COLLAGEN: Neue Ausblicke

Ein paar alte Fotografien, ein Skalpell und eine ruhige Hand, mehr braucht John Stezaker nicht für seine Arbeiten. Dies mag auch der Grund, sein, warum der Engländer so lange weitgehend unbeachtet in der Kunstwelt geblieben ist und erst in den letzten Jahren häufiger in Einzelausstellungen gewürdigt wird.

Für seine Collagen greift er zurück auf eine scheinbar unerschöpfliche Sammlung von alten Postkarten mit romantisch überzeichneten Landschaften, Wasserfällen und Schluchten, auf Schauspielerporträts und Standfotos aus Filmen, auf Werbeseiten aus längst vergessenen Zeitschriften oder auf die Hinterlassenschaften aufgelöster Fotoagenturen. In seiner Sammelwut soll es ihm dabei auch schon hin und wieder vorgekommen sein, Aufnahmen erworben zu haben, die so selten und kostbar sind, dass er nicht wagt sie für seine Arbeiten zu verwenden.Dabei haben seine Arbeiten nichts mit den oft großformatigen Zusammenstellungen zu tun, bei denen sich Farbe, Fotos, Texte oder Logos zu einem Ganzen verbinden. Seine Einschnitte sind im Grunde minimal, aber nichtsdestotrotz zerstörerisch.

1949 in Worcester geboren, studierte Stezaker in den späten 1960er Jahren an der Slade School of Fine Art in London und wurde zu dieser Zeit stark beeinflusst von Gerhard Richter und Sigmar Polke und deren Umgang mit der Fotografie. Noch mehr Bedeutung hatten für ihn aber die medialen und künstlerischen Konzepte der französischen Situationisten um Guy Debord. Anfang der 1970er Jahre gehörte er schließlich zur ersten Welle britischer Konzeptkünstler, die sich mit ihren Arbeiten gegen die Vorherrschaft der Pop-Art wandten.

Aus diesen Tagen bis heute reichen die Arbeiten, die derzeit in der ersten umfangreichen Retrospektive zu John Stezaker in einer aktuellen Ausstellung im Mudam Luxemburg in enger Zusammenarbeit mit der Whitechapel Gallery London gezeigt werden.

Wie leicht es dem Briten gelingt den Betrachter mit seinen Arbeiten zu verwirren zeigt besonders deutlich eine etwa Din-A-4 große Fotografie eines Pianisten mit einer ihn beobachtenden Frau, deren Gesicht sich zusätzlich in der Oberfläche des Flügels spiegelt. Indem Stezaker es schlicht auf den Kopf stellt, entzieht er es der Realität des Betrachters. Bei anderen Fotografien genügt es ihm, ein Trapez aus dem Bild herauszuschneiden und so den Eindruck einer leeren Leinwand zu erzeugen, die gleichzeitig Zensurbalken sein könnte und so dem Betrachter Fragen stellt. Oder er schneidet eine Person heraus, so dass nur noch deren Silhouette wie ein Schattenriss bedrohlich im Raum steht. Auf diese Weise spielt Stezaker unser Verhältnis zur Fotografie als Abbildung der Wirklichkeit gegen unser Realitätsempfinden aus.

Dazu genügen Kleinigkeiten, etwa bei Stezakers Relativierung des Unterschiedes der Geschlechter in der Serie „Marriage“ in der er durch geschickte Überlagerung von Frauen- und Männerporträts diese Unterschiede sprengt. Oder bei seinen „Masken“ in denen er Gesichter von Porträtierten durch Landschaften auf Postkarten ersetzt bis hin zum Kuss zweier Felswände.

Daneben zeigt die Serie „The Third Person Archive“ besonders deutlich Stezakers Besessenheit für Ausschnitte, die letztlich Grundlage aller seiner Arbeiten ist. Hierzu hat er einzelne, nur schemenhaft als Personen zu erkennende Punkte aus frühen fotografischen Stadtansichten herausgelöst und zeigt die sonst Übersehenen auf briefmarkengroßen Bildern.

Alles in allem eine gelungene Ausstellung, die einem nicht nur einen umfangreichen Einblick in Stezakers Arbeiten bietet, sondern auch zeigt, wie einfach und unkompliziert Kunst sein kann, ohne oberflächlich zu sein.

Im Mudam noch bis zum 11. September.


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