ZEITGENÖSSISCHE KUNST: Verloren in Raum und Zeit

In der Einzelausstellung „Les temps inachevés“ lädt der Kanadier Patrick Bernatchez den Besucher zu einer Zeitreise ein. Seine Werkschau weist meist still auf Vergänglichkeit hin und regt zur Reflexion über Raum und Zeit an.

Herzstück der Ausstellung und tückisch echt: Die „BW“* tickt zwar, aber ihr Zeiger umrundet das Ziffernblatt nur einmal in einem Jahrtausend.

Eine Uhr, die leise tickt, deren Zeiger jedoch tausend Jahre für einen Umlauf benötigt, ein Film mit einem Reiter in einer Schneelandschaft, dessen Pferd in Zeitlupe stürzt, ein schwarzer BMW in einer Garage, der sich langsam mit Wasser füllt – nur ein paar futuristische Impressionen aus Patrick Bernatchez‘ Werkschau. Die umfassende Einzelausstellung des Kanadiers, der sich seit Jahren mit Zeit, zyklischen Abläufen und dem Verhältnis zwischen Raum und Zeit beschäftigt, ist ambitioniert angelegt. In „Les temps inachevés“ benutzt Bernatchez eine bunte Vielfalt an Medien – wie Film, Skulptur, Zeichnung, (Klang-)installationen und Filme – und schafft damit Werke, die eine beständige Auseinandersetzung mit Raum, Existenz und Zeit darstellen und den Besucher zur Reflexion über unsere Wahrnehmung von Zeit einladen.

Sein jüngster Film „Lost in Time“, Bestandteil des Gesamtwerks „Lost in Time“ (2009-2014), beginnt mit einer rätselhaften Schneeszene. Man sieht ein Pferd und seinen Reiter – beide behelmt – sich langsam durch eine Schneelandschaft bewegen. Dann bricht das Pferd zusammen und der Reiter bleibt allein zurück; eine Sequenz später wird das Pferd in einem riesigen Eisblock wiedererwachen. – Eine Anspielung auf Erneuerung und Wiedergeburt.

Der interdisziplinär arbeitende Künstler setzt auf schräge Experimente und Teamwork mit Künstlern anderer Sparten. So ist der Soundtrack von „Lost in Time“ in Zusammenarbeit mit „Murcof“, dem Musikprojekt des mexikanischen Musikers Fernando Corona, entstanden, dessen Werke Bernatchez als Inspiration für sein Werk dienten. Für den Soundtrack taten sie sich zusammen und mischten die von einem Kinderchor gesungene Aria von Bachs Goldberg-Variationen mit einer Komposition von Murcof, die ebenfalls an den Goldberg-Variationen inspiriert ist. Überhaupt ziehen sich Referenzen auf Bachs berühmte Komposition wie ein roter Faden durch Bernatchez‘ Werkschau. In der Reihe „Goldberg Experienced“ (2010-2014) hat er etwa die Goldberg-Variationen mittels mehrerer Klangexperimente verfremdet und regelrecht seziert, indem er beispielsweise Glenn Goulds ikonische Aufnahme aufgreift und sie auf acht Plattenspielern gleichzeitig abspielt. Infolge der Eingriffe, die Bernatchez an den Schallplatten vorgenommen hat, spielen alle jeweils etwas anderes, wodurch ein neues schräges Werk entsteht, dass an Fluxus-Kompositionen erinnert. Am Ende sind die Schallplatten und Plattenteller die Interpreten dieser „neuen“ Variationen. Das Werk enthüllt mit der Zeit auch seinen „organischen“ Charakter: durch die fortschreitende Abnutzung der Platten löst es sich sukzessive mit diesen zusammen auf.

Hinweise auf Vergänglichkeit und (Quer-)Verweise auf Elemente seiner Werke ziehen sich ebenfalls durch die Ausstellung. So findet man in den Sälen, welche die Projektionen seines Films „Lost in Time“ umgeben, zahlreiche Elemente aus dem Film wieder: die Uhr „BW“, die der Reiter am Handgelenk trägt, oder Filmrequisiten wie den von dem Pferd getragenen Helm. Im Kontext der Ausstellung verweisen die Objekte auf die potenzielle Realität von „Lost in Time“, zeugen von der Existenz der Protagonisten und der Realität der räumlichen Zeit. In Glaskästen ausgestellt, wirken die Objekte mysteriös.

Seine Uhr macht schließlich unsere subjektive Empfindung von Zeit sichtbar und verweist auf ihr Verstreichen. Die „BW“ (2009-2011) sieht oberflächlich wie eine gewöhnliche Armbanduhr aus: ein stilisiertes Ziffernblatt, ein Lederarmband und das typische Ticken. – Nur die Zeit scheint nicht zu vergehen, denn die „BW“ zeigt nicht Minuten oder Stunden an, sondern Jahrtausende. So wird sie zum „memento mori“ und führt uns unsere eigene Sterblichkeit vor Augen.

Bernatchez‘ (Kunst-)Werke sind auf mehrere Jahre angelegt – seine Ausstellung will er als „Zwischenbilanz“ verstanden wissen, die eine stetige Weiterentwicklung der sich im Fluss befindenden Werke impliziert. So wird auch „Les temps inachevés“ in zwei Etappen gezeigt. In einer ersten zunächst im Casino Luxembourg; in einer zweiten im Museum für zeitgenössische Kunst in Montreal, wohin die Schau im Herbst 2015 umziehen wird. Bis dahin werden wieder neue Perspektiven auf die Werkschau entstanden sein. Denn Bernatchez‘ morbide, bisweilen sehr abstrakt und schwer zugänglich wirkenden Exponate entwickeln sich fortwährend weiter und verweisen so auf unsere eigene Endlichkeit.

Bis zum 4. Januar 2015 im Casino – Forum d’art contemporain.
* Copyright: Patrick Bernatchez, BW, de l’ensemble Lost in Time, 2009-2011. Montre-bracelet. En collaboration avec Roman Winiger, horloger.


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