WESTAFRIKA: Gefährliche Kontakte

Ursachen der jüngsten Ebola-Epidemie sind unter anderem die Abholzung der Regenwälder in Afrika und mangelnde Nahrungsalternativen. Beide Probleme werden kaum in absehbarer Zeit gelöst. Auch die Entwicklung eines Impfstoffs ist nicht lukrativ genug.

Direkte Berührung von Infizierten vermeiden: Medizinisches Personal bereitet sich im westafrikanischen Guinea auf die Arbeit vor.

Als vor fünf Wochen die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) die in Westafrika grassierende Ebola-Epidemie als „außer Kontrolle geraten“ beschrieb, verwiesen die Ärzte damit auch indirekt auf Probleme der aktuellen Epidemiologie. Erkrankungen, wie die durch den Ebola-Virus hervorgerufene, können schon lange nicht mehr als bloße Ereignisse um einen Krankheitserreger und die von ihm ausgelösten Symptome in einem einzelnen Organismus betrachtet werden, wie es die Pioniere der Disziplin um Robert Koch im 19. Jahrhundert noch taten.

Epidemien ereignen sich immer in einem Gefüge, in dem die verschiedensten Akteure agieren, die sich eben nicht mehr in die alten Schemata von isoliert zu analysierenden Einzeldingen und ihren direkt folgenden Symptomketten pressen lassen. Und das gilt in einem besonderen Maß für solche Infektionen, die von wilden Tieren ausgehen und in Menschen dann zu einem sozusagen doppelten Ende führen. Denn „rein“ parasitologisch betrachtet sind Menschen für den Ebola-Virus und seinen Fortpflanzungszyklus auch durch ihren schnellen Tod nach der Infektion eine evolutionäre Sackgasse. Menschen sind in der Terminologie der Parasitologie ein „Fehlwirt“.

Wobei es sich allerdings um eine Feststellung handelt, die keinem der erkrankten Menschen auch nur eines der schrecklichen Symptome nimmt, die von extrem hohem Fieber über Blutungen der Schleimhäute bis zu inneren Organblutungen reichen. Bekämpfen kann man die Krankheit bisher nur rein symptomatisch. Die Tatsache, dass zehn bis 40 Prozent der Erkrankten, je nachdem mit welchem der vier bekannten Ebolastämme sie infiziert sind, die Infektion überleben und danach in der Regel an dem Erreger nicht mehr erkranken, lässt aber die Annahme zu, das eine Impfung möglich ist und erfolgreich sein könnte. Dass bisher kein Impfstoff entwickelt wurde und in nächster Zeit auch nicht entwickelt werden wird, hängt einfach damit zusammen, dass die Ebola-Epidemien für Pharmaunternehmen keine Gewinnerwartungen wecken.

Bisher auf Afrika beschränkt, bieten die geschätzten um die 1.600 Todesopfer seit dem ersten Auftreten der Krankheit 1976 am Ebola-Fluss im damaligen Zaire in einer der ärmsten Gegenden der Welt kein Potenzial, die gewinnbringende Maschine der Impfstoffentwicklung unter der derzeit herrschenden Wirtschaftsordnung anzuwerfen. Also konzentriert sich die Forschung sinnvollerweise auf die rational handhabbaren Aspekte der Krankheit. Und dazu gehört die Suche nach dem ursprünglichen Wirt, in dem der Virus, ohne zu tödlichen Symptomen zu führen, seine Fortpflanzungszyklen durchlaufen kann. Eine Suche, die Virologen oft als Krimi beschreiben und die sich auch so liest.

Zuerst hielt man Menschenaffen wie Gorillas für den genuinen Wirt des Virus. Und tatsächlich ist der Verzehr von in den Regenwäldern erlegtem „bushmeat“, von Wild also wie beispielsweise Gorillas, einer der Übertragungswege von Tieren auf Menschen. Doch dann fand man heraus, dass Menschenaffen selbst schwer an Ebola erkranken können und nicht weniger schlimme Symptome als Menschen zeigen. Nach dem heutigen Forschungsstand gilt Ebola sogar als eine der Hauptbedrohungen für den Fortbestand der Menschenaffen in Afrika überhaupt. Natürlich ist Ebola hierbei nur ein Faktor neben der unvermindert fortschreitenden Vernichtung der Wälder, auf den man gleich auch im Zusammenhang mit Ebola zurückkommen muss. Jedenfalls konnten die Menschenaffen, weil sie ebenfalls erkranken, nicht der ursprüngliche Wirt des Virus sein. Man musste also herausfinden, wie und durch wen sich die Affen infizieren. Derzeit gelten Flughunde als der natürliche Herd des Virus. Die Affen infizieren sich, indem sie Früchte essen, auf denen sich Kot oder andere Ausscheidungen der Flughunde befinden. Flughunde, wissenschaftlich als Pteropodidae bezeichnet, könnten daher der Schlüssel für das erstmalige Auftreten von Ebola außerhalb Zentralafrikas sein.

Derzeit gelten Flughunde als der natürliche Herd des Virus.

In allen jetzt betroffenen Ländern Westafrikas, in Guinea, Liberia und Sierra Leone, werden Flughunde gern gegessen. Man kocht oder grillt sie über offenem Feuer und sagt ihnen eine heilsame Wirkung nach Alkoholgenuss nach. Flughundfleisch ist relativ billig, weil es die Tiere zahlreich in den Wäldern gibt. Zudem sind sie, wenn sie tagsüber in den Bäumen schlafend mit dem Kopf nach unten hängen, leicht zu fangen oder abzuschießen. In den ansonsten durch Jagd und Umweltzerstörung tierarm gewordenen Gegenden Westafrikas sind sie die letzte leicht und günstig zugängliche natürliche Fleisch-Ressource.

Eine Ressource, die gerade durch die Waldrodungen noch leichter zu erreichen ist. Denn wenn die Wälder immer weniger werden, müssen sich die Flughunde neue Lebensräume suchen. Dafür kommen sie menschlichen Siedlungen immer näher, schlafen in Bäumen in Gärten oder gleich an oder in Häusern unter den Dächern. Vor allem britische Epidemiologen weisen denn auch nachdrücklich auf den Zusammenhang von Waldzerstörung und Ebola-Epidemie hin.

So hat Liberia unter der Regierung von Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf mehr als die Hälfte seiner Wälder an internationale Holzfirmen verkauft und damit der Abholzung übergeben. In Sierra Leone haben die industrielle Abholzung, der traditionelle Brandrodungsackerbau und der vermehrte Bedarf an Brennholz dazu geführt, dass überhaupt nur noch vier Prozent des Landes von Wald bewachsen sind. Nach Berechnungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wird es, wenn die Abholzung so weiter geht, 2018 in Sierra Leone überhaupt keinen Wald mehr geben.

Das heißt, der Druck auf Wildtiere wie Flughunde, sich Lebensräume außerhalb des Waldes zu suchen, steigt stetig. Und damit nehmen auch die Kontakte zwischen Menschen und Tieren zu. Dass die jetzige Ebola-Epidemie die größte in der Geschichte der Krankheit ist, scheint vor diesem Hintergrund nur logisch. Wie wenig die Regierungen der Länder Westafrikas auf die Epidemie vorbereitet sind und wie wenig sie damit umzugehen verstehen, zeigt eine Aktion des Gesundheitsministers von Guinea, René Lamah, im März dieses Jahres. Lamah war in den vermeintlichen Epidemieherden an der Grenze zu Liberia zu Aufklärungszwecken unterwegs. In seinen Vorträgen vor der Bevölkerung zog er zu diesem Zweck einen toten Flughund aus einem Sack und erklärte, dass man diese Tiere jetzt nicht mehr essen dürfe. Bei der Versorgungslage in vielen Teilen Guineas hätte er den Menschen auch gleich eine Hungerkur empfehlen können.

In Guinea wird die Lage insofern noch verschärft, als das Land das Zentrum der wachsenden Gold- und Bauxitminencamps ist. Die Camps fressen sich immer mehr in die Wälder und ziehen Arbeiter aus dem ganzen Land an. Ernährt werden sie in der Regel durch „bushmeat“. Zu diesem Zweck werden Lizenzen zum Erlegen von Wild an die internationalen Konsortien verkauft. Womit man in der Schilderung des Epidemiekreislaufs wieder wie oben beschrieben anfangen kann. Wer die Ebola-Epidemien nicht in immer kürzere Epidemiefolgen treiben will, wird um den Schutz der letzten Wälder nicht herumkommen.

Die Ärzte kämpfen in den derzeit mehr als 60 Brennpunkten der Krankheit zudem gegen eine alte Gewohnheit an. Es ist bei Beerdigungen in Westafrika üblich, die Verstorbenen sehr eng zu umarmen und ihnen dabei sehr nah zu kommen. Und da Ebola über sogenannte Schmierinfektion, also den direkten Kontakt von Körperflüssigkeiten, übertragen wird, kann dieses Ritual zu einem sicheren Übertragungsweg werden.

Paradoxerweise ist es aber gerade der Weg der Schmierinfektion, der eine epidemiologische Kontrolle der Ausbreitung des Virus erleichtern könnte. Weil es eben nicht ? wie bei den Grippeviren ? für eine Ansteckung genügt, dass ein Infizierter in nächster Nähe niest oder feucht ausatmet, ließe sich über gezielte Kontaktvermeidung und entsprechende Quarantänestationen zumindest die akute Epidemie eindämmen. Dies sind Maßnahmen, deren Voraussetzungen in allen entwickelten westlichen Ländern gegeben sind und, durch die Berichterstattung aus Afrika sensibilisiert, bestimmt sofort ergriffen werden würden, sollte in Europa oder den USA ein Ebola-Fall auftreten. Insofern bleibt die apokalyptische Vision der Epidemie auch in diesem Fall in Afrika. Denn dort werden die potenziell gefährlichen Kontakte zwischen Menschen und den tierischen Trägern des Virus mit Sicherheit nicht seltener.

Cord Riechelmann lebt als Publizist und Autor in Berlin. Sein Hauptinteresse gilt den Lebensbedingungen von Natur in der Kultur städtischer Lebensräume.


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