo es geht, möglicherweise noch zu vereinfachen.“

Neben den angestrebten Profilfächern gibt es bereits jetzt integrierte Studiengänge, in denen die Studenten obligatorisch ein Jahr an der Partneruniversität studieren und ein Doppeldiplom erwerben. Dieses Angebot soll gefestigt und ausgebaut werden.

Hinter den großen Träumen werden erste Ergebnisse für die Studenten bereits jetzt sichtbar. Die erste Errungenschaft ist die just vom UGR-Rat beschlossene Freigabe des Zugriffs auf die Bibliotheksbestände aller sieben Universitäten ohne die Bedingung einer vorherigen Einschreibung. Diese grenzüberschreitende Nutzung von Bibliotheken sei bisher eine einmalige Initiative in Europa, so Laye. Weiter soll Mitte November ein Internetportal, auf dem Studierende und Lehrende alle wichtigen Informationen zum Studienangebot und auch praktische Hinweise finden, online gehen. Ein absolut notwendiger Schritt, denn wenn das Projekt tatsächlich in das aktive Bewusstsein der Studenten gelangen soll, muss es an Sichtbarkeit gewinnen.

Dreh- und Angelpunkt einer Vertiefung der Kooperation bleibt die Mobilität, denn ohne sie nützt auch das schönste grenzüberschreitende Studienangebot nichts. Schwierigkeiten entstehen hier vor allem aus der großen Unterschiedlichkeit der Systeme in den vier beteiligten Ländern. So mussten die Projektinitiatoren bereits an dem ursprünglich vorgesehenen, am deutschen Modell orientierten Semesterticket Abstriche machen. Geplant war zunächst eine Fahrkarte, die es den Studenten der sieben Partneruniversitäten ermöglicht hätte, frei in der Großregion hin und her zu fahren. Die Differenzen zwischen den einzelnen Ländern, in denen noch nicht einmal der Status „Student“ einheitlich definiert ist, seien jedoch so groß, dass man hier notgedrungen nach einer alternativen Lösung Ausschau halte, erklärt Laye. An dieser Angelegenheit zeige sich auch die Bedeutung der engen Zusammenarbeit mit dem Gipfel der Großregion und seinen Arbeitsgruppen, denn der Kontakt zu den Verkehrsverbänden, den die Lösung des Ticket-Problems erfordert, werde durch sie sehr erleichtert.

Es sind jedoch nicht nur die praktischen Vorteile für die Studenten, die mit den geplanten Strukturen erreicht werden sollen: Die Projektverantwortlichen erhoffen sich auch eine Stärkung der jeweiligen Universitätsprofile von ihnen. Auch die Universität Luxemburg hat an dem Vorhaben UGR ein vitales Interesse. „Die Universität Luxemburg gibt es international, oder es gibt sie gar nicht; wir brauchen den Anschluss an Europa“, betont Virginie Laye. Luxemburgs Studenten müssen ein obligatorisches Auslands-Semester absolvieren, sodass sie auf Partneruniversitäten angewiesen sind. Zudem werde die ja noch recht junge Luxemburger Universität von der Erfahrung der Partneruniversitäten profitieren, wie andererseits diese Gewinn aus der ausgeprägten Internationalität ihrer Luxemburger Partnerinstitution ziehen werden. Zurzeit studieren 5.000 junge Menschen an der Universität Luxemburg. Die UGR umfasst alles in allem 115.000 Studenten. Wenn man in Betracht zieht, dass etwa in Berlin 93.000 Studenten eingeschrieben sind, so werde unmittelbar deutlich, welches Gewicht die Universitäten der Großregion durch ihre Kooperation in dem Verbund erlangen werden.

Bologna en miniature

Dennoch – von einer problemlosen Mobilität der Studenten wird schon lange geträumt, spätestens seit der Einführung der Bologna-Reform, mit der ein so genannter „einheitlicher europäischer Hochschulraum“ geschaffen werden sollte. Gerade dieser Prozess stößt aber – wie die Studentenproteste 2009 in ganz Deutschland gezeigt haben – besonders bei Studenten auf Misstrauen. Sie bemängeln die Rationalisierung und Verschulung des Studiums, die mit einer Verschärfung des Leistungsdrucks einhergehen. Entdeckerambitionen werden durch sie eher eingeschränkt als gefördert, und die Studenten fühlen sich bei den sie betreffenden Entscheidungen übergangen. Dass die studentischen Vertreter als Studierendenbeirat ein Mitspracherecht in dem Projekt haben, ist daher ein weiteres Moment, das für die UGR spricht.

Auf grenzüberschreitender Ebene wollen die Initiatoren die Reform hier modellhaft in die richtigen Bahnen lenken und ein Modell entwickeln, das eventuell auch auf andere Regionen übertragen werden kann. Dazu Laye: „Im UGR-Projekt versuchen wir, eine gemeinsame Vision des Bologna-Prozesses an allen Partneruniversitäten zu entwickeln, damit auch die Einführung der verschiedenen Aspekte, wie Modularisierung und ECTS-Punktesystem, so harmonisch wie möglich vonstatten geht.“

Sollte es tatsächlich gelingen, ein grenzüberschreitendes Studienangebot ohne administrative und systembedingte Barrieren zu schaffen, wäre für Studenten hier auf jeden Fall viel gewonnen, denn ein wichtiges Prinzip des freien Studiums bliebe erhalten: Es geht nicht darum, nach dem Motto „macht sich ja gut auf dem Lebenslauf“ mobil zu sein, sondern, die Mobilität – physisch aber auch kulturell und mental . in das Studium wirklich zu integrieren.


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