MALEREI/FOTOGRAFIE: Mystifizierte Mythen

Ein großes Loft. Leere Leinwände und fertige Bilder hintereinander an die Wand gelehnt. Staffeleien, Pinsel, Farbpaletten, ausgedrückte Tuben und aufgeschnittene Konservendosen mit Lösungsmitteln. Dazwischen ein wie im Rausch hin und her irrlichternder halb Wahnsinniger auf der Suche nach dem nächsten Strich. Dies mag eine Vorstellung sein, die man im Kopf hat, wenn man an einen Künstler und seine Arbeit denkt. Eines der vielen Klischees, das man mit dem Maler und seinem Atelier verbindet.

In der aktuellen Ausstellung „Mythes de l’atelier“ in der Villa Vauban wird versucht der Herkunft dieser Vorstellungen auf den Grund zu gehen. Das Hauptaugenmerk gilt dabei den niederländischen Künstlern des 19. Jahrhunderts, die sich in einer Zeit des gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs auch darum bemühten sich selbst von ihren großen und weltbekannten Vorgängern zu emanzipieren. Aber auch sich von der Idee zu lösen, ein bedeutender Künstler sei wenig mehr als ein zweifellos grandioser Handwerker.

Dazu greift die Ausstellung auf einen breit gefächerten Fundus zurück. So werden neben den obligatorischen Gemälden auch zahlreiche Fotografien gezeigt, Utensilien wie Farbkoffer, Staffeleien und eine lebensgroße Gliederpuppe, aber auch Kleinode wie eine silberne Palette, die B.C. Koekkoek von seinen Schülern geschenkt wurde oder ein Abguss seiner Hand. Als eine Art Höhepunkt ist sogar die gesamte Einrichtung des Studios von Christoffel Bisschop zu sehen.

Die Künstler erscheinen hier als Selbstdarsteller, die sich präsentieren und stilisieren als gutbürgerliche, ausreichend situierte Mitglieder der Gesellschaft, fernab des Klischees vom Handwerker, aber auch weg von der gegenbürgerlichen Bohème. Sie erwecken den Eindruck als könnte ihr Leben nicht anders als ruhig und sicher, behütet und komfortabel sein. Dem entsprechend stellen sie sich zum Teil sogar während der Arbeit im feinen Anzug dar. Nichts das den Eindruck erwecken kann, es gebe jemanden unter ihnen wie Spitzwegs armen Poeten. Leicht verrucht erscheint dagegen der geheimnisumwitterte Umgang des Malers mit seinen Modellen, der in einem Seitenblick der Ausstellung allerdings schnell als Produkt der Phantasie des Außenstehenden entlarvt wird. Andere interessante Aspekte, die die Ausstellung nicht auslässt, sind die Bedeutung des Ateliers, nicht nur als Werkstatt sondern auch als Verkaufsraum und als gesellschaftlicher Treffpunkt, an dem man sich mit anderen Künstlern oder schlicht Freunden austauschte. Trotz der Reichhaltigkeit der gezeigten Ausstellungsstücke darf man sich allerdings keine Auflösung der Mythen um die Arbeit eines Malers erwarten. Vielmehr werden die Wurzeln ihrer Entstehung dargestellt und so im Grunde die Künstler und ihre Arbeit dadurch weiter mystifiziert. Daher wirkt die Ausstellung in einigen Bereichen auch als habe sie den roten Faden etwas aus den Augen verloren.

Künstler sind Selbstdarsteller, ob sie sich nun selbst porträtieren oder von Kollegen oder Fotografen in ihrem Atelier gezeigt werden. Daher fehlen auch, in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Mittel, weitgehend authentische Zeugnisse. Einzig ein Arbeitskittel des Malers und Fotografen Willem Witsen scheint einen Ausschnitt des realen Lebens eines Künstlers zu zeigen: Er ist übersät mit eingetrockneten Farbflecken. Merkwürdigerweise taucht ein solcher verschmierter Kittel oder gar ein befleckter Boden auf keinem der ausgestellten Bilder oder Fotografien wieder auf.

Aber auch wenn die Schleier um die Mythen des Ateliers nicht wirklich gelüftet werden, bietet die Ausstellung doch einige interessante Einblicke in das Leben und Selbstverständnis eines Malers und überzeugt vor allem durch ihre umfangreiche Umsetzung.

„Mythes de l’atelier“, noch bis zum 10. Oktober in der Villa Vauban.


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