FOTOGRAFIE: Starke Farben

Jessica Backhaus sind, als Tochter eines Theaterregisseurs und einer Schauspielerin, die künstlerischen Ambitionen wahrscheinlich schon in die Wiege gelegt worden. 1970 in Cuxhaven geboren, wächst sie in Berlin auf, zieht aber im Alter von sechzehn Jahren nach einem Austauschjahr nach Paris und studiert dort nach dem Abitur Fotografie und visuelle Kommunikation. Dabei gibt ihr das Studium „nicht das Gefühl irgend etwas Sinnvolles gelernt zu haben“. Viel wichtiger für ihren Weg zur Fotografin und Künstlerin war 1992 ihre Begegnung mit der damals 84-jährigen Gisèle Freund. Die gebürtige Berlinerin hat sich durch ihre zahlreichen Portraits wichtiger Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts einen Namen gemacht und wurde zur wichtigsten Mentorin und Lehrerin in Jessica Backhaus‘ Karriere.

Ihre Begeisterung für die Fotografie zog Backhaus 1995 nach New York, wo sie als Assistentin verschiedenen Fotografen auf die Finger schauen konnte. Doch irgendwann hatte sie genug von den Auftragsarbeiten für die Mode- und Werbeindustrie und begann zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hin und her zu pendeln. Auf dem alten Kontinent bevorzugte sie anfangs ein verschlafenes Nest in Polen, wo ihre Mutter einen Gutshof erstanden hatte. Dort porträtierte Backhaus die Einwohner in ihrer alltäglichen Umgebung. Diese Bilderserie, der sie den Titel „Jesus and the Cherries“ gegeben hatte, war schließlich die Grundlage ihrer ersten Einzelausstellung und sie legte damit auch den Grundstein zu ihrer Karriere. Denn in diesen Aufnahmen werden bereits die Hauptschwerpunkte ihrer Arbeit deutlich.

Sie widmet sich dem Alltäglichen, dem Gewöhnlichen. Schlichte Porträts oder die Ecke eines Zimmers, ein Spülstein auf dem sich Karotten stapeln oder ein verlassener Tisch am Panoramafenster eines Flughafens. Wichtig ist nur die Farbe. Die Welt sei nicht schwarz-weiß, demzufolge könne es auch ihre Fotografie nicht sein, so die Schlussfolgerung der Künstlerin.

Es folgten die Serien „What Still Remains“ und die Hommage an Gisèle Freund „One Day in November“. Und auch hier sind es die satten Farben, die ihre Bilder auszeichnen. Fast fragt man sich als Betrachter, wo diese Farben herkommen oder sich verstecken. Neben einigen sehenswerten Beispielen aus diesen älteren Serien bilden ihre aktuellen Arbeiten unter dem Titel „I Wanted to See the World“ den Schwerpunkt der Ausstellung, die derzeit in der Galerie Clairefontaine in der Rue du St-Esprit in Luxemburg gezeigt wird.

Als Ursache für Verfall, als melancholischer Fingerzeig, aber eben auch als viel zitierter Quell des Lebens und seines Kreislaufs spielt Wasser im Hintergrund ihrer Arbeiten immer eine wichtige Rolle. Jetzt rückt Backhaus es in den Vordergrund und spielt in ihren Fotografien von den Kanälen Venedigs mit den Reflexion der Häuser auf deren Wasseroberfläche. So entstanden verschwommene Aufnahmen, die durch ihren Realitätsverlust die Bedeutung des Spiels mit den Farben in ihren Arbeiten noch hervorheben. Man mag diese ungewöhnlichen Stadtansichten als rein technische Spielerei betrachten, als Bilder ohne Aussagewert, und wohl jeder Fotograf hat sich irgendwann mit diesem Motiv mehr oder weniger auseinandergesetzt. Auf der anderen Seite spricht die Qualität der Arbeiten von Backhaus für sich, und so ist es kein Wunder, dass die Künstlerin heute als eine der wichtigsten deutschen Vertreterinnen der zeitgenössischen Fotografie gilt. Schon allein wegen der Kraft der Farben in den Aufnahmen von Jessica Backhaus sollte man die Ausstellung nicht versäumen.

In der Galerie Clairefontaine, bis zum 5. November.


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