Der Tod des Drogenbosses „El Mencho“ hat zu wütenden Ausschreitungen seiner Bandenmitglieder geführt und bringt kurz vor der Fußballweltmeisterschaft der Männer in Mexiko die extreme Brutalität der Kartelle zurück in die internationalen Schlagzeilen.

Machtdemonstration einer Drogenmafia: Autos und Busse, die von Mitgliedern des Kartells von Drogenboss „El Mencho“ nach dessen Tötung als Teil einer Straßenbarrikade angezündet worden sind, am 22. Februar in Guadalajara. (Foto: EPA/Francisco Guasco)
Die meisten der menschlichen Überreste waren schon im vergangenen Jahr entdeckt worden. Internationales Aufsehen erregen sie jedoch erst jetzt: Mehr als 500 Säcke mit Leichenteilen hatten Mitglieder der zivilen Suchgruppe „Guerreros Buscadores de Jalisco“ im Laufe des vergangenen Jahres an Grabungsorten gefunden, unter anderem in der Siedlung Las Agujas. Sie liegt nur etwa zwanzig Autominuten vom Stadion „Akron“ in Zapopan entfernt, einem Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft der Männer 2026, die im Juni und Juli in Mexiko, Kanada und den USA stattfinden wird.
Zapopan ist ein Vorort von Guadalajara, der Hauptstadt des Bundesstaats Jalisco und einer der größten Städte Mexikos. Der Bundesstaat erlangte zuletzt international vor allem im Zusammenhang mit dem „Cártel de Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) Bekanntheit. Das Kartell ist dem mexikanischen Forscher und Menschenrechtler Sergio Aguayo zufolge die „mächtigste kriminelle Organisation in der Geschichte der Menschheit“. In der vergangenen Woche wurden allerdings die sterblichen Überreste seines Gründers und Anführers, Nemesio Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“, von der Staatsanwaltschaft an seine Familie übergeben – nicht in Säcken, sondern in einem Sarg. Die mexikanische Armee hatte den meistgesuchten Verbrecher des Landes am 22. Februar in einer Art Landhaus festgenommen und dabei in Brust, Bauch und Beine geschossen. An Bord eines Militärflugzeugs auf dem Weg nach Mexiko-Stadt starb er.
Das von Oseguera aufgebaute und geführte Jalisco-Kartell ist bekannt für seine extreme Brutalität. Nach Angaben des Forschungsprojekts „Uppsala Conflict Data Program“ der schwedischen Universität Uppsala ist das CJNG für rund 75.000 Morde verantwortlich. Schätzungen der mexikanischen Regierung zufolge hat es durch Drogenhandel, Erpressung und Menschenhandel ein Vermögen von mindestens 50 Milliarden US-Dollar angehäuft. Nach Osegueras Festnahme folgte heftiger Aufruhr – wie so oft, wenn ein bedeutender Drogenbaron ausgeschaltet wird: Bewaffnete Bandenmitglieder blockierten an rund 250 Stellen Straßen und legten Brände. Über 60 Menschen kamen ums Leben, fast 270 Flüge wurden abgesagt. Schon am nächsten Tag beruhigte sich die Lage wieder und die sogenannten „Narco-Blockaden“ wurden aufgehoben.
Die USA machen das CJNG vor allem für die Einschleusung von Fentanyl verantwortlich und stuften das Kartell im Februar 2025 gemeinsam mit weiteren Drogenbanden als ausländische Terrororganisation ein – was Mexiko verurteilte, weil diese Einstufung als Rechtfertigung für eine militärische Intervention herhalten könnte. Schon im Mai 2025 hatte US-Präsident Donald Trump davon gesprochen, Truppen nach Mexiko zu entsenden, um die „Narcos“ zu bekämpfen. Seine mexikanische Amtskollegin Claudia Sheinbaum lehnte dies mehrfach ab und verwies auf die Souveränität Mexikos. Trump behauptete, Sheinbaum habe „so viel Angst vor den Kartellen, dass sie nicht einmal klar denken kann“. Unter dem Druck der USA lieferte Mexiko im vergangenen Jahr Dutzende Kartellführer aus und verstärkte die Zusammenarbeit an der Grenze.
Unter dem Druck der USA lieferte Mexiko im vergangenen Jahr Dutzende Kartellführer aus und verstärkte die Zusammenarbeit an der Grenze.
Beobachter*innen zufolge hätte Oseguera bereits früher festgenommen werden können, die Regierung habe jedoch wegen der unkalkulierbaren Folgen gezögert. Der Zugriff sei nun erfolgt, weil andernfalls ein Eingreifen der USA gedroht habe. Die Armeeführung betonte, US-Soldaten seien nicht direkt an der Festnahme beteiligt gewesen. Medienberichten zufolge hatten allerdings US-Spezialeinheiten mexikanische Truppen für die Aktion gegen Oseguera trainiert; Hinweise auf seinen Aufenthaltsort sollen von CIA und FBI gekommen sein.
Nach Osegueras Tod gerieten auch die Leichensäcke in der Nähe des Stadions wieder in die Schlagzeilen. Influencer der US-amerikanischen „Maga“-Bewegung fordern zudem, die 13 WM-Spiele in Mexiko abzusagen und in die USA zu verlegen, was der Fußball-Weltverband Fifa ablehnt.
Am vergangenen Sonntag wurde Osegueras Leiche für das in Mexiko übliche Trauerritual „velorio“ in einem Bestattungsinstitut in Guadalajara aufgebahrt. Spezialeinheiten bewachten das Gebäude bis zur Beisetzung am folgenden Tag. Man wolle rivalisierende Mafiagruppen daran hindern, sich dem Ort zu nähern, hieß es von den Behörden. Hereingelassen wurden indes Blumensträuße mit Dankesbotschaften. Beigesetzt werden sollte der Mafiaboss im Vorort San Juan de Ocotán. Damit liegt Osegueras Grab gewissermaßen in der Nachbarschaft zu den Massengräbern in Las Agujas nahe dem WM-Stadion, in denen mutmaßlich die Schergen Osegueras Hunderte ihrer Opfer verscharrt hatten.
Beim „velorio“ verabschieden sich Angehörige von ihren toten Verwandten. Osegueras Sohn, Rubén Oseguera González, genannt „El Menchito“, konnte allerdings nicht teilnehmen: Er wurde im März 2025 in Washington, D.C., zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem Mexiko ihn 2020 ausgeliefert hatte. Die beiden Leibwächter seines Vaters, Andrés „N.“ und Genaro „N.“, die bei der Verhaftung ihres Bosses ebenfalls festgenommen wurden, kamen in Untersuchungshaft in das Bundesgefängnis in Almoloya im Bundesstaat Mexiko.
Damit stellt sich die Frage, ob und wer Oseguera nachfolgt. Die mexikanische Juristin Catalina Pérez Correa, die unter anderem das mexikanische Verfassungsgericht berät, rechnet mit einem weiteren Anstieg der Zahl von Gewalttaten. Das CJNG sei in illegalen Bergbau, Waffenhandel, Diebstahl von Kraftstoff, Handel mit illegalen Substanzen, Erpressung von Unternehmen, Landwirten und Viehzüchtern, die Schleusung von Migranten, die Entführung und Verschleppung von Personen, illegalen Holzeinschlag, Immobiliengeschäfte, Avocado-Plantagen und vieles mehr involviert. Zu den Mitgliedern zählten auch Behördenvertreter aller Ebenen. Das Kartell sei auf mehreren Kontinenten tätig und umfasse verschiedene kriminelle Geschäftszweige.
Der Tod Osegueras könne, so Pérez Correa, die internen Strukturen der Organisation verändern, „er wird aber das kriminelle Verhalten nicht verringern, wenn der Staat nicht die illegalen Wirtschaftszweige und Geschäfte unterbindet“. Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte habe gezeigt, dass die bloße Verhaftung von Kartellführern häufig noch mehr Gewalt nach sich zieht. Die Banden rüsteten dann auf, interne Kämpfe um die Nachfolge sowie Spaltungen und Revierkämpfe mit anderen Kartellen nähmen zu. Die Folge: „Mehr Tote.“ In Sheinbaums Amtszeit seit Oktober 2024 ist die Mordrate in Mexiko zwar auf den niedrigsten Stand seit 2007 gesunken, doch auch im vergangenen Jahr kamen 11,1 Menschen je 100.000 Einwohner*innen gewaltsam ums Leben.
Pérez Correa erinnert an die Folgen der Verhaftung von Ismael Zambada García, genannt „El Mayo“, Mitte 2024, der wie der in den USA inhaftierte Joaquín „El Chapo“ Guzmán zu den Gründern und Anführern des Sinaloa-Kartells zählt. In den folgenden Monaten wurden im Bundesstaat Sinaloa Tausende Vermisste und Ermordete sowie Dutzende getötete Polizisten registriert. Es habe Berichte über die „Abwanderung von Landarbeitern, die aus Angst das Land verlassen“, gegeben, „von geschlossenen Schulen und Geschäften, Schießereien, Entführungen und verstümmelten Leichen, die auf Straßen und Autobahnen zurückgelassen werden und zum Alltag gehören“. In Sinaloa herrsche „ein unerträgliches Maß an Gewalt“.
Am vergangenen Freitag besuchte Sheinbaum den touristischen Strandort Mazatlán in Sinaloa. Zur selben Zeit fanden Mitglieder der Gruppe „Vereinte Herzen für eine gemeinsame Sache“, in der sich Angehörige der Opfer von Gewaltverbrechen organisieren, die Leiche der 38-jährigen Rubí Patricia Gómez-Tagle in ihrem Wohnhaus. Sie war für ihren Kampf gegen das gewaltsame Verschwindenlassen bekannt. Unbekannte hatten ihr mit einem Messer eine tiefe Wunde am Hals zugefügt. Das Kollektiv „Sabuesos Guerreras“, das Verschwundenen nachforscht, bezeichnete die zeitliche Koinzidenz des Verbrechens mit dem Besuch der Präsidentin als „direkte Herausforderung des Staats“. Derzeit gelten in Mexiko rund 131.000 Menschen als vermisst, viele wurden von Kartellen verschleppt.

