ARCHITEKTUR: Planen auf dem Reißbrett

„Luxemburg planning – Esquisses pour une ville modèle“ zeigt realisierte Bauprojekte und verworfene urbane Utopien in der Stadt Luxemburg. Anhand von Modellen wird so Baugeschichte lebendig, die Kritik an den Auftraggebern dagegen bleibt auf der Strecke.

Während des Zweiten Weltkriegs, beauftragen die Nationalsozialisten den deutschen Architekten Hubert Ritter damit einen neuen Bebauungsplan der Stadt Luxemburg zu entwerfen, die den Nazis als Westwall dienen sollte. Vorgesehen war ein Ring um das historische Stadtzentrum zu legen und eine Brücke über die Alzette zu bauen, die das Zentrum am Kirchberg anbinden und die Verbindung nach Trier herstellen sollte. Der Plan wurde niemals umgesetzt.

Rund dreißig Jahre später sollte das „Centre 300“ auf Kirchberg gebaut werden. Das gigantische Gebäude, das rund zweimal höher konzipiert war als das „Hochhaus“ , und das aufgrund seiner futuristischen, geschwungenen Flügelform „De Grousse Kueb“ genannt wurde, sollte dem europäischen Parlament dienen. Auch hier kam es nicht bis zum Bau.

Wie ein Rundgang durch Utopia wirkt die Ausstellung, die vom „Espace culturel Carré Rotondes“ organisiert ist. Unter dem Titel „Luxembourg Planning: Esquisses pour une ville modèle“ werden rund 60 architektonische Bauprojekte in Luxemburg-Stadt vom Zweiten Weltkrieg bis heute in Form von Modellen, Plänen, Skizzen und Fotos vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen rund 40 teils imposante Modelle, die den Umbau ganzer Stadtteile verdeutlichen und das Schicksal einzelner Gebäude veranschaulichen, die entweder nie realisiert, oder aufgrund heftiger Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern, als alternative Projekte oder Kompromisslösungen gebaut wurden – und natürlich auch solche die der Abrissbirne zum Opfer gefallen sind.

Anhand der Modelle durchläuft der Besucher ein Stück weit architektonische Stadtgeschichte. Der rote Faden ist die zukünftige Trasse der Tramlinie: Von den Modellen Kirchberg, Aldringer, Place de l’Etoile vorbei an jenen des Bahnhofsviertels und dem Ban de Gasperich wird der Besucher durch die Ausstellung geleitet. Den Machern gelingt es anhand der teils historisch wertvollen Modelle dem Besucher einen guten Überblick über vergangene und aktuelle Baukonzepte zu liefern und zu zeigen, dass Architektur provokativ ist: Sie bietet Diskussionsstoff, wenn der Denkmalschutz nicht respektiert wird, wenn sie zu modern und ausgefallen oder zu teuer wird oder wenn es sich nicht in die sie umgebenden Liegenschaften integriert. Die Ausstellung „Luxembourg Planning“ streift die verschiedenen Diskurse jedoch nur. Was sie, zumal im Vorfeld der Gemeindewahlen, jedoch leider nicht leistet, ist die verantwortlichen Instanzen für ihre teils unkoordinierte Bautenpolitik und die Vergehen im Bereich Denkmalschutz zu kritisieren: Denn beinahe täglich werden in Luxemburg historische Bauwerke, alte Fabrikgebäude, technische Anlagen, Lagerhäuser, Häuser aus Arbeitersiedlungen oder historische Verkehrswege dem Erdboden gleich gemacht. Dem viel beschworenen Ensembleschutz wird per Salamitaktik die Glaubwürdigkeit entzogen. Man denke nur an die Demontage der Hochofenanlage in Esch Belval, an die Sprengung der Kühltürme in Differdingen und in Esch, an die vollzogene Zerstörung des Kinos Marivaux in Luxemburg-Stadt, oder den Umzug der Maison Berbère um nur die öffentlich diskutierten Beispiele zu nennen. So bleibt die Politik der Regierung – fehlende öffentliche Transparenz in Bezug auf Klassifizierungsanträge und Entscheidungen, sowie die fehlende Partizipation von Gemeinden, Berufsakteure und der Zivilgesellschaft bei großen Bauprojekten und der Denkmalschutzpolitik – unangetastet. „Die Ausstellung ist weder rein historisch, noch rein architektonisch konzipiert. Sie ist eher als Teaser gedacht und soll die Besucher zum Nachdenken über die Entwicklung der Stadt in den letzten Jahrzehnten anregen“, so Robert Garcia. Die Fondation de l’Architecture plant in Zukunft eine größere Ausstellung zur Architekturgeschichte in Luxemburg. Auch soll eine Art Archiv für Baumodelle geschaffen werden. Denn so manches Modell ist von großem historischen Wert und im Spannungsfeld von Technik-, Sozial-, Kunst- und Architekturgeschichte sowie Produktgestaltung zu sehen. Auch wenn die ausgestellten Modelle Luxemburg-Stadt nicht immer in gutem Licht erscheinen lassen – so bieten sie doch einen interessanten Einblick in vergangene und gegenwärtige Großprojekte.

Zu sehen in den Carré Rotondes bis zum 30. Oktober


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