GESCHICHTE: Verstaubt, nicht vergessen

Als die deutschen Truppen am Morgen des 10. Mai 1940 in Luxembourg einmarschierten, um es „Heim ins Reich“ zu holen, zerbrachen die Hoffnungen vieler Luxemburger ihre Neutralität wahren zu können, die ihnen doch noch am Tage vor dem Einmarsch durch die Naziregierung zugesichert worden war. Schnell und umfassend setzten die Nazis die Luxemburger mit weitreichenden Einschränkungen unter Druck. Sie verboten identifikationsstiftende Symbole und rissen bereits am 21. Oktober 1940 die Gëlle Fra nieder. Mit der Zwangsverpflichtung der Luxemburger Jugend zum Dienst in der deutschen Wehrmacht am 30. August 1942 weitete sich der Unmut in der Bevölkerung zu einem Generalstreik aus, der von den Nazis blutig niedergeschlagen wurde. Für die insgesamt mehr als 11.000 Zwangsrekrutierten, die schließlich die Jahrgänge 1920-27 umfassten, stellte sich die Frage, wie man mit der Wehrpflicht umzugehen habe. Kämpfen oder fliehen und untertauchen. Die Entscheidung war nicht leicht, denn Fahnenflüchtige wurden gnadenlos verfolgt und auch ihre Familien in Sippenhaft genommen. So versuchten einige Zeit zu gewinnen, indem sie zuerst an der fünf bis sechs Monate dauernden Ausbildung teilnahmen und eine Entscheidung auf den sich daran anschließenden Stellungsurlaub vertagten. Andere hatten bereits an der Front gekämpft – meistens im Osten – bevor sie sich auf Heimaturlaub zur Flucht entschlossen.

Einige gingen noch weiter und schlossen sich Verbänden der Alliierten an. Andere kämpften aus Sorge um ihre Familien weiter in der deutschen Wehrmacht. Im Prinzip ist ihnen allen die Ausstellung „Réfractaire“ gewidmet, die derzeit im Nationalen Resistenzmuseum in Esch gezeigt wird. Sie beruht auf der Sammlung „Les réfractaires se souviennent“ der „Amicale Albert Ungeheuer“ und legt auf 40 Tafeln Zeugnis ab von den Beweggründen und Schicksalen besonders derjenigen, die sich durch Flucht den Häschern und Schergen des Naziregimes zu entziehen suchten. In welcher Gefahr sie schwebten zeigt eine Aussage des Gauleiters Gustav Simon aus dem Jahr 1944: „Abschließend fasse ich meine Auffassung zusammen, dass kein Fahnenflüchtiger (?) Luxemburg diesen Krieg überleben darf.“

Daneben wird auch eingegangen auf das Schicksal, das Familienangehörige der Réfractaires zu erwarten hatten: Verfolgung, Umsiedlung und Hinrichtung. Es werden bewegende Briefe und Dokumente gezeigt, die die Motive der Flüchtlinge ebenso darstellen, wie die Hilflosigkeit der der Willkür der Nazis ausgesetzten Verwandten und Freunde. Oder eben die – aus der Angst um die Zurückgelassenen heraus resultierende – Entscheidung doch nicht zu fliehen.

Diese Ausstellung ist bereits 1994 zusammengetragen und auch schon häufig gezeigt worden. Allerdings wurde sie für die Präsentation im Resistenzmuseum erweitert und bis zu einem gewissen Grad neu konzipiert, um auch die Nachkriegsgenerationen, die diese Zeit nicht mehr selbst miterleben mussten, anzusprechen und über das damalige, heute kaum fassbare Geschehen zu informieren.

Um bei den Jugendlichen, die heute in dem Alter der damals Betroffenen sind, Interesse zu wecken und ihnen anschaulich ein Bild der damaligen Zeit zu vermitteln, müssten die Schritte zur Neukonzeption aber viel weiter gehen. Im Moment sind fast zu viel Geduld und guter Wille gefordert, um die ausgestellten Zeugnisse und die damit verbundenen Schicksale angemessen würdigen zu können. Dabei ist es der Dauerausstellung des Resistenzmuseums zu verdanken, dass sie den Rahmen bildet, der den Nachgeborenen die Einordnung, Einschätzung und damit die Würdigung der „Réfractaires“ überhaupt erlaubt.


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