PLAKATE: EU-Propaganda

In der kleinen Ausstellung „L’Europe à l’affiche“ stehen die EU und ihre Eigenwerbung im Mittelpunkt. Vermittelt wird ein Eindruck vom wechselnden Selbstbild der EU.

„Whatever the weather, we must move together“, heißt es auf einem Plakat aus den fünfziger Jahren, auf denen die Flaggen der potentiellen EU-Nationen die Flügel eines Windrades bilden. Auch auf einem anderen Plakat dieser Zeit, auf dem die Buchstaben EUROPA als Fabrikhalle mit rauchenden Schloten dargestellt sind, werden der europäische Zusammenhalt und die Dynamik und der Wohlstand, die ihm zu verdanken sind, mit dem Motto „Cooperation means prosperity“ beschworen.

Die EU-Propaganda auf Postern und ihre wechselnden Bildmotive sind Thema der kleinen Ausstellung „L’Europe à l’affiche“ im Geschichtsmuseum. Die Zusammenstellung zeigt, dass in der Geschichte der EU-Integration die Plakatwerbung eine wichtige Rolle spielte. Auf Baugerüste montiert, die wahrscheinlich den „work in progress“-Zustand der europäischen Union symbolisieren sollen, versammelt die Ausstellung Poster aus sechs Jahrzehnten und aus den verschiedenen Ländern der EU-Gemeinschaft. Neben den offiziellen Plakaten von EU-Institutionen sind auch einige Entwürfe von politischen Parteien und Organisationen zu sehen, die zum Teil eine EU-kritische Haltung einnehmen. So etwa ein Plakat der deutschen Grünen, das vor dem Rechtsruck in der EU warnt. Auch mutiert bei den Gegnern der EU der Sternenkranz gerne zum Stacheldraht, der die Festung Europas umschließt.

Im ganzen fällt auf, dass zumindest zu Beginn des vereinigten Europas die Motive eher anschaulich waren, eine Friedenstaube, Hände, Baustellen, das gemeinsame Haus als Verbildlichung der europäischen Idee zeigten – und mit den Jahren immer abstrakter wurden, zum Beispiel in der Darstellung der EU-Bürger in Piktogramm-Form. Regelmäßig wiederkehrend in der Werbung für ein vereintes Europa sind die Flaggen der Mitgliedstaaten, der goldene Sternenkranz auf blauem Hintergrund ? eigentlich die Flagge des Europarates, die ab 1986 als offizielles Emblem der Gemeinschaft eingeführt wurde ? und die EU-Länderkarte. Die unterschiedlichen Darstellungen der Europakarte reflektieren dabei nicht nur die Ausweitung der europäischen Einigung von den sechs Mitgliedstaaten der Montanunion zu den siebenundzwanzig der heutigen EU, es kommt in ihnen auch eine geopolitische Vision zum Vorschein: Gelegentlich sind etwa die Türkei und Nordafrika als möglicher Teil von Europa eingetragen. So spiegeln die Plakate auch die Wandlungen wider, die das Selbstbild der EU in Reaktion auf die Änderungen der politischen Weltlage durchgemacht hat.

Der Propaganda bediente man sich schon recht früh: Das erste Plakat entstand nach dem zweiten Weltkrieg, als die USA den „Marshall-Plan“, das monumentale Wirtschafts- und Wiederaufbauprogramm lancierten, das auch den Zusammenhalt zwischen den westeuropäischen Ländern fördern sollte. Dazu schrieb die „Organisation for European Economic Cooperation“ einen Plakattwettbewerb aus, den der Niederländer Reyn Dirksen mit seinem Entwurf eines Europa-Schiffs und der Devise „All Our Colours to the Mast“ gewann. Seit 1985 wird der 9. Mai, der Tag an dem Robert Schuman 1950 erstmals seine Vorstellung von einem vereinten Europa darlegte, als Europatag gefeiert, zu dem jeweils ein Plakat erscheint, das das EU-Motto „In Vielfalt geeint“ variiert. Für seine Gestalter kommt es darauf an, konstruktiv mit der ein wenig widersprüchlichen Anforderung fertigzuwerden, dass die Plakate einerseits zur Konstruktion einer gemeinsamen Identität beitragen, andererseits aber die Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Traditionen der EU-Länder als wertvoll und erhaltenswert darstellen sollen.

Die Ausstellung „L’Europe à l’affiche“ ist eine gute Einführung ins Thema der Selbstdarstellung der EU – aber auch nicht mehr. Neben den Plakaten verdienen auch einige Fernsehkampagnen Beachtung, etwa der Infospot zur Einführung des Euro oder der zum EU-Referendum vom 10. Juli 2005. Gerne hätte man in „L’Europe à l’affiche“ etwas mehr über Hintergründe erfahren, etwa darüber, wieviel Geld in der EU jährlich in Werbung und Kampagnen geflossen ist und fließt, welchen Umfang die Werbeabteilung der EU hat und in welchem Maße sich die Kampagnen heute moderner Medien bedienen und eher inhaltliche Themen behandeln.


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