KOLUMBIEN: Abschied von der harten Hand?

von | 11.03.2010

Eigentlich wollte der kolumbianische PrÀsident Álvaro Uribe weiter regieren. Die Verfassungsrichter haben ihm eine dritte Amtszeit verwehrt, doch will der selbstherrliche PrÀsident offenbar nicht in den Ruhestand treten.

Daumen hoch?
FĂŒr den amtierenden kolumbianischen PrĂ€sidenten Uribe ist Politik ein „SchĂŒtzengraben“ – und den will er offenbar nur tot wieder verlassen.

Wird Álvaro Uribe VĂ©lez wirklich der Macht entsagen? Die auflagenstarke Wochenzeitung Semana in BogotĂĄ spekulierte bereits darĂŒber, ob der amtierende PrĂ€sident wieder auftauchen werde, diesmal als VizeprĂ€sident. Zuzutrauen ist es dem autokratischen Uribe, der Kolumbien zwei Amtszeiten regiert hat und nur zu gern noch eine dritte hĂ€tte folgen lassen. Das haben ihm die obersten Richter des Landes jedoch in ihrem Urteil Ende Februar verwehrt. Ein von Uribe geplantes Referendum, das ihm eine zweite Wiederwahl gestatten sollte, wurde fĂŒr nicht verfassungskonform befunden.

Eine Entscheidung, die so nicht unbedingt erwartet worden war. Denn der PrĂ€sident habe die Richter verbal mehrfach bedrĂ€ngt und sich in der Vergangenheit auch nach KrĂ€ften bemĂŒht, die Zusammensetzung des höchsten Richtergremiums zu seinen Gunsten zu beeinflussen, sagt Fernando Otalvero, Richter in MedellĂ­n. „Uribe hat die UnabhĂ€ngigkeit dieser Institution und den Rechtsstaat nie akzeptiert. Letztlich waren oder sind die Richter des obersten Gerichtshofs die letzte Bastion im Land.“

Der Gerichtshof beugte sich den WĂŒnschen des PrĂ€sidenten nicht. Dieser hatte bereits seine zweite Amtszeit mit dubiosen Methoden möglich gemacht. Abgeordnete wurden damals mit Geld und anderen Mitteln beeinflusst, so dass Zweifel an der Legitimation des PrĂ€sidenten durchaus angebracht waren. Im Ausland wurde das wenig beachtet. Obgleich es nicht an Beweisen mangelt und einige Abgeordnete auch verurteilt wurden, kam man nie auf die Idee, die Entscheidung rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Also ließ sich der PrĂ€sident mit 60 Prozent der Stimmen bei einer nicht gerade hohen Wahlbeteiligung von 45 Prozent im Amt bestĂ€tigen.

HĂ€rte gegen die Guerilla war unter Álvaro Uribe die oberste Devise. Die Mittel, derer er sich dabei bediente, waren militĂ€rische. Er setzte aber auch paramilitĂ€rische Gruppen ein, dies wurde in den vergangenen Jahren eindeutig bewiesen. Möglich machte die Ermittlungen der Laptop von „Jorge 40“ alias Rodrigo Tovar Pupo. Der Computer fiel den Ermittlern im Oktober 2006 in die HĂ€nde, ein GlĂŒcksfall fĂŒr die Staatsanwaltschaft, die mehrere Dutzend Parlamentarier, die mit den ParamilitĂ€rs kollaborierten, in Untersuchungshaft schickte.

Observation und Schikanierung von Oppositionellen gehörten unter Uribe beinahe schon zum Alltag.

Den PrĂ€sidenten erreichten die Ermittler nicht. Obwohl auch Freunden, engen Mitarbeitern und Verwandten Uribes Verbindungen zu den ParamilitĂ€rs nachgewiesen wurden, schien keine EnthĂŒllung ihn belasten zu können. Damit ist nun Schluss, denn am 30. Mai steht der Name Uribe nicht auf dem Wahlzettel. Die Richter verwiesen in ihrer UrteilsbegrĂŒndung darauf, dass gemĂ€ĂŸ der Verfassung nur die einmalige Wiederwahl möglich sei. Obendrein monierte das neunköpfige Gremium, dass es bei den Vorbereitungen des von den AnhĂ€ngern Uribes initiierten Referendums zu UnregelmĂ€ĂŸigkeiten gekommen sei, unter anderem bei der Finanzierung.

Die besten Chancen, der Nachfolger Álvaro Uribes zu werden, hat nun sein langjĂ€hriger Verteidigungsminister Manuel Santos. Die konservativen KrĂ€fte werden ihn höchstwahrscheinlich unterstĂŒtzen. Dass Uribe dann VizeprĂ€sident werden wird, ist nicht nur ein vages GerĂŒcht. Er wolle sich nicht aus der Politik zurĂŒckziehen, hatte er bereits kurz nach dem Urteil der Richter mitgeteilt. An der Seite von Santos könnte er weiter die Politik beeinflussen, spekulieren mehrere kolumbianische BlĂ€tter. Die beiden sind ein erprobtes Duo, denn zwischen Juli 2006 und Oktober 2009 war es Manuel Santos, der versucht hatte, all die Skandale der MilitĂ€rs zu vertuschen.

Darunter waren auch die mindestens 1.600 FĂ€lle von „falsos positivos“. So werden die Jugendlichen genannt, die von der Armee verschleppt und ermordet wurden und deren Leichen man dann in Uniformjacke, mit Gummistiefeln und automatischer Waffe der Presse als getötete Guerilleros prĂ€sentierte. Der Skandal beschĂ€ftigte sogar die internationalen Medien. FĂŒr Richter Fernando Otalvero, der gleich mehrere FĂ€lle von „falsos positivos“ bearbeitet, ist das ebenso ein Skandal wie das heruntergekommene Justizsystem. Die Besserungen, die im Ausland gerade im Bereich der Justiz erwartet worden waren, weil in Ausstattung und Ausbildung investiert wurde, sind ausgeblieben. Das hat nach Ansicht Otalveros und anderer Richter vor allem politische GrĂŒnde, denn letztlich fehle es am politischen Willen, den Rechtsstaat in Kolumbien wiederaufzubauen.

Die Skandale der vergangenen Jahre bestĂ€tigen das, denn AbhöraffĂ€ren und die Observation und Schikanierung von namhaften Oppositionellen gehörten unter Uribe beinahe schon zum politischen Alltag, sagt Otalvero. Das Justizsystem habe, von Ausnahmen abgesehen, versagt: „97 Prozent der Menschenrechtsverletzungen werden in Kolumbien nicht geahndet.“ Dies sei eine Folge der „Politik der harten Hand“, die Uribe propagiert, meinen viele Experten.

Ob sich daran etwas Ă€ndern wird, ist derzeit noch vollkommen unklar, denn die Entscheidungen ĂŒber Koalitionen und Personal fallen nach den Vorwahlen am 14. MĂ€rz. Manuel Santos zĂ€hlt zu den Favoriten, weil er einem mĂ€chtigen Familienclan angehört, der ĂŒber ein weit verzweigtes Unternehmensnetz gebietet, zu dem auch die Casa Editorial El Tiempo gehört, das grĂ¶ĂŸte und einflussreichste Medienhaus Kolumbiens.

Mehrere kolumbianische Richter meinen, es fehle am politischen Willen, den Rechtsstaat in Kolumbien wiederaufzubauen.

Cousin Enrique Santos ist derzeit Vorsitzender der Interamerikanischen Pressevereinigung, Vetter Francisco amtiert als VizeprÀsident. Bei den anstehenden Verhandlungen wird die Familie Santos ein gewichtiges Wort mitsprechen. Ob sie Uribe tatsÀchlich das Amt des VizeprÀsidenten geben will, ist bisher nicht absehbar, doch gilt die Wochenzeitung Semana als gewöhnlich zuverlÀssige Quelle.

PrĂ€sident Uribe hat sich noch nicht zu seinen politischen PlĂ€nen geĂ€ußert, mit dem ĂŒblichen Pathos verkĂŒndete er nur, er wolle „bis zu seinem Tod dienen, in welchem SchĂŒtzengraben auch immer“. Viele seiner AnhĂ€nger, deren Zahl auf mindestens fĂŒnf Millionen geschĂ€tzt wird, wollen ihr Idol wieder in einer hohen Position sehen. Dagegen feierten Liberale und Linke das Urteil. Als „Rettung von Demokratie und Verfassung“ bezeichnete es Rafael Pardo, Kandidat der Liberalen Partei fĂŒr die PrĂ€sidentenwahl am 30. Mai. Sein Kontrahent Gustavo Petro vom Demokratisch-Alternativen Pol sagte: „Entweder wir garantieren wirksam Sicherheit mit sozialer Gerechtigkeit, oder Kolumbien bricht wegen der sozialen Kluft auseinander.“

Knut Henkel berichtet aus Lateinamerika.

Dat kéint Iech och interesséieren

INTERGLOBAL

Ungarn: Machttransfer mit HĂŒrden

In Rekordzeit wurde die neue ungarische Regierung installiert. WĂ€hrend Viktor OrbĂĄn vor allem auf LoyalitĂ€t setzte, geht es dem neuen MinisterprĂ€sidenten PĂ©ter Magyar erkennbar um Fachwissen. Im Kabinett sind fast ausschließlich Experten vertreten, die mit Parteipolitik bisher wenig oder nichts zu tun hatten. Sie alle haben sich einer Vielzahl von Herausforderungen zu stellen.

INTERGLOBAL

Georgien: Aufruhr fĂŒr die akademische Freiheit

Seit der umstrittenen Parlamentswahl im Herbst 2024 protestieren in Georgien Tausende Menschen gegen die Regierung. Besonders Studierende und Wissenschaftler warnen vor neuen Gesetzen und einer Bildungsreform, die die Autonomie der UniversitÀten einschrÀnken und das Land weiter von der EuropÀischen Union entfernen könnten.