INSTALLATION: Mythos Schengen

Ganz in der Nähe der Gëlle Fra liegt an der „Place de Bruxelles“ der kleine Kiosk. Er fällt nicht weiter auf und versteckt sich sogar unter ausladenden Bäumen. Der Verkehr rauscht an ihm vorbei und lässt ihn unbeachtet links liegen. Auch als Tourist auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten wird man kaum auf ihn aufmerksam werden. Er liegt zwar zentral, aber abseits jeder Route, egal aus welcher Richtung man kommt.

Ausgerechnet diesen kleinen Kiosk hat Justine Blau ausgewählt, um ihre Objekte zu präsentieren. Die 1977 geborene Luxemburgerin hätte kaum einen besser geeigneten Ort für ihr Anliegen auswählen können, geht es ihr doch um einen Mythos, der im Grunde aus einem ähnlich unauffälligen Ort heraus entstanden ist.

Unter dem Titel „Schengenland“ stellt sie die Frage, was dieses Schengen eigentlich ist, und versucht ihm ein Gesicht zu geben.Der kleine Ort an der Mosel steht seit dem dort 1985 unterzeichneten Abkommen für eine große Idee. Darüber hinaus ist Nichts. Im Gegenteil musste seine Bedeutung sogar innerhalb Luxemburgs besonders erhöht werden, indem man der ehemaligen Gemeinde Remerschen 2006 seinen Namen gab. Im innereuropäischen Ausland hat auch dies nicht viel genutzt, so kann es einem als Luxemburger etwa in Deutschland bei einem Behördengang geschehen, dass man abgekanzelt wird mit der Behauptung Luxemburg gehöre dem Schengener Abkommen nicht an. Auch Schengen liegt im Abseits am Rande einer „Place de Bruxelles“.

Anders wird Schengen bewertet bei Besuchern aus dem Rest der Welt. Für viele von ihnen ist der Ort, der ihrem Visum den Namen gegeben hat, ein Hort der Freiheit und Hoffnung, ein Ort, der einen Besuch lohnt und den die Künstlerin daher mit in der Fantasie verklärten Städten wie Timbuktu, Sansibar und Konstantinopel vergleicht.

Darüber hinaus eignet sich der Kiosk für Blaus Installation natürlich besonders wegen seiner früheren Funktion als Touristenfalle. Abgesehen von Zeitschriften wurden hier auch Postkarten und Souvenirs verkauft. Dem entsprechend präsentiert Blau im Schaufenster des Kiosks, öffentlich einsehbar und säuberlich arrangiert, bemalte Porzellanteller und -krüge, Postkarten, gravierte Silberteller, Schneekugeln und sogar bedruckte Flip-Flops. Alle verziert mit Motiven, die mehr oder weniger Bezug zu Schengen haben. Sei es nun das Schengener Schloss, das Europadenkmal, die Princesse Marie-Astrid oder schlicht das Muster des Schengenvisums.

Allerdings gelingt es Blau so nicht, Schengen als realen Ort aus seiner Position im EU-Gründungsmythos herauszulösen oder – wie sie es sich vorstellt – ihm gar tatsächlich eine eigene Ikonografie zu verschaffen. Dazu greift sie zu sehr auf die Elemente zurück, von denen sie selbst sagt, sie reichten nicht aus, um Schengen zu beschreiben.

So steckt hinter der ganzen Präsentation eine gehörige Portion Ironie, die den PassantInnen allerdings kaum direkt ersichtlich wird, außer vielleicht in der Schneekugel mit einer Fotografie der Unterzeichnung des Abkommens oder den oben erwähnten Flip-Flops.

Besondere Spitzen sind freilich die ausgestellten Tassen, auf denen sie das Europamonument in Schengen einmal in die Wüste stellt und zum anderen in Bruegels „Turmbau zu Babel“ versteckt. So verweist sie geschickt auf eine Vielzahl von Problemen, die die EU immer noch umtreiben. Immerhin brachen in den vergangenen Monaten mit der Eurokrise und den Streitereien über Grenzkontrollen und Visavergaben existentielle Sorgen über diese herein.

Demzufolge könnte die Ausstellung kaum aktueller sein und ein kleiner Umweg zu dem unauffälligen Kiosk kann auch den innereuropäischen PassantInnen vielleicht noch einmal die Bedeutung Schengens verdeut-lichen.

Kiosk Aica, noch bis zum 4. September.


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