LUXEMBURG 2007: Erleben statt Erziehen

Eine bisher wenig bekannte Komponente des Kulturjahres 2007 ist das Kinder- und Jugendprogramm, obwohl es neben der Großregion zu den Prioritäten gehört. Was es damit auf sich hat, erklärt Laura Graser, die Verantwortliche des Programms.

Alles für die Jugend: Laura Graser in der (fast) fertiggestellten Rotonde. (Foto: woxx)

woxx: Warum braucht das Kulturjahr ein Jugendprogramm?

Laura Graser: Ich würde nicht behaupten, dass es sich um ein getrenntes Programm handelt. Es ist eher so, dass das Kinder- und Jugendprogramm einer der Schwerpunkte des Kulturjahres ist. Das heißt, neben der grenzüberschreitenden Arbeit, die von Anfang an eine der Prioritäten des Kulturjahres war, liegt der Akzent auf der Jugendarbeit. Wir stellen ein extra Programm für die Jüngeren zur Verfügung, weil es wichtig ist, für dieses Publikum und dessen Umgebung – also Eltern und Bildungseinrichtungen – eine spezifische Kommunikation einzurichten. Damit sie sich schneller wiederfinden und nicht jedes Event auf seine Kindertauglichkeit testen müssen. Es ist auch so, dass es sich bei Kindern und Jugendlichen um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Eine Primärschulklasse erfordert andere Programme und Kommunikation, als zum Beispiel die Gruppe der 14 bis 19-Jährigen.

Werden die jugendbezogenen Events ähnlich zentralisiert stattfinden, wie die „normalen“ Spektakel?

Da wir kein Kinder- oder Jugendtheater in Luxemburg haben, werden die meisten Sachen in der „Rotonde 2“ stattfinden. Was an sich schon ein Novum ist, da wir bisher noch nicht über einen solchen Ort verfügten. Es geht uns darum, einen spezifischen Platz zur Verfügung zu stellen, der Raum für eine Identifikation bietet.

Gab es 1995 ähnliches in Luxemburg?

1995 gab es auch ein Kinderprogramm, aber es war nicht von vorneherein als Priorität geplant. 2007 ist unsere Herangehensweise eine komplett andere. Indem wir den Kindern und Jugendlichen einen eigenen Raum bieten, setzen wir auch andere Akzente.

Kann man das Kinder- und Jugendprogramm als Kultur „light“ verstehen?

Es geht uns nicht darum, leichtes Entertainment zu bieten. Das Programm besteht einerseits aus partizipativen Projekten, die direkt an das Publikum appellieren. Andererseits sind es auf Kinder spezialisierte Gruppen, die hier ihre Spektakel veranstalten. Die Herausforderung bei den partizipativen Projekten ist, dass es hauptsächlich darum geht, mit interessanten Leuten zusammenzuarbeiten, die den Jugendlichen die Kultur näher bringen können.

Hinter dem Partizipativen versteckt sich also auch eine Bildungsmaßnahme.

Wir gehen davon aus, dass jeder Zuschauer, der sich ein Stück ansehen kommt, auch etwas von sich mitbringt. Es gibt immer eine Interaktivität zwischen dem Künstler auf der Bühne und dem Zuschauer. Die spezifischen Mitmach-Projekten, die wir anbieten, haben aber noch eine andere Besonderheit. Zum Beispiel unser Projekt, das wir in Zusammenarbeit mit dem Théâtre National du Luxembourg (TNL) machen: Bei „Maach Theater“ werden sämtliche Berufe, die mit einer Theaterproduktion – vom Lichttechniker über den Schauspieler bis hin zum Regisseur – zu tun haben, vorgestellt. Und dabei geht es nicht nur um das rein Bildungsbezogene, sondern darum, dass durch das Mitmachen überhaupt Lust am Wissen entstehen soll.

Es geht also erst einmal um das Erleben, nicht um das Erziehen.

Bei „Musical Fusion“, einem anderen Projekt, das wir mit der Union Grand Duc Adolpe (Ugda) aufziehen, werden die Jugendlichen über ein Casting rekrutiert. Und für die Primärschüler haben wir ein einmonatiges Projekt, das sich „ABC-Art Basics For Children“ nennt. Das ist ein Entdeckungsstudio, in dem Kinder ab vier Jahren Kunst in allen Formen entdecken können. Auch das Abschlussprojekt der „Rotonde 2“, „Royston Maldoom“, eine Kreation, die auf Tanz beruht, hat viele Dimensionen. Hier können 120 Freiwillige sich während zwei Monaten von einem Choreografen, der auf Community Dance – also Tanzprojekte mit Leuten ohne Erfahrung – spezialisiert ist, das Tanzen beibringen lassen. Für das Schlussspektakel wird dann das Orchestre Philharmonique in der Rotunde mit den Jugendlichen auftreten. Das wird für die meisten eine einmalige Erfahrung werden.

Wird die Teilnahme an diesen Projekten auch etwas kosten?

Nein, das meiste wird die TeilnehmerInnen nur Zeit kosten.

Was bietet das Jugendprogramm für diejenigen, die nicht selbst auf der Bühne stehen wollen oder können?

Über die partizipativen Projekte hinaus haben wir auch eine große Auswahl an professionellen Produktionen. Wie unser Festival der Bühnenkunst für junges Publikum, das sich „Traffo“ nennt. 31 Truppen aus acht verschiedenen Ländern werden eine bunte Mischung aus Theater und Tanz speziell für das jüngere Publikum bieten.

Also Entertainment für Kids?

Nein, der Qualitätsanspruch für unsere Publikumssparte ist genau so hoch wie der für die Erwachsenenspektakel. Es geht darum, einen interessanten Zugang zur Kultur zu schaffen, ohne dass es sich dabei um einfacher gestrickte Produktionen handelt. Selbstverständlich ist der Anspruch an die „Mitmach-Projekte“ ein ganz anderer als der an die professionellen Produktionen. Bei letzteren geht es um das sichtbare Resultat, während bei den partizipativen eher der Prozess selbst im Mittelpunkt steht. Hier sollen die Jugendlichen merken was es heißt, in ein Projekt eingebunden zu sein. Sie sollen dort auch Verantwortung übernehmen und sich kritisch damit auseinandersetzen.

Inwiefern werden noch andere Institutionen aus der Großregion mit eingebunden?*-+f*

Das „Rotonde 2“-Programm kombiniert Projekte, die wir selbst veranstalten und andere, die von auswärtigen Trägern geleitet werden, die wir aber begleiten. Dazu zählen auch einige Projekte mit Partnern aus der Großregion. Schließlich gibt es auch noch eine Kooperation Institutionen wie zum Beispiel Jugendhäusern.

Wird auch die Partnerstadt Sibiu in Rumänien miteinbezogen?

Verschiedene Projekte binden Jugendliche aus Sibiu ein. Diese kommen nach Luxemburg, um beispielsweise an einem Peer-Training und an einem Theaterstück teilzunehmen. Das Erziehungsministerium organisiert auch ein transnationales Theaterfestival.

Peer-Training klingt auch nach Sozialarbeit. Haben diese Projekte auch einen sozialen Zweck?

Wenn man will, ja. Zumal bei den partizipativen Projekten darauf geachtet wird, dass Jugendliche und Kinder aus verschiedenen sozialen Milieus aufeinandertreffen. Bei vielen Projekten ist das Theater auch eher ein Mittel zum Zweck. Der Austausch zwischen verschiedenen Milieus und Horizonten ist sicher eine wichtige Komponente unserer Arbeit.

Jugendliche sind keine großen Broschürenleser. Braucht ein junges Publikum auch eine andere Art der Ansprache?

Es gibt eine spezielle Broschüre für das Erziehungspersonal, die bereits letzten Monat erschienen ist. Wir sind gerade dabei, auch selbst in die Schulen zu gehen, um den Lehren und Schülern Rede und Antwort zu unseren Projekten zu geben. Und ab Dezember haben wir Stände an den Schulen, an denen sich jeder informieren kann. Dazu kommt, dass im Laufe des Jahres 2007 das Centre Information Jeunes (CIJ) Jugendliche rekrutieren wird, um Flyer und Informationsmaterial an den Schulen und auf den Straßen zu verteilen.


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