Mangen Claude: Qui ass quien no wonderland?

Claude Mangen inszeniert „Alice under Ground“ als multi-linguales Spektakel zwischen Tanz- und Musiktheater – und jongliert dabei mit der Biographie des Autors und dessen Werk.

FESTIVAL IN WILTZ

Das Wunderland ist eine Fabrikhalle, und Alice alles andere als blond und zierlich. Jamila Salmis Teint ist eher dunkel. Die kräftig gebaute, aus Nordafrika stammende und in Brüssel lebende Schauspielerin und Jazz-Sängerin beherrscht die Szene bei den Proben zu „Alice under Ground“. Claude Mangen betritt den schrägen Bühnenboden und geht mit ihr noch einmal die einzelnen Punkte der Szene durch. Auf einem leer stehenden Fabrikgelände in Wiltz schmiedet der luxemburgische Regisseur zurzeit ein Musical, das die Biographie des englischen Schriftstellers Lewis Carroll mit dem Inhalt der Alice-Geschichte verbindet. Die Inszenierung soll auf dem Wiltzer Festival an Mangens Publikumserfolg mit „West Side Story“ von vor zwei Jahren anknüpfen.

Anfang der 90er Jahre waren bereits Robert Wilson und Tom Waits mit ihrem Musical „Alice“ im Hamburger Thalia Theater in Carrolls märchenhaft unterirdische Welt hinab- gestiegen. Wie Mangen beleuchteten sie damals vor allem das Verhältnis des pädophilen Autors zur Figur der Alice. Einen ähnlichen Weg geht auch die 1995 gegründete Gruppe Maskénada um den Regisseur Claude Mangen und den Musiker Serge Tonnar, die sich des Themas annahmen und gerade dabei sind, daraus ein zwischen Tanz- und Musiktheater angesiedeltes Stück zu machen – für eine größere Bühne als Wilsons 92er Interpretation jemals gedacht war.

Die beiden Komponisten Tonnar und George Letellier haben dafür 37 musikalische Stücke geschrieben, teils Songs, in denen Textpassagen aus Carrolls Originalversion variiert werden, teils instrumental. Jazz, Klassik, Rock und experimentelle Klangcollagen begleiten Alice auf dem Weg durchs Wunderland, kündigt maskénada an.

„I see what I eat/Is not the same thing as I eat what I see/It is not the same thing“, sagt der verrückte Hutmacher in der Mad Tea Party, der siebten Szene des Stücks, die gerade auf dem Probenplan steht. Mangen sucht das Gespräch mit dem Einzelnen, probt eine neue Variante aus, lässt sie wieder fallen und nimmt eine neue auf. Zwar hält er sich nach eigenen Worten ziemlich genau an den Text des Originals, variiert ihn aber immer wieder neu, lässt dabei Raum für Improvisationen. In der Halle herrscht ein babylonischer Sprachenwirrwarr. Neben englisch wird unter anderem französisch, deutsch, ltzeburgesch, spanisch und sogar schwäbisch gesprochen. Die DarstellerInnen kommen aus unterschiedlichen Nationen, der Regisseur nutzt dies für eine Art multi-linguales Spektakel, wie schon vor neun Jahren, als er Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf dem Stausee inszenierte.

Mangen treibt die SchauspielerInnen an zu Wortspielen. Wie Jonglierbälle wechseln die Worte in der Mad Tea Party zwischen den SchauspielerInnen. Was sich hier verbal ausdrückt, findet seine Entsprechung im Körperlichen. Auf der Bühne, zwischen Würfeln, Schrägen und Falltüren, spielt sich modernes Tanztheater ab, angetrieben von Tonnars und Letelliers Musik. Körper- statt Worttheater, Tanz als Darstellung der Metamorphose von Mensch zu Fabelwesen.

Der Künstler als der Perverse der Zivilisation

Bis zur Premiere machen die SchauspielerInnen noch einige Wandlungen durch. Alles sei ein einziger kreativer Fluss, erklärt der Choreograph Bernard Baumgarten, der mit Mangen schon bei der „West Side Story“ zusammengearbeitet hat.

Bei dem Bernstein-Musical habe es bereits feste Strukturen gegeben, zwei Gruppen, die sich – tänzerisch – bekämpfen, erklärt Baumgarten. Hier, bei „Alice under Ground“, haben sich die Koordinaten der Vorlage verselbständigt, die Inszenierung sei ein organischer Prozess. Charles Lutwidge Dodgson, so Carrolls bürgerlicher Name, tritt hier selbst auf. Die „echte“ Alice Pleasance Liddell war seine große Liebe. Als er das Mädchen kennen lernte, war er 28, sie gerade einmal siebeneinhalb. Seine Leidenschaft galt Kindern, und sein Hobby war es, kleine Mädchen nackt zu fotografieren, denen er auf Spaziergängen begegnete. Ein Spanner, ein verschrobener Eigenbrötler, der Mädchen nachstellte, und ein Pädophiler. Hätte sich Carroll, lebte er im 21. Jahrhundert, Kinderpornos aus dem Internet gezogen? „Der Künstler ist nicht nur der und der Arzt der Zivilisation, er ist auch ihr Perverser“, schreibt Gilles Deleuze.

In der Maskénada-Produktion wird die Pädophilie Carrolls nur angedeutet. So wie er Alice zur literarischen Figur macht, verschwindet hier auch er in seiner eigenen Geschichte. Biographische Personen tauchen als Tiere wieder auf. Die DarstellerInnen schlüpfen dabei von einer Rolle in die andere. Gunther J. Henne ist nicht nur Dodo und eine Katze, sondern auch Lewis Carroll. Ein Spiel der Identitäten: Who is who im Wunderland? Angefangen bei Alice, die befindet sich in der Identitätskrise ihres Lebens, der Pubertät. „Wer bist denn du?“, wird sie einmal gefragt, und sie antwortet: „Ich weiß es selbst kaum, ich muss seit dem Aufstehen heute morgen wohl mehrmals vertauscht worden sein.“

„Ich bin gar nicht ich“: Die Individuen lösen sich in einer Traumwelt aus Musik und Tanz auf. Dinge verschwinden in Klappen und Falltüren und kommen wieder zum Vorschein. Elemente aus der Geometrie prägen das karg gehaltene Bühnenbild nicht nur bei den Proben in der Fabrikhalle, sondern auch später im Amphitheater, ganz im Sinne des Mathematikers Carroll. Der lebt seinerseits in der Welt eines Kindes, das er noch zu sein glaubt. Er weiß selbst nicht, wer er ist. Und Alice, sein Objekt der Begierde, fängt an, sich zu wehren, erniedrigt ihn, die literarische Figur gewinnt Macht über ihren Schöpfer. „Wie Alice will Carroll entfliehen“, sagt Mangen, „aus einer Welt der Regeln“. Sie, die nicht altert, die in der Zeitschleife hängen bleibt, versucht sich zu befreien. Diese Befreiung kann nur grausam sein. Wie? Am 2. August, dem Tag der Premiere, weiß man mehr.

Stefan Kunzmann


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