DEMOSKOPIE: Zahlengepansche

Meinungsumfragen unter Ausschluss der Piraten, Verdacht der gezielten Manipulation, Zahlen über Gefühle und Ängste … Die Demoskopie in Luxemburg gibt kein gutes Bild ab.

Die blaue Null im roten Feld macht das Spiel (Adam Kubetta / Wikimedia)

Die Möglichkeit, neue Parteien zu gründen, ist ein wichtiger Bestandteil des westlichen Demokratiemodells. Doch nicht jeder freut sich hierüber. Wem der Aufstieg der Piratenpartei zuwider ist, konnte sich eine Zeitlang der Illusion hingeben, Luxemburg sei „piratenfrei“ – nämlich wenn er den Ilres-Meinungsumfragen Glauben schenkte. Das einzige demoskopische Institut dieser Art in Luxemburg versorgte das Tageblatt mit Tortendiagrammen zur Sonntagsfrage, in denen die Piratenpartei nicht vorkam. Kleingedruckt lieferte man dazu die fragwürdige Begründung, die Ilres-Methodologie, habe die Berücksichtigung der neuen Partei verhindert. Wir hatten seinerzeit vor der Gefahr gewarnt, dass die Meinungsforscher immer mehr zu Meinungsmachern werden (woxx 1167).

Seither ist über ein Jahr vergangen, und man könnte annehmen, die Meinungsforscher hätten ihre Methode umgestellt. Nichts dergleichen: Vor zwei Wochen kursierte in den sozialen Netzen der Screenshot einer Ilres-Internet-Umfrage, auf der wieder einmal die Piraten – und die Pidl – fehlten. Diesmal verlautete seitens der Ilres, man benutze von Wahl zu Wahl eben den gleichen Fragebogen … Ein Glück, dass das Institut nicht schon zu einer Zeit gegründet wurde, als es nur CSV und LSAP gab! Doch das Weglassen der „Neuen“ war nicht das einzige manipulative Element in dem Fragebogen: Die drei großen Parteien sind optisch säuberlich abgegrenzt von den „Kleinen“ – von den Grünen bis zur … KP. So, als setze sich die Ilres dafür ein, dass die Ersten die Ersten bleiben und die Letzen die Letzen.

Dass Umfragen so unprofessionell durchgeführt werden, lässt Zweifel an allen anderen Ergebnissen des Ins-tituts aufkommen, bis hin zu dem, das die phänomenale Popularität des Premiers konstatiert. Könnte es sein, dass die Ilres bei der Frage nach dem beliebtesten Politiker nur Juncker zur Auswahl stellt, die Namen anderer Kandidaten aber durch die Befragten von Hand ergänzt werden müssen? Wie viel ist an den Ilres-Ergebnissen überhaupt noch wissenschaftlich haltbar, und wie viel ist grober Unfug – wenn es wirklich auf die „Methodologie“ zurückgeht – oder skrupellose Manipulation – wenn es Auftraggebern wie dem Tageblatt das liefert, was diese haben wollen?

Gewiss, das Geschäft mit der Meinungsforschung wird immer härter: Das Wahlverhalten ist in ganz Europa infolge der Krise instabiler denn je, und die Auftraggeber verlangen möglichst billige Umfragen. Das aber bedeutet, dass der Pool der Befragten so begrenzt wie eben möglich gehalten und von unzuverlässigen Methoden, wie Telefoninterview oder gar Internet-Fragebögen, Gebrauch gemacht wird. Doch ein Institut, das sich durch derlei Agieren dem Vorwurf der Inkompetenz oder der Manipulation aussetzt, läuft Gefahr, den eigenen Ruf und auch den der Branche zu schädigen. Vielleicht ist das ja der Grund, warum die Ilres vor den diesjährigen Wahlen keine Sonntagsfrage-Ergebnisse veröffentlichen wird.

Wie viel ist überhaupt noch haltbar, und wie viel ist grober Unfug oder skrupellose Manipulation?

Das ist schade, denn diese Zahlen sind die einzigen, die etwas Konkretes aussagen und an der Realität gemessen werden können. Die Ergebnisse des dieser Tage vorgelegten Politmonitors dagegen sagen wenig aus. Ob die Menschen wirklich der CSV misstrauen, wie sehr sie sich tatsächlich einen politischen Wechsel wünschen, und was solche Äußerungen für das Wahlverhalten bedeuten – darüber Aussagen zu machen, grenzt an Kaffeesatzleserei. Gewiss, Meinungsforscher können über die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen Angst vor der Arbeitslosigkeit und Angst vor der Finanzkrise dozieren. Doch wenn die erste zunimmt, und die zweite nachlässt, heißt das nichts anderes, als dass auch in Luxemburg immer mehr Menschen mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind und den Zusammenhang mit der Finanzkrise nicht begreifen. Dass das Umfragen-Infotainment wirklich zur politischen und wirtschaftlichen Bildung beiträgt, darf bezweifelt werden.


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