LIFECAMP: Campen an der Basis

Seit dem 10. August läuft das Action Camp in Esch. Hier proben junge Menschen aus aller Herren Länder das autonome Leben.

Unter der Kunstbank das Küchenzelt: Besetzerszene anno 2006. (Foto: Plattform Life)

Wer sich dem Action-Camp nähert, muss zuerst einmal am regulären Campingplatz mit den Niederländern und den Wildtiergehegen vorbei. Hier leben sowohl Menschen als auch Tiere hinter Stacheldraht. Bei den einen dient es der eigenen Sicherheit, die anderen werden am Weglaufen gehindert. Etwas weiter links, auf dem Fussballfeld, steht eine Zeltstadt, ganz ohne Draht rundherum. Der Besucher versteht nun, wo die Djembe-Klänge herkommen.

Auf dem Feld liegen ein paar Leute rum, die Sonne scheint ausnahmsweise mal wieder, die Nächte müssen trotzdem kalt und feucht sein. Aber für Menschen die die Welt verändern wollen, sind dies verhältnismäßig kleine Opfer. Der herbeigeeilte Pressedelegierte, Joel Adami, mit Rasta und Bandana in den Haaren, erklärt den Tagesablauf: „Wir hoffen, dass die Leute früh genug aufstehen, dann gibts Frühstück und das Plenum in dem alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Den Tag über kann dann jeder an verschiedenen Workshops teilnehmen. Und abends wird gefeiert.“ Der gut organisierte Tagesablauf hat schon etwas pfadfinderhaftes an sich. Nur, dass hier niemand in Uniform herumläuft und weder gebetet, noch zum Morgenappell gerufen wird. Den Organisatoren geht es darum, in einer Art Live-Experiment zu beweisen, dass eine andere Gesellschaftsform als die des Kapitalismus möglich und auch angenehmer zu leben ist.

„Unser Ziel ist es, eine basisdemokratische Struktur aufzubauen, in der jeder sich wiederfinden kann“, so Adami. Jeder, das sind Menschen aus sechs verschiedenen Ländern, die hier auf dem Galgenberg zusammengefunden haben. Sie kommen aus Tschechien, Polen, England, Belgien, Deutschland und Luxemburg. Meist sind es ähnlich organisierte Plattformen, mit denen die luxemburgische Life-Plattform schon länger in Kontakt ist. Wie in jedem anderen Camp werden hauptsächlich Wissen und Erfahrungen vermittelt und ausgetauscht. Die Workshops decken eine große Bandbreite an Themenbereichen ab. Von Theorie, über direkte Aktionen, über praktische Zirkuskurse bis hin zum Naturofen bauen – alles was das autonome Herz begehrt.

Ohne Uniformen

Trotzdem, von nichts kommt nichts und auch die selbstorganisierten Menschen brauchen offizielle Unterstützung. Niemand kann sich vorstellen das zum Campen benutzte Fußballfeld einfach so zu besetzen. Das hätte neben einem Großeinsatz der Polizei auch andere negative Folgen für die Zukunft der Life-Plattform. „Deshalb sind wir froh darüber, dass die Stadt Esch uns dieses Terrain zur Verfügung stellt“, erklärt Adami. Nebenbei stellt die Gemeinde auch noch die Bühne für das Abschlusskonzert am Freitag. Weitere Kosten werden über europäische Programme zur interkulturellen Verständigung übernommen. „Nur die Luxemburger, die zahlen noch was drauf“, lacht er.

Das autonome Leben an sich hält an wenigen gemeinsamen Prinzipien fest, die jedem den nötigen Freiraum verschaffen. Natürlich ist das Essen vegan. „Aber nur das Essen, das für die Gemeinschaft bestimmt ist. Wer will, kann auch Käse oder Fleisch essen“, erzählt Adami. Die Gerüchteküche sagt auch, dass einige Campteilnehmer schon den Weg in den nächsten Kebab-Laden gefunden hätten. Aber wie bereits bemerkt wurde deshalb noch niemand ausgeschlossen.

Was fast religiös anmutet, geht im Life-Camp in einer Art friedlichen Anarchie auf. Die Teilnehmer bewegen sich frei und die Workshops sind offen für jeden. Begriffe wie Listen oder Termindruck scheinen hier nicht bekannt zu sein. Wenn ein Animateur zu seinem Workshop aufruft, so trommelt er sein Publikum vom zentralen Platz aus herbei. Der Zirkusworkshop findet auch dort statt. Die kleine Gruppe die gerade begonnen hat, schaut sonnengeblendet einem der beiden Animateure zu der sich auf seine Stelzen schwingt, während sein Partner gerade mit dem Jonglieren angefangen hat. Die Djembe-Spieler sitzen in einem Zelt. Aber es müssen schätzungsweise mehr als zehn sein. So hört es sich jedenfalls an. „Einige unserer Angebote sind spezifisch an Uhrzeiten gebunden. Andere laufen den ganzen Tag über“, präzisiert Adami. Wie der Fahradworkshop, der unter einer Plane in der Mitte des Platzes untergebracht ist. Hier entsteht gerade ein Dreisitzer und auch andere außergewöhnliche Do-it-yourself Werke warten darauf, fertiggestellt zu werden.

Alles in allem eine tolle Initiative. Trotzdem kommt man nicht daran vorbei sich die radikalen Wurzeln der Reclaim-the-streets- oder anderer Besetzer-Bewegungen in Gedanken zu rufen. Hier wird nicht besetzt. Es ist auch kein politischer Gegengipfel, wie er letztes Jahr an der gleichen Stelle von der Rise-Plattform organisiert worden war. Die Menschen hier zelebrieren ihr Anderssein in aller Ruhe. Kein Blickkontakt zwischen ihnen und den etwas verdutzt dreinblickenden Bürgern die beim Gassigehen auf einmal mitten auf dem Zeltplatz landen. Keine Provokation, außer einem Reclaim-the-Streets-Banner das über eine überdimensionierte Parkbank gespannt ist, unter der das Küchenzelt untergebracht ist. Die Bank ist übrigens ein Kunst-in-der-Natur-Projekt der Stadt Esch. „Nur der Haken an dem wir die Töpfe aufhängen ist unserer“, betont der Pressemann „aber den werden wir wahrscheinlich dran lassen, wenn es niemanden stört“.

Fragt sich nur noch warum niemand daran gedacht hat, wenigstens die Tiere zu befreien.


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