Lorenzini Marco: Über odysseische Wege zur Schauspielerei

Ein Laienschauspieler wird professionell. Anspruchsvoll waren die Texte, die Marco Lorenzini bisher auf Bühne zitierte: „Dies Irae“, „Warten auf Godot“, … Eine weitere Herausforderung bietet nun die barocke Sprache von Daniel C. von Lohenstein.

Marco Lorenzini: „Das Theater hat für mich nicht die Aufgabe, Fragen zu beantworten, sondern sie zu stellen.“
Foto: Christian Mosar

THEATER

„Unsere Träume können wir erst dann verwirkli chen, wenn wir uns ent schließen, einmal daraus zu erwachen.“

Josephine Baker.

Den Weg zum professionellen Schauspieler musste sich Marco Lorenzini erst hart erkämpfen. Mit zwölf wollte er Koch werden. Oder Maler. Beide Einfälle erfreuten die Eltern wenig. Ein paar Jahre später dachte der gebürtige Luxemburger an die Schauspielerei. Den Wunsch wagte er nicht mehr zu äußern. Die Überlegung blieb aber und nahm in seinen Gedanken allmählich konkrete Gestalt an …

Seine Berufswünsche konnte er also als Jugendlicher nicht durchsetzen. Er verlor rasch das Interesse an der Schule, brach sie ab und versuchte sein Glück – beim Militär. Bereits nach einigen Tagen hatte Lorenzini vom Drill die Nase gestrichen voll. Dann doch lieber zurück auf die Schulbank. Da er sich nicht traute, die Zustimmung seiner Eltern dafür einzuholen, harrte de Jugendliche die restliche Zeit bei der Armee aus.

Nach Abschluss der Quälerei verzichtete er zunächst einmal auf eine staatliche Anstellung. Stattdessen übte Lorenzini unzählige Jobs aus: Als LKW-Fahrer, Kartoffelchips-Verkäufer, sogar als Bankangestellter. Mit der Rezession der 70er Jahre verschlechterten sich die Berufsaussichten im Privatsektor. Der Staat bot da weitaus bessere Perspektiven. Lorenzini entschied, sich Gefängniswärter zu werden.

Vom „Giischtchen“ zum Schauspieler

Dass die Arbeit eine soziale Berufung trägt, war seine feste Überzeugung. Ein verhängnisvoller Irrtum! Der Posten erwies sich als Albtraum: Lebenslang Prellbock zwischen Insassen und Justiz … „Für die Gefangenen war man Feind Nummer eins, für die Behörde war man verantwortlich für die Vollstreckung der gerichtlichen Befehle und so saß man ständig zwischen zwei Stühlen.“ Zudem begleitete Lorenzini stets die Angst vor möglichen Gewaltausbrüchen der Gefangenen. Er bemühte sich deshalb, um eine andere Stelle beim Staat. Vorerst vergeblich. Und obgleich er es letztlich schaffte, das Amt zu wechseln, war für ihn klar: Mit dem Beamten-Dasein musste nach dreizehn Jahren endgültig Schluss sein. Die Bedingungen waren günstig: Seine sozialen und familiären Lebensumstände hatten sich verändert.

Dem Leben eine neue Richtung geben – dieses Ziel hatte nun Vorrang. Sich endlich ausschließlich der Tätigkeit zu widmen, welche bislang nur ein besseres Hobby war: Schauspielerei.

Worin liegt für Marco Lorenzini die Faszination am Schauspielen? „Dem Publikum den Atem nehmen zu können“, lautet spontan die Antwort, „dass man durch das darstellende Spiel die Leute zum Zuhören, zum Staunen bewegen kann.“ Als Autodidakt begann Lorenzini mit kleinen Auftritten in Bistros. Schließlich wurde er gefragt, ob er Lust hätte, bei dem Kabarett-Ensemble der „Lëtzebuerger Revue“ mitzuwirken. Langsam mehrten sich auch anspruchsvollere Angebote. Mittlerweile ist die Liste der Stücke, bei denen Lorenzini mitgespielt hat, lang. Zu seinen Lieblingsstücken zählen unter anderem „Dies Irae“, „Léiwe Klees’chen“, „Tropfen auf heiße Steine“ und „Auftrag-Godot“.

Ebenso wichtig wie die Frage nach den Rollen, ist Lorenzini die Frage nach der Regie. „Eine feine Sache“ wäre es, wenn er selbst als Protagonist bestimmen könnte, mit welchen SpielleiterInnen er zusammenarbeitet.

Vorliebe für die Rolle des Intriganten

Und welche Rolle prägte ihn am meisten? Im Leben die als „Giischtchen“, allerdings äußerst negativ. Dennoch stellt er immer wieder fest, – eine Tatsache, die ihn zugleich erstaunt – wie aus schlechten Lebenserfahrungen gute zu ziehen sind. Die Erlebnisse bei seiner Arbeit im Gefängnis beeinflussen ihn noch heute bei der Darstellung seiner Charaktere. Lorenzinis Vorliebe gilt „zerissenen“, „widersprüchlichen“, „mental zweischneidigen“ Menschentypen: Außenseiter, Urgesteine, Borderliner, Kleinbürger oder Monarche mit markanten Ticks …

Am liebsten verkörpert er Intriganten. Im realen Leben sind ihm Falschheit, Unehrlichkeit aber ein Gräuel. Da in allem Negativen etwas Positives ruht, versucht Lorenzini in der Schauspielerei auch dem „widerlichsten Ekel eine gute Seite zu verleihen. An welchen Vorbildern er sich dabei orientiert? „Ich vermeide bewusst jegliche schauspielerische Annäherung an bekannte Größen. Zu schnell rutscht man in die Gefahr reiner Imitation. Letztlich muss jeder Schauspieler seinen eigenen Stil finden.“ Doch Vorbilder sind für ihn: Michel Serrault, Philippe Noiret, Jeremy Irons, Sissy Spacek, Sophia Loren und vor allem Irene Papas als Witwe in „Zorba the Greek“.

Den Schauspieler Marco Lorenzini sieht man häufiger auf der Bühne als im Film. Theater ist für den 51jährigen authentischer, schon allein wegen der Publikumsnähe. Spaß aber macht ihm das Schauspielern vor der Kamera trotzdem. Demnächst ist Lorenzini in Andy Bauschs Film „Le club des chômeurs“ zu sehen. Zunehmend werden auch ausländische Film- und Theaterregisseure auf ihn aufmerksam. Eine Entwicklung, die den ehemaligen Laiendarsteller sehr freut.

Ein großer Moment in seiner Karriere war der gemeinsame Bühnenauftritt mit Maria Casarès in Paris.

Im renovierten „Tutesall“ wirkt Marco Lorenzini diesen Monat in Hansgünther Heymes Inszenierung von Daniel C. von Lohensteins „Ibrahim Bassa“ mit. Vor rund dreißig Jahren warf ein Gefangener im „Tutesall“ ein Glas mit Nägeln, Splittern und Schrauben nach ihm. Es verfehlte ihn nur knapp am Kopf …“Scho komësch elo do en Theaterstéck ze maachen.“ Ob es Zufälle oder schicksalhafte Fügung gibt? Die Antwort weiß sicher Godot.

Christiane Schiltz

Marco Lorenzini spielt den Achmat Bassa in der Nationaltheater-Produktion „Ibrahim Bassa“ von Daniel Casper Lohenstein. Am 12., 16., 17., 18., und 19. Januar im Tutesall, Luxembourg-Grund. Karten unter Tel: 26 45 88 70.

Am 24.1. feiert Andy Bauschs Film „Le club des chômeurs“ im Utopolis Premiere. Marco Lorenzini spielt hier den Arbeitslosen Frunnes.


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