FOTOGRAFIE: Spiegelgeister

Im Rahmen des „Mois Européen de la Photographie“ 2011 präsentiert die Galerie Nosbaum & Reding in Luxemburg Arbeiten der Künstlerin Geneviève Biwer. Dabei ist die gebürtige Französin, die allerdings schon lange in Luxemburg beheimatet ist, bei diesem „Festival der Fotografie“ beinahe so etwas wie eine alte Bekannte, sind ihre Bilder doch schon bei der Premiere der „Mois“ 2006 am selben Ort ausgestellt worden. Seitdem ist allerdings viel Wasser die Mosel hinunter geflossen.

Einen gewissen Bekanntheitsgrad erwarb sich Biwer, deren Fotografien bereits in einigen Galerien Europas ausgestellt wurden, durch die von ihr umgesetzten Mehrfachbelichtungen. Mit Hilfe dieser aufwendigen Technik schuf sie beeindruckende, surrealistische Sujets wie etwa mit ihrer Aufnahme des Strandes in Koksijde. In ihrer „Série bleue“, die 2006 gezeigt worden ist, wird auch ein Hang zum Spiritualismus deutlich. In der aktuellen Ausstellung werden zwei Bilderserien gezeigt, die sich beide auf recht unterschiedliche Weise mit Spiegelungen auseinandersetzen. Auf der einen Seite zeigen sie sich in den Regentropfen und Schlieren auf der Fensterscheibe, durch die hindurch Biwer ihre Landschaftsaufnahmen für die Bilderserie „Oesling“ gemacht hat. Was zuerst wie ein banales Motiv eines Fotografieanfängers wirkt, stellt sich bei näherer Betrachtung als geschickt inszeniertes Zusammenspiel der bildgebenden Elemente heraus. Trotz dieser Erkenntnis wird der erste Eindruck dadurch allerdings nicht wirklich weggewischt und es bleibt ein fader Nachgeschmack.

Die zweite, zehn Aufnahmen umfassende Bilderserie hat Biwer „Exil“ genannt. Hier zeigen sich die Reflexionen eher nebenbei in den Spiegeln, die auf fast jeder der Fotografien zu sehen sind. Allerdings scheint hier der Spiegel nicht nur reines Werkzeug zu sein, sondern auch in seiner vieldeutigen Symbolik Anwendung zu finden. Besonders in seiner dem Aberglauben geschuldeten Eigenschaft als Barriere für die Seelen der Toten auf deren Weg in eine vermeintlich bessere Welt. Daher sollten Spiegel in der Umgebung eines Sterbenden auch abgehängt oder zumindest verdeckt werden, damit dieser nicht mit seinem Tode darin gebannt werde. Die Fotografien selbst, die die Innenräume eines Hauses zeigen, das genauso gut Bibliothek wie Pub sein könnte, unterstreichen diese Bedeutung. In schummriges Licht getaucht, zeigen sie in erster Linie dunkle Schatten, die dem Betrachter eine melancholische, fast düstere Stimmung vermitteln.

Entstanden sind diese Aufnahmen im Frühling 2008 im Hauteville House auf Guernesey. In diesem Haus, das heute ein Museum beherbergt, verbrachte Victor Hugo viele Jahre seines Exils, in dem er von 1851 bis 1871 wegen seiner Kritik an Napoleon III. leben musste. In dieser Zeit hat sich Hugo – auch verursacht durch den frühen Tod seiner Tochter Léopoldine einige Jahre vorher – dem Spiritismus zugewandt. Vielleicht auch deswegen weckte besonders das Hauteville House sein Interesse. Es hatte bereits viele Jahre leer gestanden, bevor es von Hugo erworben wurde, weil darin angeblich der Geist einer jungen Frau umging, die in dem Haus Selbstmord verübt haben soll.

So erzählen Biwers Fotografien auch die Geschichte einer spiritistischen Reise die Victor Hugo ratlos zurück zu lassen scheint. Dabei zeigen sie in ihrer Ästhetik allerdings wenig von dem inneren Kampf, der fraglos mit Hugos Trauerarbeit einhergegangen sein muss und verlieren dadurch schnell an Reiz.

Insgesamt kann man den Eindruck gewinnen, dass Biwers Hinwendung zum Spiritismus für sie selbst vielleicht der richtige Weg sein mag, ihrem künstlerischen Schaffen aber scheint er im Wege zu stehen.

In der Galerie Nosbaum & Reding, bis zum 28. Mai.


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