FRANKREICH: Im Schatten der olympischen Ringe

Die französische Hafenstadt Calais träumt von den Olympischen Spielen. Als Vorort Londons will man Touristen und Sportler anziehen. Auch Transitmigranten hoffen auf einen Trip über den Kanal. Sie jedoch sind weder in England noch in Calais erwünscht.

Der Weg nach Großbritannien führt über diesen Zaun: Transitmigranten versuchen auf das Fährterminal bei Calais zu gelangen.

Diese Lichter! Jedes Mal, wenn Abdullah nachts aus dem Zelt schaut, scheinen sie über das Meer zu ihm herüber. Über Tausende Kilometer Staub und Strapazen hinweg hat ihn der Gedanke an diesen Ort getragen, eine gutes halbes Dutzend Grenzen hat er überwunden, und jetzt sind sie so nah! Das Zelt steht, zusammen mit zwei weiteren, geschützt vor Wind und Blicken in einer Senke in den Dünen. Gleich jenseits des Hafengeländes, hinter dem alten Hovercraft-Terminal, das immer mehr verfällt. Die Lichter am anderen Ufer dagegen funkeln und glitzern, zumal für Abdullah. Manchmal denkt er, es sind die Lichter von London.

In Wahrheit ist es Dover, das da die Nacht erhellt. Vielleicht auch noch Folkestone, wenn die Sicht klar ist. Doch diese Städte sind für den 20-jährigen Abdullah aus Afghanistan nur Durchgangsland. Etappenziele im Transitbereich, ganz wie Calais an der französischen Kanalküste, wo er jetzt schon seit drei Wochen auf den großen Sprung wartet. Als blinder Passagier auf einen LKW, dann per Fähre die Meerenge überqueren, die nirgendwo schmaler ist als hier, lächerliche 30 Kilometer, und dann kann sie beginnen, die Zukunft. London. Ein Codewort, ein Synonym für die Sehnsucht, die Abdullah vorwärts treibt.

London ist aber auch der Grund, warum das letzte Stück seines langen Weges so zäh ist. Besonders angesichts der Olympischen Spiele in diesem Sommer, zu denen Millionen Besucher aus Übersee erwartet werden. Transitmigranten, die seit mehr als zehn Jahren von den Häfen der Kanalküste aus Großbritannien ansteuern, stehen nicht auf der Gästeliste. Und da Calais mit seinen stündlichen Fähren traditionell ihr bevorzugter Stützpunkt für den Kanaltransfer ist, tut man hier seit Jahren alles, um die ungebeten Passanten los zu werden: noch mehr Kontrollen, noch mehr Festnahmen, das Abschiebegefängnis im nahen Coquelles ist voll, und denen, die es trotzdem versuchen, soll der Aufenthalt so schwierig wie möglich gemacht werden.

Einfach war die klandestine Überfahrt nie: Immer engmaschiger wurde das Netz, mit dem die Regierungen in Paris und London ihr in den letzten Jahren begegneten. Auf einen geglückten Versuch kamen meist zig gescheiterte. In den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet Calais, als die Polizei 2009 das größte der „Jungles“ genannten Elendscamps zerstörte, in dem einst mehr als 1.000 Flüchtlinge lebten. Der damalige Immigrationsminister Eric Besson kündigte an, die Transitmigration in Calais zu beenden (woxx Nr. 1039). Inzwischen sind gerade noch 150 Verzweifelte in der Stadt. Ihre Reisen begannen in Afghanistan, dem Irak, dem Horn von Afrika oder in Darfur. Kurz vor dem Ziel dann der Kanal: ein Nadelöhr.

Am Rand des Zentrums von Calais liegt eine Ruine, Sinnbild der Situation, an der Kreuzung zweier unscheinbarer Seitenstraßen. Die geduckten Häuschen ringsum lassen die zweigeschossige Fassade mit gähnend leeren Fensterlöchern umso brachialer wirken. In der Geröllwüste dahinter steht eine einsame Planierraupe. Dort, wo einmal das obere Stockwerk war, sind neben arabischen Schriftzeichen drei Buchstaben an die Wand gesprüht: CRS. Die Einheiten der Aufruhrpolizei statteten dem Haus immer wieder Besuche ab, nahmen Bewohner fest und konfiszierten deren Schlafsäcke. Doch dem Traum der Transitmigranten, die sie drangsalierten, konnten sie nichts anhaben. „I love you England“ steht daneben. Zwei rote Herzen bilden die o’s.

„Palestine Squat“ war einer der zentralen Punkte in der transitmigrantischen Geographie dieser Stadt. Seit die Jungles in den Küstenwäldchen immer systematischer geräumt wurden, verlagerte sich das Geschehen auf verlassene Gebäude. Fünf davon ließen die Behörden im letzten Jahr abreißen. „Palestine Squat“ war nach einer ganzen Serie von Razzien im Mai der letzte Bau. Die früheren Bewohner schlafen nun meistens auf den Straßen von Calais, wo auch immer sich eine Möglichkeit ergibt. Aktivisten des No Border-Netwerks, die permanent vor Ort sind, sprechen von einer „olympischen Säuberung“.

Ein Vordach zu haben, ist unter diesen Umständen schon viel. „Willkommen in unserem Hotel“, lacht Nadil bitter, ein junger Bauer aus dem kurdischen Nordirak mit bunten Joggingklamotten und feinen Gesichtszügen. „Und direkt gegenüber ist Restaurant Salam. Heute gab es Maccaroni.“ Er deutet auf den Hof, wo die Hilfsorganisation Salam dreimal täglich Essen an die Migranten austeilt. Das „Hotel“ ist die Rückseite eines alten Zollgebäudes, mit vergitterten Fenstern und heruntergelassenen Rollläden, wie so viele Häuser im Hafenviertel. Ein schmaler Vorsprung zieht sich um das Gebäude, anderthalb Meter vielleicht, der seit ein paar Nächten etwa zehn Männern Unterschlupf bietet.

Aktivisten des No Border-Netwerks, die permanent vor Ort sind, sprechen von einer „olympischen Säuberung“.

Ihre Nacht ist kurz, und nicht nur wegen der Versuche, auf einen LKW zu gelangen. Im Morgengrauen sorgt die Polizei für ein unsanftes Erwachen. „Manchmal treten sie mich“, erzählt Nadil, „oder sie nehmen mir meinen Schlafsack weg.“ Den meisten Migranten ist ihre Odyssee im Gesicht ab zu lesen. Nadils Falten sind besonders tief. „Ich bin 29“, zuckt er mit den Schultern. „Aber ich bin so müde. Da muss ich doch alt werden.“ Der Mythos England ist es, der sie weitermachen lässt. Nadil hat Freunde auf der anderen Seite des Kanals. „Everybody here likes England“, sagt er. Warum? Er lächelt noch immer, doch ausführlicher als „because“ kommt er mit seiner Erläuterung nicht. Dass die Jobs dort nicht auf Bäumen wachsen, hat Nadil inzwischen gehört.

„Inspire a generation“, so lautet das Motto der Olympischen Spiele. Doch für die jungen Transitmigranten am Kanal, die meist im gleichen Alter sind wie die Sportler, die in London antreten werden, wird es am Ende wohl ein Sommer der enttäuschten Hoffnungen gewesen sein. Das zumindest versprechen die jüngsten diplomatischen Aktivitäten in Calais: Der neue britische Botschafter kam aus Paris, um die Sicherheitslage während der Olympiade zu besprechen. Auch Manuel Valls, frisch gebackener französischer Innenminister, traf unmittelbar nach Amtsantritt mit den lokalen Autoritäten zusammen, um sich vor Ort über die Grenzkontrollen zu informieren.

Calais, England und die Transitmigranten: das ist eine seltsam asymmetrische Konstellation. Denn während der Hafen im olympischen Sicherheitskonzept eine Schlüsselrolle spielt, träumt auch das unscheinbare Calais von den Spielen. Nicht nur wegen der Touristen, denen man sich als „Vorort von London“ präsentiert, und die man mit einem aufwändigen Kulturprogramm zu einer Zwischenübernachtung bewegen will. Auch die Athleten stehen im Fokus. 43 Equipen aus allen Kontinenten und aller Sportarten trainieren in diesem Sommer in der Region. Die massiven Investitionen in die Sportinfrastruktur zahlen sich aus. „Calais empfängt die Welt“, heißt es in einer Broschüre. Für Transitmigranten bleibt da angesichts der olympischen Ambitionen der Stadt erst recht kein Platz.

Wer die Karosserie nicht im Griff behält, und das womöglich stundenlang bis zum nächsten Stop, bezahlt seinen Wagemut leicht mit dem Leben.

Was bleibt, sind Orte wie dieser: Eine Hecke, unten im Niemandsland, dort, wo die Stadt in den Hafen übergeht. Ein paar Lagerhäuser stehen hier, Kräne strecken ihre Arme in den Himmel, durch das wuchernde Gras laufen verlassene Gleise. Die Hecke ist das Basislager einer Gruppe tadschikischer Afghanen. Tagsüber verstecken sie ihre Decken und Schlafsäcke darin, abends sitzen sie davor. Sie rauchen, reden, schweigen, bis jemand „Chelsea Match“ sagt. Das Zeichen zum Aufbruch. Natürlich muss zunächst über den Zaun, wer daran teilnehmen will. Und so setzen sich Basir, der erst 15 ist, und zwei andere in Bewegung.

Fünf Meter zieht sich das Gitter empor, in glänzendem Weiß ist es gestrichen, und im Laternenlicht verströmen zahlreiche Wildrosen davor eine eigenartig deplacierte Anmut. Ein Auto nähert sich. Die drei warten, bis sie sicher sind, dass darin keine Polizisten sitzen. Zwei Schritte, dann hängen sie am Zaun. Mit mechanischen Schwüngen klimmen die drei nach oben. Die Zwischenräume der Gitterstäbe sind denkbar eng, doch nur zehn Sekunden später erreicht der Erste die Zaunkrone, dann der zweite, gerade als auf der Straße ein LKW vorbei donnert. Sein Scheinwerfer streift die Gestalten hoch oben im Gitter, der Fahrer drückt auf die Hupe.

Schon sind die drei unten, ihre Schatten huschen zu den Trucks. Das Ziel sind die Hinterachsen, deren mittlere beim Fahren genug Raum für einen blinden Passagier in geduckter Haltung lässt. Extrem gefährlich ist diese Transportart: Wer die Karosserie nicht im Griff behält, und das womöglich stundenlang bis zum nächsten Stop, bezahlt seinen Wagemut leicht mit dem Leben. Basir und seine Freunde kommen soweit nicht. Keine Minute dauert es, bis die Sicherheitskräfte sie festnehmen. Vielleicht müssen die jungen Leute die Nacht in Gewahrsam verbringen. Wenn sie Glück haben, lässt man sie wieder laufen.

Immer wieder huscht das Blaulicht am Zaun entlang. Die Streifenfrequenz ist enorm in Calais, doch an den Leuten aus Afghanistan vor ihrer Hecke ist heute niemand interessiert. Hinter ihnen ragt ein Leuchtturm empor und wirft seinen Lichtkreisel in die Kanalnacht. Ein junger Mann in Lederjacke, der sich Mosafer nennt – „das bedeutet Passagier auf Farsi“ – erzählt, wie er all das schon einmal erlebte. 2009 war er dabei, als der große „Jungle“ geräumt wurde. Fast die Hälfte der Bewohner war damals minderjährig. Mosafer, immerhin 19, wurde wegen seines jungen Aussehens wie die anderen Jugendlichen zunächst in einem Asylbewerberheim untergebracht.

Danach wurde er zurück an die Küste verfrachtet. Er schaffte es nach England, doch nach drei Jahren schob man ihn ab. Zurück in Afghanistan, machte er sich umgehend wieder auf den Weg. In Büchereien und Internetcafés studierte er auf Google-Karten den Verlauf der Grenzen. Nach acht Monaten war er wieder in Calais. Mosafer schweigt. Er zieht an seiner Zigarette, entlässt den Rauch aus dem Mund und sagt: „Wir kommen den ganzen Weg hierher, durch Iran, Türkei, Griechenland, Italien bis nach Frankreich. Wir leben im Jungle, machen all das durch, und wenn sie dich abschieben, ist es innerhalb von 24 Stunden vorbei.“ Wieder wird es still vor der Hecke. Bis jemand sagt, er wolle sich ein Chelsea-Match ansehen.

Tobias Müller und Alexander Stein sind ein eingespieltes Reportage-Team und waren für die woxx in den „Jungles“ von Calais unterwegs.


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