INSTALLATIONEN: Der Wald vor den Bäumen

Das Schweizer Künstlerduo Lutz und Guggisberg verballhornt in „The Forest“ auf intelligente Art unsere Sicht auf den Wald

Tauchanzug in wäldlicher Atmosphäre : Lutz und Guggisberg nutzen die Absurdität in ihrer Kunst.

Der Wald ist doch in den meisten Teilen Europas schon lange nicht mehr das, was ein Wald sein sollte. Und das liegt nicht nur am totgeredeten, vergessenen Waldsterben. Schon vor Jahrhunderten, über die Zeit der Völkerwanderung hinaus, zurück bis zur Besiedelung durch die Kelten, ist der Wald Westeuropas der Kultivierung der Landschaft durch den Menschen zum Opfer gefallen. Ein Euphemismus, der im Prinzip – wie so oft – nichts als Unterwerfung bedeutet.

Das Agrarland hat den Wald zurückgedrängt, und was übrig blieb, ist weiterhin dem menschlichen Drang nach Ausbreitung zum Opfer gefallen. Oft ganz profan, wie etwa dem Flottenbau in der Mitte des letzten Jahrtausends, oder beispielsweise der berühmte Sherwood Forest, in dem sich Robin Hood vor den Häschern Prinz Johanns ohne Land verborgen haben soll und der heute nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Trotzdem hat der Wald an sich nie sein unheimliches, unkontrollierbares Renomée verloren, was sich schon in überlieferten Mythen wie dem Märchen vom Rotkäppchen deutlich zeigt. Auch wenn der Wald dort nur für die mit Gewalt aufgeladene Umgebung eines gemeinen Mörders und Räubers in personam des Wolfes stehen mag.

Wo findet man heute noch das Unterholz oder die Büsche, in die sich der ein oder andere sprichwörtlich schlagen will? Wälder sind zur wirtschaftlichen Grundlage von Forstbetrieben verkommen. Wer kann sich daher noch Gegenden vorstellen, in denen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, in denen Luchse oder gar Wölfe jagen? Das übriggebliebene bisschen Chaos wird bestimmt von Ameisen. Wölfe gibt es nur noch in Form von Gert Fröbe mit Kasperle-Puppe, womit wir wieder bei Rotkäppchen wären.

Doch das ist der Wald, der vom Dschungel übrig blieb, und das ist „The Forest“, wie ihn das schweizer Künstlerduo Andres Lutz und Anders Guggisberg derzeit im Mudam auf dem Kirchberg darstellen: Alles scheint unter Kontrolle und der Einzelne wandert unbeschwert darin herum, als sei dieser Wald die natürlichste Sache der Welt. Lutz und Guggisberg verstehen es allerdings brillant, uns diese Selbstverständlichkeit zu nehmen und das gelingt ihnen in erster Linie durch viel Witz. Schon das Beiheft zur Ausstellung ist in einer Euphorie verfasst, die aufhorchen lässt. Tatsächlich kann man sich als Besucher dem dort angepriesenen Humor kaum entziehen. Treffsicher bringen die beiden Schweizer mit vermeintlich einfachen Mitteln ihre Themen auf den Punkt ohne je mit dem erhobenen Zeigefinger herum zu fuchteln. Sie drängen den Besucher, sich umzusehen, auch mal die Blickrichtung zu ändern und genauer hin zu schauen. Und das wird man tun, sobald man eines der Details entdeckt hat, die einem auf den ersten Blick entgangen sind.

Dazu gehören die Leitern, von denen man eine wirklich leicht übersehen kann, oder der immer währende Kampf eines Mannes auf seinem Weg durch den Schnee, der hoch über dem Kopf des Betrachters, quasi auf einem Berg hinter dem Wald, stattfindet.

Angenehm ist auch, dass „The Forest“ sich als Sinnbild für so vieles eignet. Im Zusammenhang mit den ausgestellten Arbeiten, für die Lutz und Guggisberg aus praktisch allen Bereichen der Kunst geschöpft haben, ergeben sich immer neue Interpretationsmöglichkeiten. Langeweile kommt so kaum auf.

Sogar eine gewisse Gabe der Vorhersehung mag man dem Künstlerduo aktuell zusprechen. Wenn in ihrem Video aus dem Jahr 2012 über eine Höhlenbegehung der besonderen Art, sich der gezeigte Forscher am Ende selbst findet, war das sicher den Machenschaften verschiedener Internet-Monopolisten im Umgang mit Userdaten geschuldet, bekommt aber in der aktuellen Diskussion um die NSA einen noch weiter reichenden brisanten Bezug. Als Fazit bleibt eine Ausstellung, deren Besuch sich sogar bei schönstem Sommerwetter lohnt.

Im Mudam, bis zum 14. Januar 2014.


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