DEUTSCHLAND: Korpsgeist, der nie vergeht

Neues Bildmaterial erweist nicht nur, dass Benno Ohnesorg gezielt erschossen wurde, sondern wie umfassend das Lügengebäude zum Schutz des Polizisten Kurras war. Seine Schüsse auf den Studenten führten nach dem 2. Juni 1967 zu einer Radikalisierung der Protest-
bewegung.

Leider ohne Erfolg: Plakat der Studentenbewegung als Reaktion auf den – wie nunmehr fest steht – völlig zu Recht geäußerten Vorwurf der publizistischen Schützenhilfe des Springer-Verlags bei der Ermordung des Studenten Ohnesorg bzw. deren Vertuschung.

In Westdeutschland begann die 68er-Revolte am 2. Juni 1967. An jenem Tag wurde in Berlin bei einer polizeilich angeordneten „Fuchsjagd“ auf Demonstranten, die vor der Deutschen Oper gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien protestiert hatten, der Student Benno Ohnesorg von einem Schuss aus der Waffe des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras tödlich verletzt. Die Erschießung Ohnesorgs wirkte polarisierend, die Studentenbewegung radikalisierte sich. Teile der Linken entschieden sich später für den bewaffneten Kampf. Als in Berlin aus der politisierten Subkultur die militante „Bewegung 2. Juni“ entstand, war Ohnesorg bereits vier Jahre tot und Kurras schon zweimal freigesprochen worden.

Über vierzig Jahre später wurde der Fall von der Berliner Staatsanwaltschaft und dem Generalbundesanwalt neu untersucht. Die Ergebnisse der im November 2011 abgeschlossenen Ermittlungen scheinen sich mit journalistischen Recherchen zu decken, die im Januar im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ veröffentlicht wurden. Die Sichtung von bisher unbekanntem Bildmaterial und die mit aktueller Technik durchgeführte Neuauswertung alter Film- und Fotosequenzen legt demnach den Schluss nahe, dass Kurras unbedrängt aus kurzer Distanz auf Ohnesorg geschossen hat und im Prozess mehrere Polizisten zu seinen Gunsten falsch aussagten.

Kurras war am Abend des 2. Juni als Staatsschützer in zivil im Einsatz. Bis heute behauptet er, im Hinterhof der Krumme Straße 66/67 von einem Dutzend Studenten angegriffen worden zu sein. Je nach Version will er aus Notwehr „zwei Warnschüsse“ auf die „Hausbetondecke“ abgegeben haben bzw. soll sich der zweite Schuss unkontrolliert im Handgemenge mit den Studenten gelöst haben. Dass eine der Kugeln einen jungen Mann tödlich getroffen hatte, will er erst am nächsten Tag aus den Fernsehnachrichten erfahren haben. Bereits im ersten Prozess im November 1967 hegten die Richter Zweifel an den widersprüchlichen Aussagen des Polizeibeamten. In einem zweiten Gerichtsverfahren 1970 konnte zwar nachgewiesen werden, dass tatsächlich nur ein Schuss gefallen war, Anhaltspunkte für eine gezielte Tötung gab es jedoch nicht. Kurras wurde freigesprochen und kehrte in den Staatsdienst zurück.

Nun entlarvt die HD-Abtastung einer kurzen Filmsequenz aus den Archiven des Senders Freies Berlin Kurras` Aussage als falsche Schutzbehauptung. Der Kameraschwenk über den Hinterhof lässt den Schattenriss einer männlichen Person erkennen, die sich frei zwischen parkenden Autos bewegt. Im Aktenvermerk der Staatsanwaltschaft Berlin heißt es dazu: „Die Konturen legen dabei nahe, dass es sich um Kurras handelt. Diese Person hält einen Gegenstand in der Hand, der die Umrisse einer Schusswaffe hat.“

Auf einem Foto, das bisher unbekannt geblieben war, ist der Moment der Schussabgabe festgehalten. Kurras stützt sich auf seinen Kollegen Paul-Gerhard Schultz und zielt aus kurzer Distanz auf Ohnesorg. Schultz gab damals den Ermittlern zu Protokoll, er sei zur fraglichen Zeit nicht im Hinterhof gewesen. Das aufgetauchte Foto überführt ihn heute der Lüge, damals wurde er im Prozess gegen Kurras nicht einmal als Zeuge geladen.

Ein Foto, das kurz nach der Schussabgabe entstanden sein muss, zeigt Ohnesorg getroffen am Boden liegend. Vor ihm steht der Einsatzleiter, Kurras` Vorgesetzter Helmut Starke. Er blickt in die Kamera, scheint Anweisungen an die Umstehenden zu geben. Im Hintergrund sieht man den uniformierten Polizeibeamten Horst Geier. Die Aufnahme hatte der Journalist Wolfgang Schöne gemacht. Dem Gericht lag der beschriebene Bildausschnitt vor.

„Dieses Datum wird immer darauf hinweisen, daß sie zuerst geschossen haben.“ – Ralf Reinders und Ronald Fritzsch, ehemals „Bewegung 2. Juni“.

In der Verhandlung erklärte Starke, er habe Kurras im Hinterhof nicht gesehen. Erst später sei ihm mitgeteilt worden, dass sich aus Kurras` Waffe ein Schuss gelöst habe. Mit dem verletzten Studenten hätte er den Vorfall nicht in Zusammenhang gebracht, er habe bei dessen Kopfwunde an einen Steinwurf gedacht. Der Polizist Geier behauptete, Kurras im Hof im Moment des Vorfalls nicht beachtet zu haben, während er laut Zeugenaussagen nach dem Schuss gebrüllt haben soll: „Bis du denn wahnsinnig, hier zu schießen?“

Im „Spiegel“ war nun Schönes Aufnahme erstmals vollständig zu sehen. Am linken, oberen Bildrand ist dabei deutlich das Gesicht von Kurras zu erkennen. Der unretouchierte Abzug legt die Lügen von Kurras` Vorgesetzten und Kollegen offen: Alle standen im Moment der Schussabgabe nah beieinander. Schöne erklärt heute, der im „Dritten Reich“ erworbene Korps- und Kameradschaftsgeist habe sich unter den ehemaligen Wehrmachtssoldaten auch in ihrer Zeit bei der Berliner Polizei erhalten: „der Starke hat den Kurras richtig gedeckt“. Zu seiner eigenen Rolle innerhalb des Vertuschungsmanövers äußert er sich dagegen nicht.

Schöne war als Polizeireporter mit Starke gut bekannt und mit Kurras privat befreundet. Beide teilten die Leidenschaft fürs Sportschießen. 1967 arbeitete Schöne für die im Springer Verlag erscheinende „Berliner Zeitung“ (BZ). Wie die gesamte Springer-Presse hetzte auch die BZ am Morgen nach Ohnesorgs Tod gegen die Studenten: „Die Berliner haben keinen Sinn dafür, dass ihre Stadt zur Zirkusarena unreifer Ignoranten gemacht wird, die ihre Gegner mit Farbbeuteln und faulen Eiern bewerfen. Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen.“ Damit war der brutale Polizeieinsatz und das „Todesopfer“, das er gefordert hatte, gerechtfertigt.

Der inzwischen 86-jährige Erich Thieler, der damals auch zu Kurras Abteilung gehörte, erinnert sich, von Starke den Auftrag erhalten zu haben, dem Rettungswagen hinterher zu fahren. Die Fahrt ins nahe gelegene Krankenhaus Moabit dauerte knapp eine Stunde, als Ohnesorg endlich dort ankam, soll er nach Zeugenaussagen bereits tot gewesen sein. Auf dem Totenschein wird jedoch nicht nur ein späterer Todeszeitpunkt angegeben, sondern auch eine offensichtlich falsche Todesursache: „Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung“. Dem „Spiegel“ sollen Dokumente vorlegen, wonach dem toten Studenten „wenig sorgfältig ein handtellergroßes Stück aus seinem Schädel herausgebrochen wurde. Und zwar genau rund um die Einschussstelle“. Hätte Ohnesorg noch gelebt und hätte man die Kugel entfernen wollen, um ihn zu retten, wäre eine ganz andere Operation notwendig gewesen. Als die Staatsanwaltschaft tags darauf im Verlauf der Obduktion nach dem Schädelstück suchen ließ, blieb es unauffindbar. Damit besteht der Verdacht, man habe mit der Operation die genaue Todesursache vertuschen wollen.

Trotz der neuen Indizien strebt die Berliner Staatsanwaltschaft keinen neuen Prozess an. Die Wiederaufnahme eines Verfahrens zuungunsten eines rechtskräftig Freigesprochenen sei zu schwierig, zumal wichtige Zeugen nicht mehr befragt werden könnten: Starke und Schultz sind tot, Geier ist vernehmungsunfähig. Überhaupt wurde die Berliner Polizeiverschwörung nur unfreiwillig aufgedeckt, schließlich hatten die Ermittlungsbehörden nach ganz anderen Beweisen gesucht.

Nachdem 2009 bekannt geworden war, dass der West-Berliner Polizeibeamte Kurras in den Sechzigerjahren als informeller Mitarbeiter (IM) gleichfalls für die ostdeutsche Staatssicherheit tätig war, sahen sich die deutschen Justizbehörden veranlasst, den Fall noch einmal aufzurollen. Jetzt wurde Kurras verdächtigt, als IM „Otto Bohl“ Ohnesorg im Auftrag der Stasi erschossen zu haben, um Studentenunruhen auszulösen und damit die Bundesrepublik zu destabilisieren. Die Ermittlungen der Generalsbundesanwaltschaft sind zwar noch nicht abgeschlossen, doch der Verdacht, es habe sich um eine Stasi-Verschwörung gehandelt, scheint unbegründet. Aus den Akten geht vielmehr hervor, dass der IM Bohl nach dem „bedauerlichen Unglücksfall“ aufgefordert wurde, seine Arbeit vorerst einzustellen.

Über die Enttarnung des Stasi-Spions frohlockten damals viele: die Berliner Polizei schien nachträglich rehabilitiert, die 68er-Studentenrevolte dagegen blamiert. Nicht ein Vertreter des mutmaßlich faschistoiden Polizeistaats hatte Ohnesorg erschossen, sondern ein Genosse von Drüben. „Die in linken und linksliberalen Kreisen gepflegte Legende, dass Benno Ohnesorg als Opfer eines systematisch begründeten Polizeimordes anzusehen sei, ist widerlegt“, schrieb der Historiker Götz Aly damals in der Wochenzeitung „Zeit“. Für die Vergangenheitspolitik der Berliner Republik war Kurras` Enttarnung als Stasi-Spitzel eine willkommene Gelegenheit, sowohl die alte Linke, den sozialistischen „Unrechtsstaat DDR“, als auch die neue Linke, die unter dem Etikett „68er“ gefasst wird, zu denunzieren. Gleichzeitig wurde damit nachträglich jeder Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen der Bundesrepublik die Legitimation abgesprochen.

Die Geschichte der radikalen Linken darf popkulturell verharmlost und vermarktet werden, solange verschwiegen oder geleugnet wird, dass der bewaffnete Kampf auch als Reaktion auf das postnazistische Kontinuum der Nachkriegsgesellschaft entstanden war. Der 2. Juni 1967 steht jedoch wie kein anderes Datum, für die bange Erkenntnis, die Repräsentanten des neuen Staates hätten sich nur eine demokratische Uniform übergezogen. Der Nationalsozialismus lebt nach, hatte der Philosoph Theodor W. Adorno geschrieben, solange „die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“ Die Erschießung Benno Ohnesorgs rief den protestierenden Massen für einen kurzen Moment die Notwendigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit ins Bewusstsein. Mit ihrer Entscheidung, das Ermittlungsverfahren einzustellen, bekundet die Staatsanwaltschaft Berlin ihre Absicht, nun endlich einen Schlussstrich zu ziehen. An die Umstände der Erschießung von Benno Ohnesorg soll nicht mehr erinnert werden. Dafür legt inzwischen auch der Präsident der Berliner Polizeigewerkschaft gelegentlich ein Kranzgebinde vor das Mahnmal an der Deutschen Oper.

Catrin Dingler ist freie Publizistin und arbeitet zwischen Stuttgart und Rom.


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