MODERNE KLASSIKER: Das ganze Elend

Wieso nicht einmal einen Klassiker verschenken? William Faulkners „Licht im August“ ist in neuer Übersetzung erschienen.

Das Licht, das im August den Mississippi bescheint, soll eine ganz besondere Wirkung haben. Nicht etwa, dass es melancholisch macht, vielmehr haben die Betrachter den Eindruck, als bestrahle es das Gegenwärtige tatsächlich aus der Vergangenheit. Kein Wunder also, dass William Faulkner dieses „Licht im August“ als metaphorischen Titel für eines seiner Bücher gewählt hat. Ist er es doch gerade, der das Drama menschlichen Zusammenlebens nicht nur aus der Perspektive der Gegenwart beschreibt und analysiert. Wie sich das Augustlicht im Mississippi reflektiert und die Umgebung in eine ungewohnte Atmosphäre versetzt, stellt sich auch die Gesellschaft, die Faulkner beobachtet, im Spiegel ihrer Entwicklung anders dar. Vieles von dem, was überwunden schien, erweist sich plötzlich als ungeheuer wirkungsmächtig. Nicht nur im sozialen Zusammenleben, sondern auch in den einzelnen Charakteren, denen nicht allein ihre eigene Vergangenheit als Ballast anhängt, sondern die gesamte Zivilisationsgeschichte narbenförmig eingeschrieben ist.

„Vielleicht ist Faulkner nicht mit Sigmund Freud vertraut gewesen – seine Charaktere waren es dagegen ganz bestimmt.“

Sigmund Freuds psychoanalytische Erkenntnisse fließen also meisterlich in Faulkners Erzählungen über die Gesellschaft der Südstaaten der USA ein. Eine Gesellschaft, die wiederum nur exemplarisch für das Verhängnis steht, in das die menschliche Gattung sich selbst gezwungen hat. Der 1897 geborene Romanautor aber bestritt zeitlebens, je auch nur eine Zeile aus dem Werk des Psychoanalytikers gelesen zu haben. Und das, obwohl nach eigenem Bekunden während Faulkners Zeit in New Orleans „jeder über Freud geredet hat“. Der amerikanische Literaturwissenschaftler John T. Irwin kommentierte augenzwinkernd, dass womöglich Faulkner „nicht mit Freud vertraut gewesen sein mag, seine Charaktere waren es dagegen ganz bestimmt“.

Nicht allein wegen der von LiteraturwissenschaftlerInnen wie Doreen Fowler neu inspirierten psychoanalytischen Lesart bleibt die Lektüre von William Faulkners Werken attraktiv. Der Rowohlt Verlag hat nun „Licht im August“, für viele das Opus Magnum des Autors, in neuer Übersetzung ins Deutsche publiziert. Von „Weibern“ ist daher nicht mehr die Rede, wohl aber von „Negern“. Erscheint die eine Formulierung nicht mehr zeitgemäß, ist die andere anscheinend der „Authentizität“ geschuldet. Insgesamt ist diese Übersetzung sicher lesbarer als die bislang einzige, die aus dem Jahr 1935 stammt. Damals wurde die US-amerikanische Kritik an der nationalsozialistischen Judenpolitik in den deutschen Zeitungen als „Gräuelpropaganda“ bezeichnet und mit dem hämischen Verweis auf den Rassismus in den USA quittiert. Deshalb ist die Veröffentlichung des Buches zum damaligen Zeitpunkt aus deutscher Sicht auch nicht „erstaunlich“, wie Kritiker jüngst wieder unverständig betonen, sondern konsequent.

Der Roman führt die Lebenswege dreier Menschen zusammen: Die schwangere Lena durchstreift auf der Suche nach ihrem getürmten Verlobten die Südstaaten der USA, bevor sie schließlich in Jefferson landet. Dort verdingt sich auch der Mitdreißiger Joe Christmas, ein Außenseiter und ehemaliges Waisenkind. Christmas plagt sich zeitlebens mit dem Gedanken, dass er womöglich schwarze Vorfahren hat, obwohl er von niemand für einen Schwarzen Amerikaner gehalten wird. So entwickelt er einerseits ein feines Gespür für rassistische Ressentiments, andererseits dient ihm seine ungeklärte Herkunft auch, um vor sich selbst zu flüchten und zwischen dem Hass auf sich selbst und auf seine Umwelt zu changieren. Schließlich gibt es noch den Handlungsstrang um den Reverend Gail Hightower. Weil seine Frau ihn jahrelang betrogen und am Ende auch noch Selbstmord begangen hat, verliert der Geistliche seine Kirchengemeinde und wird zum Paria der Stadt.

Faulkner erzählt von der Unfähigkeit der Gesellschaft, Abweichung von der Norm zu dulden, weil alle viel zu viel Gewalt gegen sich selbst richten mussten, um sich in diese Normen, in ihren freudlosen Alltag einzufügen. Doch die Gewalt, mit der man sich selbst unterjocht, so weiß Faulkner, sie wartet nur darauf, nach außen gelenkt zu werden. Er berichtet von der Verfolgungswut und von der Herzlosigkeit, mit der die Abweichler physisch und psychisch zugrunde gerichtet werden. Bis ihnen schließlich, wenn sie am Boden liegen, eine helfende Hand gereicht werden kann, um so noch den sekundären Gewinn einzustreichen, wie menschlich und hilfsbereit man doch sei.

Die drei Protagonisten sind die Projektionsfläche, an der die Gesellschaft ihren Wahn entladen kann. Jeder der drei Figuren kommt dabei eine andere Rolle zu. Welch tiefe Einblicke Faulkner in die Psychopathologie der Menschen nehmen konnte, wird drastisch deutlich, als Joe Christmas, mittlerweile – nur aufgrund seines eigenen Bekenntnisses – bereitwillig als Schwarzer identifiziert, von einem Lynchmob zur Strecke gebracht wird. Als er, von mehreren Kugeln getroffen, bereits wehrlos am Boden liegt, tritt sein Mörder auf ihn zu und schneidet ihm mit dem Schlachtermesser den Penis ab: „Jetzt wirst du die weißen Frauen in Ruhe lassen, auch in der Hölle.“ Faulkner führt damit die irre Allmachtsfantasie der vermeintlich oder tatsächlich Ohnmächtigen vor, die sich in der pathetischen Projektion nach außen kehrt und schließlich im rassistischen Verfolgungswahn entlädt. Die Zensurbehörde der Nationalsozialisten (der Politiker für den – noch heute eine verräterische Rede – „kleinen Mann“) konnte wohl gar nicht umhin, die beschriebene Szene affirmativ, anstatt kritisch zu verstehen.

Die gesellschaftlichen und psychischen Mechanismen jedenfalls, die Faulkner beschreibt, sind heute leider aktueller denn je. Auch etwa die Folgen der Industrialisierung für Mensch und Umwelt sind bei ihm, ähnlich wie bei Upton Sinclair, schon detailliert dokumentiert. Man wird sich bei William Faulkner also wohl einig bleiben, dass er zu den „great american novelists“ zählt.

William Faulkner ? Licht im August. Rowohlt Verlag, 480 Seiten.


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