Die Wandlung der Guerilla Farc in eine politische Partei fĂŒhrt nicht zur StĂ€rkung der kolumbianischen Linken. Statt dessen nehmen die Streitigkeit auch innerhalb der verschiedenen Spektren zu.
TimoleĂłn JimĂ©nez ist Geschichte. Der ehemalige Oberkommandierende der Ă€ltesten und gröĂten noch aktiven Guerilla Lateinamerikas tritt nun immer hĂ€ufiger unter seinem zivilen Namen Rodrigo Londoño auf. Denn das Friedensabkommen zwischen den Farc und der kolumbianischen Regierung (woxx 1391) ist unterzeichnet, der Kongress muss in den kommenden Wochen die vertraglichen Vereinbarungen in Form von Gesetzen und VerfassungsĂ€nderungen ratifizieren.
In diesen Tagen beginnt die auf sechs Monate angelegte Demobilisierung der etwa 6.600 KĂ€mpfer und einer noch nicht bekannten Zahl an MilizionĂ€ren. Parallel dazu werden die Farc allmĂ€hlich politisch institutionalisiert. Von Aufbruchsstimmung in der Linken ist jedoch nichts zu spĂŒren, auch wenn die Existenz der Guerilla lange als Grund fĂŒr die SchwĂ€che dieser Linken galt, weil sie insgesamt unter der Repression und Stigmatisierung litt. Vielmehr sorgt die Umwandlung der Guerilla in eine legale politische Kraft fĂŒr heftige Auseinandersetzungen, an denen die bislang einzige linke Partei im Parlament, der âPolo Democraticoâ (PD), wieder einmal zu zerbrechen droht. Die Sammelpartei besteht aus ehemaligen Maoisten, Sozialdemokraten, Kommunisten und vielen anderen Fraktionen. Sie hĂ€lt insgesamt acht Kongresssitze.
Anlass fĂŒr die Konflikte war der in Hemd und Sakko gekleidete Rodrigo Londoño, der Anfang Dezember in seiner Rede anlĂ€sslich der Unterzeichnung des ĂŒber vier Jahre in Havanna ausgehandelten Friedensvertrages fĂŒr die nĂ€chste Legislaturperiode von 2018 bis 2022 eine Ăbergangsregierung vorschlug. Diese solle âaus allen politischen KrĂ€ften und gesellschaftlichen Gruppen bestehen, deren grundlegendes Ziel die vollstĂ€ndige ErfĂŒllung der Vereinbarung von Havanna istâ.
Bei den GesprĂ€chen hatten sich die Farc mit der Regierung unter anderem auf eine Agrarreform zur StĂ€rkung von Kleinbauern und auf eine Verbesserung der politischen Teilhabe verstĂ€ndigt. Zugleich wurden den Farc fĂŒr die kommenden zwei Legislaturperioden acht Kongresssitze zugesprochen, fĂŒr die sie sich nicht zur Wahl stellen mĂŒssen.
Das von zahlreichen Fraktionen der parlamentarischen wie der auĂerparlamentarischen Linken kritisierte wirtschaftsliberale Wirtschaftsmodell der aktuellen Regierung, das auf Ausbeutung von Rohstoffen und StĂ€rkung der Agrarindustrie basiert, war bei den Verhandlungen kein Thema. Gleichwohl sehen die Farc auch ReprĂ€sentanten dieser Regierung mit ein, deren Vorsitzender und StaatsprĂ€sident Juan Manuel Santos 2018 abdankt. Geteilt wird die Sicht der Farc auch von mehreren Mitgliedern des PD, darunter dessen ehemalige Parteivorsitzende Clara LĂłpez, die von Santos zur Arbeitsministerin berufen worden war. Ebenfalls mit im Bunde ist der bekannte Senatsabgeordnete IvĂĄn Cepeda.
Den Farc wurden fĂŒr die kommenden zwei Legislaturperioden acht Kongresssitze zugesprochen, fĂŒr die sie sich nicht zur Wahl stellen mĂŒssen.
Doch auch die Dachorganisation fĂŒr soziale Bewegungen, âMarcha PatriĂłticaâ, die der Guerilla nahesteht, konnte sich fĂŒr den Plan einer Einheitsregierung erwĂ€rmen, ebenso wie die Kommunistische Partei. Vertreter der âMarcha PatriĂłticaâ, in der Menschenrechtler, Basisgewerkschafter, Studierende und vor allem KleinbauernverbĂ€nde organisiert sind, machen keinen Hehl daraus, dass ihre Organisation langfristig als politische Partei in die Institutionen strebt.
âWir sollten uns nicht tĂ€uschenâ, sagt IvĂĄn Cepeda. Er betont im GesprĂ€ch mit der woxx die historische Bedeutung des Erreichten. âBeide Seiten haben die Quadratur des Kreises geschafft.â Mit Blick auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen VerĂ€nderungen im Land stehe man in der Phase, die nun auf den Konflikt folgt, nicht im grundsĂ€tzlichen Widerspruch zu den von Santos vertretenen Teilen der Gesellschaft, die den Friedenskurs mitgetragen hĂ€tten. Der politische Gegner sei vielmehr die vom ehemaligen PrĂ€sidenten Ălvaro Uribe vertretene extreme Rechte, die an ihrer oft nur regionalen Macht festhĂ€lt und sich den in Havanna beschlossenen Reformen widersetzt. Dass sie dabei auch vor Allianzen mit paramilitĂ€rischen Gruppen nicht zurĂŒckschreckt, ist in Kolumbien hinlĂ€nglich bekannt. Die Zahl der Attentate auf Linke und Menschenrechtler ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen.
Doch lĂ€ngst nicht alle Mitglieder des PD sind von einer Einheitsregierung unter Beteiligung der aktuellen Regierung begeistert. Jorge Robledo, der populĂ€rste Senatsabgeordnete der Partei, ist ein scharfer Kritiker der Regierung Santos, von der er sich auf keinen Fall vereinnahmen lassen will. âDas Programm dieser Ăbergangsregierung wird genauso neoliberal geprĂ€gt sein, plus die Vereinbarungen von Havanna, die wir als MaĂnahme unterstĂŒtzen, den bewaffneten Kampf zu ĂŒberwinden, die aber nicht die ĂŒbrigen Probleme der Kolumbianer lösenâ, sagte er der Tageszeitung âEl Tiempoâ.
Robledo ist in der Linken fĂŒr seine Prinzipientreue bekannt, wegen seines Einsatzes fĂŒr nationale Wirtschaftsinteressen â der Arbeitnehmer ebenso wie der Unternehmer â aber auch umstritten. Nicht selten ist Robledo mit der Rechten um Uribe einer Meinung, die zum Teil die Interessen der traditionellen regionalen Unternehmer wie der ViehzĂŒchter und Zuckerindustriellen vertritt. Bei der Beteiligung an einer Ăbergangsregierung, so heiĂt es aus dem Umfeld Robledos, wĂŒrde man der Rechten dieses Feld ĂŒberlassen und in dem vermeintlichem Hauptwiderspruch zwischen Freunden und Gegnern des Friedens an politischem Profil verlieren.
Mit der Berufung von LĂłpez ins Arbeitsministerium hat Santos den Zwist in der Partei noch weiter befördert. Ihr Amt durfte LĂłpez ausdrĂŒcklich nicht im Namen ihrer Partei antreten. Vorige Woche musste sie dann per Dekret den Mindestlohn fĂŒr das kommende Jahr festlegen, nachdem sich Gewerkschaften und UnternehmerverbĂ€nde nicht hatten einigen können. Die Steigerung um sieben Prozent lag nur geringfĂŒgig ĂŒber dem Angebot der Arbeitgeber und nur 1,5 Prozent ĂŒber der Inflationsrate. Arbeitnehmervertreter und Parteigenossen zĂŒrnten.
Hinzu kommt fĂŒr Skeptiker einer Ăbergangsregierung, dass in einem BĂŒndnis mit den Farc viel von deren schlechtem Image auf die Linke abfĂ€rben könnte. Zwar konnte die Guerilla ihr Ansehen in der Bevölkerung Umfragen zufolge dank einer Imagekampagne und des erfolgreichen Abschlusses der Friedensverhandlungen etwas verbessern. Dennoch ist es gerade die von der kolumbianischen Linken lange Zeit vernachlĂ€ssigte stĂ€dtische Arbeiterklasse, die nichts mit der sich nun demobilisierenden Guerilla anfangen kann. Dazu haben die Farc mit EntfĂŒhrungen, Bombenattentaten und ihrer Beteiligung am Drogenhandel ebenso beigetragen wie ihre politischen Gegner und die Medien, die dem bewaffneten Kampf der Guerilla ĂŒber Jahrzehnte die Berechtigung absprachen. Gemeinsam hat die gesamte kolumbianische Linke nur eines: Die Abschaffung des Kapitalismus ist nicht Teil ihres politischen Programms.

