KULTURHAUPTSTADT GRAZ: Zwischen Provinz und Metropole

von | 14.03.2003

Graz war immer schon rebellisch. Graz ist verschlafen. Graz ist eine Studentenstadt. Graz ist voller Senioren, ein Pensionopolis. Also was jetzt? Die europäische Kulturhauptstadt ist im Moment vor allem eines: eine sehr lebendige Baustelle.

Der Uhrturm mit seinen vertauschten Stunden- und Minutenzeigern: ein Markenzeichen der Stadt Graz.

Sie stehen für idyllische und anregende Spaziergänge: Der Schlossberg und der Uhrturm oben drauf, mit seinen vertauschten Stunden- und Minutenzeigern. Nun steht hinter dem Uhrturm ein Doppelgänger, metallen und schweigend. Der Grazer Künstler Markus Wilfling hat den Schattenturm dort hingestellt, und damit fing er etwas für die Stadt Zentrales ein: ihre Ambivalenz.

Die eine Seite …

„Kaum eine andere Stadt hat ein so ambivalentes Image wie Graz“, so ORF-Journalist Martin Traxl. Auf der einen Seite hat sie den Ruf provinziell und konservativ zu sein. Gleichzeitig gibt es auch die Mär von der rebellischen und unkonventionellen Stadt. Die „heimliche Hauptstadt“ der Literatur und der Architektur soll Graz zumindest mal gewesen sein. „Graz ist immer gependelt zwischen Aufbruch und Erstarrung“, meint Gerfried Sperl, ehemaliger Grazer und nunmehr Chefredakteur der Tageszeitung „Der Standard“.

Eine der unerfreulichsten Assoziationen, die Graz hervorruft, geht auf die NS-Zeit zurĂĽck. Hitler wurde hier von so vielen Menschen jubelnd empfangen, dass dieser Graz den Titel „Stadt der Volkserhebung“ verlieh. Nach dem bösen Erwachen ging Graz erst mal ausgiebig auf Tauchstation.

Der Beiname „Pensionopolis“, der noch auf die Zeit der Monarchie zurĂĽckgeht, tauchte wieder auf als rund um den Schlossberg ein hoher Anteil an Ă„lteren lebte. Es folgten einige heftige Aus- und AufbrĂĽche, die einander mit Phasen abwechselten, in denen sich – vor allem politisch – nicht allzuviel bewegte.

Das Image der Verschlafenheit verstärkt freilich auch die Größe: In der Hauptstadt der „grĂĽnen Steiermark“ wohnen rund 250.000 Einwohner. Eine Provinzstadt, wenn man so will: grĂĽn, fuĂźgehtauglich, die Mur flieĂźt mitten durch die Stadt. Graz ist unbestreitbar gemĂĽtlich.

… und die andere

Das andere, das progressive Bild von Graz ist kulturellen Hochs zwischen den späten FĂĽnfzigern und den späten Siebzigern zu verdanken. Das „forum Stadtpark“ wurde gegrĂĽndet, Autoren wie Wolfgang Bauer, Peter Handke und Gerhard Roth mischten das biedere Nachkriegsösterreich ordentlich auf. Später kam der „steirische herbst“ dazu, ein Festival, mit dem Graz sich einen Namen als Wiege der Avantgarde machte: Skandale hierher!

Anderes wirkte durchaus beständig: Die ansässigen Architekten etwa ließen sich in all den Jahren nicht lumpen. Bezogen auf ihre Größe kann die Stadt durchaus eine ansehnliche Menge an architektonischen Attraktionen ihr Eigen nennen. Manches davon groß und prestigeträchtig, wie etwa das Resowi-Zentrum der Karl-Franzens-Uni oder die Palmenhäuser. Anderes weniger spektakulär, wie Wohnbauten und Lokale, die aber trotzdem lohnenswert anzuschauen sind.

Zu diesem progressiven Bild haben schon immer die Studierenden beigetragen. Auch heute prägen sie die Stadt. Es sind immerhin 40.000. Die Beislszene ist entsprechend nicht zu knapp bemessen, die kulturelle Szene hat gerade in jĂĽngster Zeit viel an alternativer und Off-Kultur zu bieten. Da ist etwa das „Theater im Bahnhof“, das durch sein Tun und Reden harmlose Passanten auf offener StraĂźe verwirrt. Es gibt eine lebhafte Popszene, und es ist wieder viel Live-Musik zu hören.

Vieles davon findet drauĂźen statt. Seit ein paar Jahren reisen im Sommer Schausteller und Pantomimen zum StraĂźentheaterfestival „La Strada“ aus ganz Europa an, um Plätze, Telefonhäuschen oder was auch immer zu bespielen. Das meiste davon ist kostenlos. Auch die vielen Konzerte des „Jazzsommer“ sind allesamt gratis. „Das ist ein völlig anderes kulturelles Konzept als in unserer Stadt“, bemerkte eine Salzburgerin angesichts der bunten Besuchermischung: „In Salzburg können es sich viele gar nicht leisten, sich die Veranstaltungen in ihrer eigenen Stadt anzuschauen“ – dominieren doch dort die „Salzburger Festspiele“ und Hochkultur fĂĽr ein Publikum, das nicht zu sparen braucht.

All dies verleiht der Stadt ein sĂĽdländisches Flair. Daran sind freilich auch das gnädige Klima sowie die italienisch beeinflusste Altstadt mit ihren roten Dachlandschaften – mittlerweile als Unesco-Weltkulturerbe geadelt – nicht unschuldig. Aber es sind eben auch diese Dinge: Dass gleich ums Eck vom Hauptplatz Kajakfahrer auf der Mur Eskimorollen ĂĽben, dass im Sommer ein StraĂźencafĂ© neben dem nächsten seine Tische und StĂĽhle rausstellt.

Die Gastronomie zählt ohnehin zu den Stärken der Stadt: Die Speisekarten lassen slawische, ungarische und italienische Einflüsse erkennen, der Salat geht meist nicht ohne das Kürbiskernöl. Es sind wohl diese Aspekte, gemeinsam mit der Nähe zu den südsteirischen Weinstraßen und den boomenden Wellness-Thermen, die die Zahl der Übernachtungen in den letzten Jahren steigen ließ.

Baustelle Graz

Zur Zeit ist Graz eine groĂźe Baustelle. Lange hat die Stadt nicht so viele Kräne und GerĂĽste gesehen. Dank „Graz 2003“ geht auf einmal vieles ruck-zuck, was vorher jahrelang blockiert wurde: Im Herbst wird das spektakuläre Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier eröffnet; eine neue Stadthalle, die Insel in und die Promenade an der Mur sind fertig. Seit die Grazer permanent ĂĽber 03-Taxis, Logos und halbe Gebäude stolpern, ist auch ihr Interesse am Dasein als Kulturhauptstadt groĂź. „‚Graz 2003‘ ist ein GefĂĽhlszustand, der sich langsam in der Stadt breit macht“, schrieb die Lokalmatadorin „Kleine Zeitung“. Es wird wieder ĂĽber Graz geredet – was es denn eigentlich sei: „Stadt des SĂĽdens? Stadt des Ostens?“, fragt man sich dieser Tage in einer Veranstaltung.

„Gebaut“ wird derzeit nämlich auch an verstärkten Beziehungen zu Osteuropa. Zwischen Graz und der slowenischen Grenze liegen nur rund vierzig Kilometer, nach Ungarn sind es siebzig. Wie nahe die Nachbarn wirklich sind, rĂĽckt auch den Grazern selbst erst langsam wieder ins Bewusstsein. Doch nach und nach entstehen Städtepartnerschaften, Unternehmen wie Theatermacher lassen sich auf grenzĂĽberschreitende Projekte ein. Viele Ă–sterreicher arbeiten bereits jenseits der Grenze, und Menschen aus der Balkanregion sind ihrerseits in Graz präsent. Zum Teil sind sie vor dem Krieg geflohen, zum Teil kommen sie zum Studieren.

Die „schlechte Gegend“ wird hip

Ein Bezirk, in dem Um- und Neubau besonders sichtbar werden, ist das Griesviertel. Es galt lange als „schlechte“ Gegend; MĂĽtter randalierten, wollten ihre Töchter dorthin ziehen. „Gries“ stand fĂĽr Rotlichtmilieu und „grindige“ Substandardwohnungen. Dann jedoch floss zuerst Geld aus einem EU-Stadtentwicklungs-Projekt. Es folgte eine neue Synagoge, die die Stadt hier ansiedelte, und nun kommt auch noch das Kunsthaus hinzu. Heute gilt das Quartier mit seiner Mixtur aus internationalen Lokalen, aus FĂĽnf-Sterne-Hotels, Männerasyl und Kulturprojekten als äuĂźerst heterogen. Als ambivalent – ein Kind seiner Stadt eben.

Gerlinde Pölsler

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Assises sectorielles du chant choral: Junge Chorsänger*innen gesucht

Die „Assises sectorielles du chant choral“ vom vergangenen Samstag offenbarten, wo den Chören hierzulande der Schuh drĂĽckt. Es mangelt an Sichtbarkeit, pädagogischem Know-how und vor allem an Nachwuchs.   Wie bei Rundtischgesprächen ĂĽblich, boten die „Assises sectorielles du chant choral“ vergangenen Samstag einen Morgen voller leiser...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch: Luxemburgisch im Fokus

Die Luxemburger Sprache soll ab diesem Jahr jeden 26. September gefeiert und gefördert werden – und zwar mit Kulturevents, Aktivitäten und Diskussionsrunden. Das Programm der Erstauflage des „Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch“ wurde am Montag bei einer Pressekonferenz vorgestellt. „Sprache ist der Schlüssel zur Welt“, sagte bereits Wilhelm von...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Staffelfinale „And Just Like That”: Vergessene Vorläufer

Allzu schwer fällt er nicht, der Abschied von der Serie „And Just Like That“ – sie hat den Charme des Anfangs eingebüßt. Interessanter ist ein Blick auf die Ursprünge: Mit Mary McCarthys Buch „The Group“ fing alles an. Und einfach so ist alles vorbei: Mit dem Staffelfinale des „Sex and the City“-Sequel „And Just Like That“ schließt das...