WELTERNÄHRUNG: Europäische Schweine

Wie wir „Die Welt ernähren können, ohne sie zu zerstören“, darüber wird Benny Härlin am kommenden Montag, 31. März, referieren. Der Journalist und ehemalige grüne Politiker war an der Ausarbeitung des Weltagrarberichts beteiligt.

Die landwirtschaftlichen Flächen reichen aus, um die Weltbevölkerung zu ernähren, wenn man sie richtig nutzt – davon ist Benny Härlin überzeugt . „Die Welt ernähren, ohne sie zu zerstören!“, 31. März um 19 Uhr im Hôtel Parc Belle Vue, organisiert von Caritas und Meng Landwirtschaft. Die woxx ist einer der Medienpartner.

woxx: Das Paradigma Wachstum wird zunehmend als Bedrohung gesehen. Führt das Bevölkerungswachstum dazu, dass die Welternährung zu einer unmöglichen Aufgabe wird?

Benny Härlin: Wir könnten mit dem, was heute weltweit geerntet wird, zwischen zehn und zwölf Milliarden Menschen ernähren. Das ist eine größere Zahl, als sie in absehbarer Zeit erreicht werden wird. Hinzu kommt, dass zum Beispiel von den 2,4 Milliarden Tonnen Getreide, die wir 2014 ernten werden, weniger als die Hälfte direkt als Lebensmittel konsumiert wird. Etwa ein Drittel wird an Tiere verfüttert, und ein wachsender Anteil geht in die Energieerzeugung, etwa von Agrofuel. Daran sieht man, dass die Weltbevölkerung nicht das Problem ist.

Müssen wir nicht trotzdem die Effizienz der Nahrungsmittelerzeugung steigern?

Es ist wichtig, zu unterscheiden zwischen der Weltproduktion und dem Ertrag, den kleine Bäuerinnen und Bauern in Asien und Afrika erzielen. Denn letzterer dient zum allergrößten Teil tatsächlich der Ernährung. Gerade die Landbevölkerung ist am stärksten vom Hunger betroffen – wenn die ihren Ertrag steigert, dann hilft das, den Hunger zu bekämpfen. Und wenn sie einen Überschuss produziert, kann sie Geld verdienen, um die Schulgebühren oder den Arzt zu bezahlen. Wenn wir dagegen in der industriellen Landwirtschaft im Middle West oder in Brandenburg den Ertrag steigern, dann können wir mehr Ethanol oder mehr Schweinefleisch erzeugen, doch das ändert an der weltweiten Ernährungslage im Grunde genommen nichts.

Wie lässt sich denn etwas verändern?

Da gibt es sehr viele Ebenen. Die einzelnen Verbraucher haben so viele Möglichkeiten, ihre Prioritäten zu setzen. Zum Beispiel, indem sie darauf achten, wieviele Lebensmittel weggeworfen werden im Supermarkt, in der Bäckerei, im Restaurant … Oder der Frage nachgehen, wo das, was man isst, eigentlich herkommt. So bekommt man ein Gefühl für die Zusammenhänge. Oder man wird, wie meine Tochter, Vegetarier …

„Wir haben uns so weit von einem vernünftigen Fleischverzehr entfernt, dass ich es toll finde, wie viele Menschen Vegetarier werden.“

Derweil wird aber in den Schwellenländern immer mehr Fleisch gegessen.

Wenn wir die „Western Diet“ auf die ganze Welt ausdehnen wollen, dann bekommen wir in der Tat ein Problem. Aber das ist keine Fatalität: In China nimmt der Fleischkonsum stark zu, in Indien dagegen kaum. Der Mensch könnte sich auch dem anpassen, was eigentlich unserer Physiologie entspricht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, etwa 30 Kilo Fleisch im Jahr zu sich zu nehmen. Derzeit liegt der Durchschnittsverbrauch in Deutschland bei über 80 Kilo. Das ist weder notwendig, noch gesund, noch umweltverträglich. Hinzu kommt die Art und Weise, wie wir Tiere halten, um solche Mengen zu produzieren – so mit Geschöpfen umzugehen, schafft ein ethisches Problem.

Halten Sie den Vegetarismus für eine hilfreiche Bewegung, oder lenkt sie eher ab von den eigentlichen Problemen?

Ich finde das hilfreich. Ich würde aber nicht sagen, dass wir in einer besseren Welt leben würden, wenn wir überhaupt keine Tiere mehr halten. Grünland ist ökologisch wertvoll und bleibt nur erhalten, wenn es als Weide dient. Aber wir haben uns so weit von einem vernünftigen Fleischverzehr entfernt, dass ich es toll finde, dass so viele Menschen Vegetarier werden. Einfach nur weniger Fleisch zu essen, ist auch eine gute Option. Für mich ist das keine ideologische Frage, es ist nicht böse, Fleisch zu essen. Gerade in Afrika oder Asien ermöglicht häufig der Besitz von Hühnern oder gar einer Kuh den Schritt heraus aus der Unter- und Fehlernährung. Persönlich gefällt mir die Idee des Sonntagsbratens, dass also Fleisch essen nicht etwas Falsches, aber etwas Besonderes ist.

Was sind, über das Konsumverhalten hinaus, die Handlungsmöglichkeiten, zum Beispiel auf politischer Ebene?

Eine Gelegenheit für politische Veränderung haben wir gerade eben wieder verpasst: Die europäische Agrarpolitik hat neben der US-Politik den größten Impakt auf die weltweite Landwirtschaft. Bei der Erstellung der neuen EU-Agrarpolitik 2014-2020 wurde versäumt, sich an den ökologischen Notwendigkeiten und an unserer globalen Verantwortung zu orientieren. Es wird weiter auf Wachstum gesetzt, und nach wie vor werden Subventionen nach der Flächengröße bemessen, ohne wirkliche ökologischen Anforderungen.

Eine Extensivierung würde die Erträge sinken lassen. Müsste Europa dann nicht noch mehr Nahrungsmittel importieren?

Die EU ist der größte Agar-Exporteur und ?Importeur der Welt. In Euro gerechnet, haben wir einen Überschuss, in Hektar dagegen haben wir ein enormes Defizit – etwa dreimal die Fläche Deutschlands. Das liegt vor allem daran, dass 75 Prozent der Importe der Herstellung von Fleisch dienen. Wir verfügen in Europa keineswegs über zu wenig Ackerfläche, aber wir verschwenden zu viele Nahrungsmittel. Im Weltagrarbericht wird’s vorgerechnet: Um 2.000 Kilokalorien auf dem Teller zu haben, muss man weltweit durchschnittlich Nahrungsmittel mit einem Energiewert von 4.600 Kilokalorien anbauen. Die Verluste treten vor allem an drei Stellen auf: direkt nach der Ernte, beim Endverbrauch durch das Wegwerfen und bei der Umwandlung von Getreide und Ölsaaten in tierische Kalorien. Diese Verluste könnte man erheblich reduzieren.

Die Verluste beim Endverbrauch und bei der Fleischproduktion hängen aber mindestens so sehr mit unserem Konsum wie mit der EU-Agrarpolitik zusammen.

Wir müssen in der Tat den Verbrauch und die Produktion zusammen denken. Aber wenn jemand sagt, wir sollten andere Konsumgewohnheiten haben, dann wird in unseren westlichen Demokratien immer gleich vor einer Ökodiktatur gewarnt. Es geht nicht darum, mit Gewalt jeden zu einem vernünftigen Verhalten zu zwingen, sondern einfach nur darum, klar zu sagen, dass das gesundheitsschädlich und umweltzerstörend ist – und eventuell auch die entstehenden Kosten auf die Produkte umzuschlagen. Man kann ja nicht ausblenden, dass wir von Kindesbeinen an durch die Werbung der großen Konzerne zu einer Art von Konsum gedrängt werden, die schlecht für unsere Gesundheit, für die Umwelt und für die Volkswirtschaft ist. Dabei ist die Beziehung des Einzelnen zu den Landwirten, die seine Lebensmittel herstellen, verlorengegangen.

„Es geht nicht um eine Ökodiktatur, sondern einfach darum, dass dieses Verhalten gesundheitsschädlich und umweltzerstörend ist.“

Setzen Sie denn auf die Macht der Konsumenten, müsste man nicht vielmehr die großen Lebensmittelkonzerne zerschlagen?

Das ist ein großes Vorhaben – man sollte jedenfalls nicht glauben, dass alles unterhalb der Zerschlagung der Konzerne sowieso keinen Sinn habe. Es wäre ein Fortschritt, wenn wieder eine Marktwirtschaft hergestellt würde in Bereichen, die heute von wenigen Akteuren kontrolliert werden. Beim gehandelten Saatgut zum Beispiel kommt weltweit die Hälfte von nur drei Konzernen: Monsanto, Syngenta und Dupont-Pioneer. Da kann es keinen funktionierenden Markt geben.

Es sind ja auch die Konzerne, die das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP herbeiwünschen. Kritiker dagegen warnen vor Hormon-Rindfleisch und Chlor-Hähnchen aus den USA.

Das ist nur ein Aspekt. Natürlich geht es beim TTIP darum, sich auf die laschesten Verbraucherschutzregelungen zu einigen. Verbraucherschutz ist wichtig, aber er blendet die Frage aus, wo das Nahrungsmittel eigentlich herkommt. Wenn hier Schweine mit Soja aus Brasilien und Mais aus den USA gefüttert wird, sind das dann noch europäische Schweine? Sicherheits- und Hygienestandards blenden Fragen der Umweltverträglichkeit der Produktionsweise aus. Das viel größere Problem beim TTIP ist, dass bestimmte Formen der Beschaffungspolitik nicht mehr möglich wären. Nehmen wir an, eine Gemeinde beschließt, in der Schulkantine Lebensmittel aus der Region zu verarbeiten, um die lokale Landwirtschaft zu stärken. Das könnte künftig als Handelshemmnis rechtlich angefochten werden. Die Gemeinde würde durch das Abkommen gezwungen, das Schulessen so auszuschreiben, dass auch ein Konzern in den USA mitbieten und den Zuschlag erhalten kann. Damit hätten die Konzerne, europäische wie amerikanische, einen unmittelbaren Einfluss auf die Ernährungs- und Agrarpolitik unserer Gemeinden und regionalen wie nationalen Regierungen.

In Luxemburg sind die meisten landwirtschaftlichen Betriebe relativ klein – sehen Sie trotzdem Handlungsbedarf?

Auch kleine Betriebe greifen oft auf importiertes Futter zurück und setzen nicht unbedingt weniger Pestizide und Mineraldünger pro Hektar ein als die großen. Entscheidend ist weniger die Betriebsgröße als die Frage, wieviel Arbeit, oder aber wieviel Energie und Chemie in die Produkterzeugung gesteckt wird. Je kleiner, desto leichter kann man sich umstellen, aber man kann auch leichter groben Unfug anstellen. In meiner Heimat Baden-Württemberg gibt es viele nebenberufliche Landwirte, die nur ein paar Dutzend Hektar bewirtschaften – und trotzdem Traktoren haben, die für 500 Hektar reichen würden.

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Zur Person

Während vier Jahren war Benny Härlin (57) an der Ausarbeitung des Welt-Agrarberichts beteiligt, der 2008 veröffentlicht wurde. Als junger Journalist hatte er sich bereits in den 1970ern in linksalternativen Strukturen politisch engagiert. 1984 wurde er für die Grünen ins Europaparlament gewählt, später arbeitete er für Greenpeace und war ein Pionier des Kampfes gegen Gentechnik. Seit 2002 arbeitet Härlin für die Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die konkrete Projekte im Sinne einer nachhaltigen und biologischen Landwirtschaft unterstützt. Der Welt-Agrarbericht, initiiert von der Weltbank, steht der industriellen Landwirtschaft und dem von Konzernen beherrschten weltweiten Handel mit Agrarprodukten kritisch gegenüber. Nach 2008 wurde der Inhalt des Berichts durch weitere Dokumente ergänzt, zu deren Verbreitung Härlin mittels Veröffentlichungen und Konferenzen beiträgt.
Aktualisierte Broschüre zum Bericht: www.weltagrarbericht.de/broschuere.html


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