DAYLI: Ein Schlag ins Gesicht

Wer hierzulande arbeitslos wird, gerät meistens auch noch in die Mühlen der Bürokratie. Über den Umgang mit Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben.

1.047 Konkurse gab es im Jahr 2013, davon 350 im Handel. Wie viele Menschen dadurch in die Arbeitslosigkeit abgerutscht sind, ist nicht bekannt. Für großes Aufsehen hat diese Nachricht jedenfalls nicht gesorgt. Auf etwas mehr Interesse stieß die Pleite des österreichischen Konzerns „dayli“, die zur Schließung von 29 Geschäften in Luxemburg führte. In Luxemburg hat die Insolvenz die Entlassung von 91 Beschäftigten zur Folge.(Siehe dazu Artikel S. 4)

Mag die Zahl 91 angesichts des bereits existierenden Heeres von fast 20.000 Erwerbslosen recht klein erscheinen, so verbergen sich hinter dieser Zahl doch jede Menge Einzelschicksale. Fast ausschließlich Frauen, viele von ihnen mit Migrationshintergrund und fast zur Hälfte Grenzgängerinnen, sind von der Schließung betroffen. Ein beachtlicher Teil der Belegschaft besteht zudem aus alleinerziehenden Müttern. Zwei Paare, bei denen beide Partner in der Firma gearbeitet haben, sind arbeitslos geworden.

Wer sich am Dienstag bei der Informationsversammlung für die ehemaligen dayli-Beschäftigten umsah, konnte in den Gesichtern der Frauen immer noch die Überraschung und Entrüstung sehen, welche die unangekündigte Schließung der Luxemburger Filialen bei ihnen hinterlassen hat. Überraschung, weil dieses jähe Ende nach monatelangen Versprechungen und Besänftigungsversuchen für die Angestellten nicht vorhersehbar gewesen war. Entrüstung, weil die Art und Weise, ohne Ankündigung die Läden zu schließen, für viele der Betroffenen ein Schlag ins Gesicht war.

Jahrelang hatten sie einem Konzern, der nicht zuletzt durch Misswirtschaft vor dem finanziellen Abgrund stand, die Treue gehalten. Jahrelang hatten sie versucht, durch gute und harte Arbeit die Konsequenzen der Nachlässigkeit anderer abzufedern; hatten trotz Problemen mit Zulieferern und leeren Regalen die Stellung gehalten. Und nun hieß es, von heute auf morgen, Danke für die Arbeit und viel Spaß auf dem Arbeitsmarkt!

Nach der Informationsversammlung am Dienstag ist die Entrüstung nicht kleiner geworden. Zwar werden die ehemaligen dayli-Angestellten nach Luxemburger Recht behandelt und haben somit Anspruch auf das sogenannte „Superprivileg“ von drei bis fünf Monatslöhnen, doch vor April ist weder mit dieser Entschädigung, noch mit Arbeitslosengeld zu rechnen. Zu allem Überfluss sollen die Beschäftigten auch noch eine „Bearbeitungsgebühr“ von 22 Euro aus eigener Tasche zahlen, um überhaupt eine Abfindung erhalten zu können. Dass sich mehr als eine der Betroffenen zumindest „sehr respektlos“ behandelt und „verarscht“ fühlt, ist nachvollziehbar.

Dass sich mehr als eine der Betroffenen zumindest „sehr respektlos“ behandelt und „verarscht“ fühlt, ist nachvollziehbar.

Wie soll eine alleinerziehende Mutter drei Monate lang ohne Geld überleben? „Zum Sozialamt“ könnte sie gehen, riet ein Adem-Vertreter am Dienstag. Doch viele der Frauen, die stolz darauf waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, empfinden einen solchen Gang verständlicherweise als Demütigung, nachdem sie jahrelang gearbeitet haben und auf niemanden angewiesen waren.

Alles in Allem ist die Art und Weise, wie die dayli-Frauen behandelt werden, beispielhaft für den Umgang mit Menschen, die unverschuldet arbeitslos werden. Ohne Vorwarnung vor die Tür gesetzt, finden sie sich in einem bürokratischen Sumpf wieder und werden regelrecht schikaniert. An Zynismus grenzt es, wenn man ihnen nach der Entlassung für die geleistete Arbeit dankt und ihnen erklärt, sie seien jetzt „frei für den Arbeitsmarkt“.


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