BÜCHER: „Mein Kapital ist die Sprache“

Angelika Thomé führt die Tradition des Luxemburger Verlagspioniers Francis Van Maele fort. Nebenbei träumt sie von Japan und Buddhismus.

Überall zu Hause: Angelika Thomé liebt den Austausch der Kulturen.

Dienstag 9 Uhr nach Bettembourg, 16 Uhr Shrek II: Auf einer Schiefertafel im Hausflur hat Angelika Thomé mit weißer Kreide notiert, was sie und ihre Söhne in dieser Woche unternehmen. Eine perfekte Organisation ist für die zweifache Mutter und Verlagsleiterin von éditions phi vor allem in den Schulferien angesagt. Denn dann haben der sechsjährige Dario und der neunjährige Julian viel Zeit – Angelika Thomé leider nicht. Aber zum Glück sind
da ja noch die Schwiegereltern. Denn die AutorInnen und BuchhändlerInnen wollen auch über den Sommer betreut sein.

Dünne Rauchfäden ziehen durch den Raum. Blaue Gauloises liegen neben diversen Zeitungen und einer blauen Kaffeetasse auf dem Tisch. „So fängt mein Tag an“, erklärt die Verlagsleiterin. Gegessen werde später. Im Zweifelsfall erst mittags, wenn ihr Zeitplan es zulässt. „Oja. Ich habe einen Terminkalender. Ich bin sehr organisiert und versuche möglichst nichts umzustoßen“, sagt sie und drückt ihr Zigarette aus.

Vor zwei Jahren hat
Angelika Thomé die Leitung des Literaturverlags éditions phi von Francis Van Maele übernommen – und damit die meisten Arbeiten in dem kleinen, aber sehr bekannten Luxemburger Verlagshaus. „Ich bin in seine Fußstapfen getreten. Etwas Grundlegendes verändern wollte ich nicht“, sagt die gebürtige Saarburgerin.

Der Luxemburger Francis Van Maele war ein Pionier. Er hat éditions phi vor mehr als 20 Jahren gegründet und als Erster Bücher in Luxemburgisch verlegt. Angelika Thomé arbeitet auch heute noch mit dem Phi-Vater zusammen. Seine Markenzeichen waren die selbstentworfenen Illustrationen und das Cover. Und die tragen nach wie vor alle 15 bis 20 Phi-Neuerscheinungen im Jahr. „Ich schicke ihm alle nach Irland“, erklärt Thomé.

Einen ärmellosen Rollkragenpullover und eine Jeans trägt die gelernte Feuilletion-Journalistin – alles schwarz, sogar die Armbanduhr. Sie blickt auf den Tisch, ohne ihn wirklich anzuschauen. „Francis hat mir am Anfang viel geholfen. Die Zusammenarbeit mit den Buchhändlern, das Schreiben von Verträgen. Damit kannte ich mich nicht aus.“ Ganz ehrlich, ohne ihre Qualifikationen in den Vordergrund zu spielen, erzählt Angelika Thomé von ihrem Start im Luxemburger Verlagshaus. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun. „Den vermisse ich schon“, sagt sie. Ihr Stimme klingt traurig.

Heute ist ihr Steckenpferd das Lektorat. „Ich kannte bereits viele Autoren bevor ich die Stelle angenommen habe“, erzählt die Verlagsdirektorin. Sie fühlte sich vom ersten Tag an akzeptiert. Das ist auch für éditions phi sehr wichtig. Denn die AutorInnen stehen nicht unter Vertrag und Auftragsarbeiten gibt es nicht. „Wir reden sehr viel über das Manuskript. Manchmal muss das Ende oder der Anfang geändert werden.“

Angelika Thomé sitzt am Wohnzimmertisch. Neben ihr im Regal reihen sich Bücher bis unter die Decke, dazwischen steht eine Karte vom Maler Roland Schauls und ein altes, abgegriffenes Stofftier – eine Schildkröte.

„Mein einziges Kapital ist die Sprache“, sagt die 43-Jährige. Und die ist es auch, die sie seit ihrem Abitur begleitet: Germanistikstudium in Trier, Volontariat im Feuilleton vom Trierer Volksfreund, Arbeit als freie Journalistin in Luxemburg bei Tageblatt, Tabou und dem soziokulturellen Radio. Vor sieben Jahren organisierte Angelika Thomé erstmals die Mondorfer Literaturtage mit, heute steht sie auf Messen und vertreibt Bücher der éditions phi. „Und ich spreche jetzt Lëtzebuergesch“, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an.

Thomé arbeitet bereits seit 14 Jahren im Großherzogtum und ist seit zwölf Jahren mit einem Luxemburger Fotografen verheiratet – vor der Sprache hat sie sich jedoch lange gedrückt: „Meine Söhne lernen Lëtzebuergesch in der Schule. Wenn ich mit ihnen so rede, lachen sie mich aus.“

Die Sprache hat bei éditions phi nach wie vor einen hohen Stellenwert. Bestseller ist der Kleine Prinz auf Luxemburgisch. Von den rund 270 Phi-Büchern sind knapp ein Drittel in der Landessprache und die meisten Werke sind von LuxemburgerInnen. Nur die traditionelle Gedichtreihe „Graphiti“ ist internationaler ausgerichtet. Angelika Thomé will ihr in Deutschland ein ähnliches Renomée wie in Frankreich verschaffen. Ihre neueste Errungenschaft auf Luxemburgisch ist eine Serie mit einem wissenschaftlichen Ansatz – keine Literatur: Scientiphic. Der erste Band drehe sich um Jugendliche und Kinder in Luxemburg, die auf der Straße leben.

Die Verlagsleiterin weiß sehr viel über das Land – nicht zuletzt, weil sie bereits Anfang der 90er Jahre Reiseführer über Luxemburg geschrieben hat. Fasziniert haben sie vor allem die Historie und Volksbräuche. „Mit meinem Mann und den Kindern gehe ich gerne zum Burgbrennen, dem Abschied vom Winter“, erzählt sie. Dennoch fühlt sie noch immer wie Martin Walser: „Er als Deutscher, vor allem im Ausland, hat immer daran zu denken, dass er zuerst ein Deutscher ist“.

Oktober 1989: Angelika Thomé steht in Tokio am Bahnhof und versucht sich an die japanischen Schriftzeichen zu erinnern, die ihr Reiseziel benennen. Schließlich fragt sie einen Passanten um Hilfe. Sie erzählt ihm, dass sie aus Deutschland komme. Der Japaner – für die sehr korrekten Asiaten völlig untpyisch – fällt ihr plötzlich um den Hals. „The Wall broke down“, ruft er. Sie ist gerührt von der Anteilnahme des Fremden. Ein Jahr später kehrt die Germanistin nach Deutschland zurück – und erfährt einen Kulturschock. Am Tag der Wiedervereinigung ziehen die Menschen durch die Straßen und schwenken die Deutschlandfahne. Vielleicht Ironie des Schicksals: Denn als sie ein Jahr zuvor nach Tokio aufbrach, ließ man sie an einem Seminar gegen den Kulturschock teilnehmen.

Angelika Thomés dunkle Augen sind ganz ruhig, ihre Wangen rot. „Japan fasziniert mich. Dort ist alles noch einen Touch extremer als in Europa.“ Dabei denkt sie vor allem an die japanische Mentalität und an das was sich hinter der Fassade verbirgt. Die extreme Konformität der Japaner endet manchmal in Brutalität. Angelika Thomé faltet ihre Hände.

Auf einem kleinen Ecktisch neben ihr steht eine tellerhohe Buddha-Statue aus Holz. Die Vielbeschäftigte interessiert sich für Zen-Buddhismus, ihre Kinder hat sie aber christlich getauft: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich mir wünschen, eine gute Buddhistin zu werden.“

Noch heute liest sie viel über Asien – zur Zeit einen Roman über den Neffen von Virginia Woolf „Die chinesische Geliebte“. Andere Hobbys sind ihr Garten und Kochen – natürlich asiatisch oder auch luxemburgisch. „Wenn ich abends nach Hause komme und Gemüse eine halbe Stunde lang in kleine Stücke schneide, kann ich mich super erholen“, erzählt sie und lacht. Und der sechsjährige Dario freut sich, wenn die Mutter ihm abends am Bett noch etwas vorliest:

„otto: komm mops komm / ottos mops kommt / ottos mops kotzt / otto: ogottogott“.


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