Verbrecher Verlag: Das Opfer – eine umstrittene Figur

von | 14.11.2025

In „Position und Stimme des Opfers“ zeigen die Herausgeber*innen Deborah Fallis, Saskia Fischer und Matthias N. Lorenz literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf eine zentrale und zugleich umstrittene Figur: das Opfer. Die Beiträge des Sammelbands gehen dabei den Fragen nach, warum wir uns Opfergeschichten erzählen und welche Funktion sie im 20. und 21. Jahrhundert erfüllen. Dabei wird sowohl das Potenzial von Opfernarrativen für Sichtbarkeit und Empowerment als auch ihre Ambivalenz, Vereinnahmung und die Gefahr der instrumentellen Verwendung beleuchtet.

 

Saskia Fischer und Matthias N. Lorenz

(© Verbrecher Verlag)

Imaginationen und Figurationen des Opfers

Überlegungen zu einer kontroversen kulturellen Deutungsfigur

Als Schimpfwort, Aneignung, Zuschreibung, vermeintliche Anmaßung oder Auslöser einer Distanzierung – der Begriff des Opfers führt mitten hinein in Debatten um Identität und Diversität, um Fragen der Anerkennung und Ausgrenzung sowie Versöhnung und Schuld, die immer wieder hoch kontrovers diskutiert werden. Die Beschreibung, jemand sei ein Opfer, kann sowohl negative als auch positive Konnotationen mit sich bringen. Wer als Opfer bezeichnet wird, gilt als geschädigt: Das Opfer ist individuell unverschuldet einem Konflikt oder Gewaltakt ausgeliefert. Die konstitutive Schädigung des Opfers geht mit einer Beschädigung der Souveränität der Betroffenen einher: Der Opferstatus impliziert so nicht nur Unschuld, sondern wird in der Regel auch mit Passivität und Wehrlosigkeit verbunden. Zugleich wird der Opferrolle unterstellt, eine besonders attraktive Diskursposition zu eröffnen, die gerade deshalb mitunter vehement abgewehrt wird. Viele kulturelle, gesellschaftliche und politische Kontroversen sind von der Frage nach dem Opferstatus und danach, ob dieser Status als Fremd- oder Selbstzuschreibung überhaupt legitim oder angemessen sei, grundiert.

Das Opfer ist auch als kulturelle Imagination eine umkämpfte Deutungsfigur. Die künstlerischen und kulturellen Vorstellungen vom Opfer bringen vielfach auch eine Interpretation von Unrecht, Gewalt und Unterdrückung hervor, die Fragen der Gerechtigkeit und Wiedergutmachung aus der Perspektive vermeintlich machtloser Betroffenheit adressieren. Zugleich ist gerade die Literatur ein Medium, wo die mit dem Opfer verbundenen etablierten stereotypen Zuschreibungen und tradierten Narrative nicht nur weitergegeben, sondern unterwandert, ja in ihr Gegenteil gewendet werden. Die leitende, übergreifende Frage dieses Bandes ist, welche kulturelle Funktion Opfernarrative im 20. und 21. Jahrhundert erfüllen, oder anders gefragt: warum genau wir uns Opfergeschichten erzählen.

Forschungsperspektiven

Die Mehrdeutigkeit und Ambivalenz des Opferbegriffs hängt auch damit zusammen, dass der Terminus im Deutschen unterschiedliche Bedeutungen umgreift, für die in anderen Sprachen jeweils eigene Begriffe verwendet werden.1 Vor allem aber angesichts seiner ideologischen Instrumentalisierung durch die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts wird der Opfergedanke im Sinne einer religiös aufgeladenen oder sakralen Handlung bis heute meist pejorativ verwendet. Das (Selbst-)Opfer für den eigenen Glauben oder eine Überzeugung scheint grundlegend einer aufgeklärten, demokratischen und auf die Rechte jedes Einzelnen achtenden Gesellschaft zu widersprechen. Hinter sich gelassen hat die Moderne solche Phänomene jedoch nicht. Als dargebotene ›Opfergabe‹ (sacrificium) umfasst der Begriff in diesem Zusammenhang auch säkularisierte Vorstellungen des Märtyrers, etwa der politischen Widerstandskämpferin oder des im Krieg gefallenen Soldaten – und wird damit paradoxerweise auch von den Angehörigen eines Täterkollektivs vereinnahmbar.2 Im Zuge einer verstärkten Aufmerksamkeit für das moderne Verhältnis von Literatur und Religion in den letzten Jahrzehnten wurden religiöse Opfer oder kulturelle Praktiken, die solchen Vorstellungen nahestehen, auch in den Philologien breit untersucht.3 Besonders die Forschung zur Tragödie hat gezeigt, wie sehr diese als dramatische Gattung und auch als komplexes Kunstwerk strukturell grundlegend mit einem Opferritual vergleichbar ist.4

1 Dem Deutschen vergleichbar wird auch im Norwegischen und Dänischen nicht zwischen Opfer als Betroffene*r von Gewalt und Opfer als religiöser oder ritueller Handlung bzw. Opfergabe unterschieden. Klare Unterscheidungen finden sich dagegen im Englischen (victim, sacrifice) und in den romanischen Sprachen: Französisch (la victime, le sacrifié/le sacrifice), Spanisch (la víctima, el sacrificio), Italienisch (la vittima, il sacrificio), Portugiesisch (a vítima, o sacrifício), während im Niederländischen, Schwedischen und Polnischen zwar eine sprachliche Unterscheidung vorgenommen wird, der Begriff für das Opfer im Sinne eines Geschädigten – dem Deutschen ähnlich – einen klaren Bezug zum rituellen Ursprung der Wortbedeutung »Opfer« als sacrificium weiterhin anzeigt; Niederländisch: slachtoffer, Schwedisch: offer, Polnisch: ofiara. 2 Eva Binder etwa verweist auf den englischen Begriff sacrifice, der in diesem Zusammenhang im englischen Sprachraum auch für den Tod eines Soldaten benutzt wird. Vgl. Eva Binder u. a.: Einleitung. In: dies. u. a. (Hrsg.): Opfernarrative in transnationalen Kontexten. Berlin u. Boston: de Gruyter 2020, S. 1–18, hier S. 1. Vgl. weiter dazu die weitreichende Forschung zum Opfertod im Krieg und zur Interpretation des Nationalsozialismus als politische Religion; genannt seien hier beispielhaft: Klaus Vondungs: Deutsche Wege zur Erlösung. Formen des Religiösen im Nationalsozialismus. München: Wilhelm Fink 2013; Yvonne Karow: Deutsches Opfer. Kultische Selbstauslöschung auf den Reichsparteitagen der NSDAP. Berlin: de Gruyter 1997; Jan Assmann u. Harald Strohm (Hrsg.): Herrscherkult und Heilserwartung. München: Wilhelm Fink 2010 (= Lindauer Symposien für Religionsforschung 2); Sabine Behrenbeck: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945. Vierow bei Greifswald: SH-Verlag 1996 (= Kölner Beiträge zur Nationsforschung 2). 3 Zur besonderen Bedeutung des Opfers noch in der modernen Literatur vgl. u. a. Katja Malsch: Literatur und Selbstopfer. Historisch-systematische Studie zu Gryphius, Lessing, Gotthelf, Storm, Kaiser und Schnitzler. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007; Anton Bierl, Alexander Honold u. Valentina Luppi (Hrsg.): Ästhetik des Opfers. Zeichen/Handlungen in Ritual und Spiel. Paderborn: Wilhelm Fink 2012; Kai Sina: Sühnewerk und Opferleben. Kunstreligion bei Walter Kempowski. Göttingen: Wallstein 2012; Wolfgang Braungart u. Anton Bierl (Hrsg.): Gewalt und Opfer: im Dialog mit Walter Burkert. Berlin: de Gruyter 2010. 4 Vgl. u. a. die Forschungen von Walter Burkert: Griechische Tragödie und Opferritual. In: ders.: Wilder Ursprung. Opferritual und Mythos bei den Griechen. Berlin: Wagenbach 1990, S. 13–39; René Girard: La Violence et le Sacré. Paris: Editions Bernard Grasset 1972; Wolfgang Braungart: Mythos und Ritual, Leiden und Opfer. Ein strukturgeschichtlicher Versuch zur Tragödie. In: Anton Bierl, Rebecca Lämmle u. Katharina Wesselmann (Hrsg.): Literatur und Religion 2. Wege zu einer mythisch-rituellen Poetik bei den Griechen. Berlin u. New York: de Gruyter 2007 (= MythosEikonPoiesis 1, 2), S. 359–424; Anton Bierl u. Wolfgang Braungart (Hrsg.): Gewalt und Opfer. Im Dialog mit Walter Burkert. Berlin u. New York: de Gruyter 2010 (= MythosEikonPoiesis 2).
Auszug aus: Deborah Fallis, Saskia Fischer und Matthias N. Lorenz: Position und Stimme des Opfers. Literaturwissenschaftliche Beiträge zu einer kontroversen Figur. Verbrecher Verlag, Mai, 2025. 528 Seiten.

 

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